MIR FEHLT NOCH EIN WENIG ZUR OMNIPRÄSENZ

"Ich müsste also beim Lendwirbel wirbeln, im Designmonat mich vom Leben neu zeichnen lasse

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01/05/2010

Ich kann im Moment nicht schreiben, weil ich unter einem Berg von Einladungen begraben bin. Ich diktiere dies meinem treuen Sekretär Idris direkt in die Rohrfeder. Er leitet es per Rohrpost weiter. Falls er Fehler bei der Übermittlung machen sollte, wird das meine Stammleserin sicher in ihrer unnachahmlich ernsthaften Manier richtigstellen.

Wenn ich im „Falter“ den Veranstaltungskalender für Wien mit der Lupe durchgehe, wundere ich mich, wie viel dort veranstaltet wird. Eine derartige Fülle, ein beneidenswertes Überangebot, das freilich dazu führen könnte, dass man vor lauter Qual der Wahl unschlüssig zu Hause bleibt. Denn sich teilen wie ein Regenwurm, das schaffe ich nicht. Und zur Omnipräsenz fehlt mir noch einiges. Aber ich übe!

In Graz ist das Angebot für gewöhnlich überschaubar. Aber alles neu macht der Mai. Ich müsste also beim Lendwirbel wirbeln, im Designmonat mich vom Leben neu zeichnen lassen, bei den Architekturtagen meine Kenntnisse – eine Fassade ist eine Fassade ist eine Fassade – vertiefen – ja, und selber muss ich auch noch dort und da laut vorlesen.

Wie ich das schaffen werde? Durch eisernes Kulturfasten bis dahin. Ich werde also nicht in den Schriften von Riklef Rambow zur Archi-tekturvermittlung schmökern, obwohl ich nichts lieber täte, auch werde ich den Filmabend im Haus der Architektur aus Angst, „die Gegenwart zu löschen“, auslassen. (Es lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt. Wem sein Gedächtnis verloren gegangen ist, erlebt jeden Augenblick für sich. Nur er lebt wirklich in der Gegenwart. Und also ewig. Was der Ewigkeit im Weg steht, ist die Erinnerung.)

Wenn ich ein Übermaß an Eindrücken aufnehme, könnte es passieren, dass ich, da ich sie nicht verarbeiten kann, implodiere. Solche Risiken! Aber sie nicht einzugehen, hieße ewig damit hadern, etwas versäumt zu haben. Lendwirbel, wirf mich in die Luft! Designmonat, sei bei mir! Architekturtage – nie sollt ihr vergehen…

Idris, hast du’s aufgezeichnet? Nein, den letzten Satz nicht mitschreiben. Lösch ihn aus! Und wälze endlich den Postberg von mir herunter!

Verfasser/in:
Günter Eichberger, Glosse

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