ES FÄHRT EIN ZUG NACH NIRGENDWO

"Die ÖBB sind gezwungen, ihren Fahrplan grundlegend zu ändern, auch mitten in der besten F

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27/10/2009

Als ich unlängst nach Wien fuhr, machte ich es mir wie üblich im Abteil bequem, lagerte die Beine hoch und vertiefte mich in den Fahrplan der Bundesbahnen, die ideale Reiselektüre. Deutlich dünner geworden, dachte ich, womöglich hat man die eine oder andere Strecke eingespart. Na schön, ich muss nicht in jeden Graben fahren. Mir genügen die Metropolen. Das im Traum seiner Vergangenheit verfangene Wien, das wehrhaft gepanzerte Linz, das Pracht-Trachtendorf Salzburg, das schaurig schöne Köflach, das weltoffene Voitsberg, das abenteuerlustige Knittelfeld, das hundertfach beseelte Zistl…

Jemand tippte mich an. Wer wagt es, mich anzurühren? Rittersmann oder Knapp? Es war der Schaffner persönlich. „In den letzten Stunden“, sagte er, „haben sich die Ereignisse überschlagen. Die ÖBB sind gezwungen, ihren Fahrplan grundlegend zu ändern, auch mitten in der besten Fahrt. Uns ist nämlich der Dampf ausgegangen. Dieser Zug hält in Mürzzuschlag. Wer dringend nach Wien muss, soll sehen, wie er dort hinkommt.“

Ich wies meinen gültigen Fahrschein vor. Der Schaffner zerriss ihn. „Es ist an Schienenersatz gedacht. Fesselballone. Aber eben nur gedacht. Die Zeit ist zu knapp, knapp wie das Geld, das auch durch wagemutigste Spekulation nicht zu vermehren war, im Gegenteil, es ist aus den offenen Fenstern hinausgeflattert, als hätte es sich in eine ganze Vogelschar verwandelt. Zwar sind die Lokomotiven und Waggons verpfändet, bringen aber nichts mehr ein, wer will heutzutage schon einen Zug kaufen, nein, wir befinden uns ohne Übertreibung in einer sehr ernsten Lage, ohne jetzt das Wort Krise gebrauchen zu wollen, das schon so abgenutzt ist, dass es nichts mehr bedeutet. Die stolze Eisenbahn wird in diesen schweren Zeiten hart geprüft. Und Sie mit ihr. Wir sind ganz auf die Unterstützung unserer Reisenden angewiesen, die unbeirrbar Tickets für Linien lösen, die eingestellt wurden, als Solidarbeitrag zur Sanierung des Unternehmens. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch einen guten Fußmarsch ins ferne Wien, wo unsere Zentrale steht, wo meine Wiege stand. Ich kann Ihnen noch ein Lied aus meiner Jugend auf den Weg mitgeben, es fährt ein Zug nach Nirgendwo…“

Und wirklich begann der Schaffner zu singen, mit einer Stimme, die nach Schmieröl und Heizkessel klang, und von der ich erwachte.

„Die Verbindung Graz-Linz soll eingestellt werden“, sagte ein Mitreisender, „wohin soll das noch führen?“ Der Zug fuhr in den Südbahnhof ein.

Verfasser/in:
Günter Eichberger, Glosse

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