Der Architekt aus der Flasche

In jüngerer Zeit, als das Beten schon nicht mehr reiche Ernte garantierte, lebte in der sü

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13/04/2009

In jüngerer Zeit, als das Beten schon nicht mehr reiche Ernte garantierte, lebte in der südlichen Steiermark ein kleiner Weinbauer. Seine Anbaufläche war gering, der Ertrag reichte gerade aus, um einen Buschenschank zu betreiben.

Beim Abfüllen des jungen Weins vernahm er plötzlich gurgelnde Laute aus einer Flasche. Er erkannte ein winziges Wesen darin, das ihm Zeichen gab. Das Weinbäuerlein entkorkte die Flasche und goss den Wein samt dem Winzling in ein Glas. Das Glas brach, das Wesen schoss in die Höhe, stieß mit dem Kopf an die Kellerdecke. Es war ganz schwarz gekleidet und hielt einen Zeichenblock in Händen. „Ich bin ein großer Geist“, sprach es, „und möchte schaffen, schaffen, Häuser bauen. Du möchtest doch sicher ein Domizil, in dem sich deine Persönlichkeit ausdrückt und die Beziehung zu deinem Produkt, an dem ich mich ziemlich verschluckt habe. Du musst deinem Wein ein angemessenes Heim bieten, dann wird er sich in beste Qualität verwandeln. Ein paar Aromastoffe werden nicht schaden, auch solltest du Barriquefässer verwenden.“ Er zeichnete etwas auf seinen Block, murmelte „Gotik-Barock-Barique“ - und schon war der Keller voller Fässer aus edelstem Holz.

„Das ist erst der Anfang. Was du brauchst, ist ein Verkostungsraum. Die Theke vielleicht in der Form eines Schiffs. Siehst du, so.“ Was der Geist zeichnete, erstand alsbald. „Jetzt noch die Außenhülle. Woran hast du denn gedacht?“ – „Na ja“, sagte das Winzerlein schüchtern, „Marmor vielleicht…“ – „Aber du willst ja kein Grabmal, du möchtest ein Weinwahrzeichen für die ganze Region. Ich stelle dir einen luftig-leichten Bau in Erdtönen hin. Massivbetonbauweise, aber raffiniert mit Sandstein verkleidet, viel Holz, viel Glas, damit alles transparent wird. Nicht diese Bauernhausgucklöcher, hinter denen jeder gleich rechtschaffene Armut und dumpfe Verzweiflung vermutet. In deinem Gut muss sich der Aufschwung des steirischen Weinbaus als Baukunst materialisieren…“

„Aber mit den Burgenländern und Niederösterreichern können wir Steilhangsteirer nicht mithalten.“ – „Das lass nur meine Sorge sein. Denen schütte ich Glykol in die Spätlesen, dann werden nur noch Lebensmüde ihren Wein kaufen wollen. Aus dem Buschenschank machst du ein Restaurant mit regionalen Spezialitäten, die aber in einer Molekularküche zu Schaum geschlagen werden. Zuerst kommen die Weinkritiker, dann die Architekturtheoretiker und zuletzt die Gourmetführer. Dann bist du ein gemachter Mann.“

„Und was soll das kosten?“ – „Um drei, vier Millionen müsste das zu machen sein.“ – „Aber die habe ich doch nicht. Kann kaum Weib und Kind mit meiner Hände Arbeit ernähren.“ – „Ich kenne da einen Geisterkollegen bei einer Bank. Der ist auf virtuelle Geldvermehrung spezialisiert. Der gibt dir auf dein ehrliches Gesicht hin die gewünschte Summe.“ – „Aber irgendwann werde ich das ja zurückzahlen müssen…“ – „Das lässt sich über den Weinpreis regeln. In Zukunft deklarierst du deinen Morillon als Lagenwein und verlangst 20 Euro dafür.“ – „Das wird niemand zahlen wollen.“ – „Doch, doch. Die sehen dein Zauberschloss und schon flattern ihnen die großen Scheine aus der Brieftasche. Designbau ist das Reinheitsgebot der Stunde.“ - „Ich weiß nicht. Das klingt mir nach einem Märchen. Besser, du gehst wieder zurück in deine Flasche.“

Doch da war der Dschinn schon aus dem Keller geschlüpft, um seine Dienste einem anderen Winzer anzubieten. Und seither schießen in der Südsteiermark die bezauberndsten zeitgenössischen Baukörper aus dem Boden. Und wenn die Krise sie nicht zur Versteigerung zwingt, dann bauen sie fröhlich weiter.

Verfasser/in:
Günter Eichberger, Glosse

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