BEVOR MAN IN NEAPEL STIRBT

In Neapel sieht man, bevor man stirbt, mit brechendem Blick 249 Kirchen

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29/06/2011

"In Napoli, einer griechischen Stadtgründung, herrscht eine kuriose Regellosigkeit, die Ausnahme ist hier die Regel, das Bauwesen eine Art Wucherung, zwar strikt illegal,

In Neapel sieht man, bevor man stirbt, mit brechendem Blick 249 Kirchen, für jeden Heiligen eine, die Wohnhäuser gehen nahtlos in Sakralbauten über, die Kapellen kann man gar nicht zählen, die berühmteste, gleichzeitig kitschigste ist die für Maradona, der kleine, dicke Diego, die „Hand Gottes“, wird dort nach wie vor verehrt wie die Madonna, die es auch als Graffito gibt. In Napoli, einer griechischen Stadtgründung, herrscht eine kuriose Regellosigkeit, die Ausnahme ist hier die Regel, das Bauwesen eine Art Wucherung, zwar strikt illegal, aber was einmal errichtet ist, kann nicht mehr niedergerissen werden, weil das gegen den göttlichen Chaosplan verstoßen würde.

Auch Wunder sind dort alltäglich, das Blut des heiligen Gennaro verflüssigt sich pünktlich an seinem Feiertag, bleibt das Wunder einmal aus, fürchten fast zwei Millionen Neapolitaner und Neapolitessen, ihr Städtchen könnte über ihren Köpfen einstürzen. Was aber nicht geschehen kann, weil die Häuser so nahe beieinander stehen, dass sie sich gegenseitig stützen. Für den sozialen Zusammenhalt sorgt – nicht frei von Eigennutz – die Camorra.

Noch unglaublicher als die neapolitanische Baukunst ist der neapoli-tanische Verkehr. In den Fußgängerzonen wird man, ganz in die Be-trachtung einer Hausfassade versunken, verlässlich von einem Auto überfahren. Denn die Fußgängerzonen heißen nur der Form halber so. In Neapel triumphiert die Willkür unwillkürlich über jeden perversen Ordnungssinn. Pedanten und Ordnungshüter sterben in Neapel vor Entsetzen binnen einer halben Stunde. Chaoten und Anarchisten er-wägen die Einwanderung. Aber auch sie sterben alsbald inmitten die-ser stinkenden, lärmenden, verfallenden Schönheit.

Wer sie angeschaut mit Augen, wird für keinen Dienst auf Erden taugen. Nicht einmal für das Verfassen von Glossen.

VERANSTALTUNGSHINWEIS:

"Von Bank zu Bank" - Lesung der Grazer Autorenversammlung

WANN: 30. Juni 2011, 17.00 Uhr

TREFFPUNKT: Bankhaus Krentschker

Am Eisernen Tor 3, Graz

"Die GAV verspielt ihren letzten Kredit", heißt das selbstironische Motto der heurigen Lesewanderung durch Graz unter der Regie von Wilhelm Hengstler und der Führung von Günter Eichberger. Stationen sind sieben Banken, zwischen Eisernem Tor, Tummelplatz und Hauptplatz.

Es lesen folgende Autoren Kurztexte: Birgit Pölzl, Monika Wogrolly, Andrea Sailer, Constanze Dennig, Andrea Stift, Clemens J. Setz, Joachim G. Hammer, Werner Schandor, Robert Wolf, Helwig Brunner, Wolfgang Pollanz, Mike Markart, Franz Zalto, Wilhelm Hengstler, Günter Eichberger und Martin G. Wanko.

Verfasser/in:
Günter Eichberger, Glosse

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