AUF NICHTS GESTELLT. Baukunst und Kreisverkehr

Kein Wunder, dass der Verkehr eine so starke Lobby hat, denn das offensichtlich Unvernünft

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20/03/2010

Das Auto ist das goldene Kalb der Gegenwart, alles tanzt nach seiner Hupe. „Was die sieben Weltwunder für das Altertum“, schreibt Wilhelm Hengstler, „ist das weltumspannende Straßennetz mit seinen Viadukten, Autobahnen, Brücken und Tunnels für die Gegenwart.“

Einer Studie zufolge hängt jeder siebente deutsche Arbeitsplatz am Auto, und bis zu einem Drittel seines Einkommens wendet der durchschnittliche Arbeitnehmer für sein Auto auf. Am Verkehr hängt, zum Verkehr drängt alles. „Die Freiheit des Individualverkehrs kostet – ökonomisch, ökologisch, persönlich – so viel, dass sie schon wieder zur Sklaverei wird.“ Der Bürger in seinem Glauben an Freiheit und Selbstbestimmung sieht die Fäden nicht, an denen er hängt. Und schon gar nicht die Hände derer, die im Dunkeln daran ziehen.

Unbelehrbare hört man bis heute sagen, Hitler habe – trotz seiner unzweifelhaften ideologischen Verirrungen - doch auch manch Gutes getan, nämlich die Autobahn gebaut. (Vermutlich mit eigenen Händen.) Zu welchem Zweck, bleibt dabei unerwähnt.

Kein Wunder, dass der Verkehr eine so starke Lobby hat, denn das offensichtlich Unvernünftige findet in unserer laut George Soros „undurchschaubaren, durch und durch irrationalen Welt“ eine solide Überzahl an Anhängern. Die würde man doch eher anderen Disziplinen wünschen, die zur Steigerung der Lebensqualität beitragen. Etwa der Baukunst. Aber Lebensqualität ist Luxus – also überflüssig - , was zählt, ist eine zielgerichtete Betriebsamkeit, deren Früchte meist nicht jene ernten, die sie gesät haben.

In Robert Quines Film „Fremde, wenn wir uns begegnen“ (1960) verfolgt ein von Kirk Douglas gespielter Architekt unbeirrbar seinen sehr konkreten Traum, Häuser zu bauen, die den Menschen, die darin wohnen, entsprechen sollen. In einem angemessen exzentrischen Bau für einen an seiner Literatur zweifelnden Erfolgsautor verherrlicht der standhafte Baukünstler in Wahrheit seine heimliche Liebe zu einer gutbürgerlich verheirateten und dementsprechend gelangweilten Frau (Kim Novak). Die angestrebte Einheit von Alltag und Kunst gelingt – wenn auch „nur“ in der Architektur. Der fertige Bau legt sein steinernes Zeugnis davon ab. Die einen Sommer lang Liebenden aber trennen sich – nicht als Freunde, sondern Fremde - , sobald das Haus steht.

„Der moderne Verkehr ist das Gegenteil von Kommunikation, wer das bezweifelt, muss sich nur an einer Durchzugsstraße einmieten oder der Unbehaustheit der Bahnhöfe aussetzen“, schreibt Hengstler. Die Gegenmacht der Kunst hat keine Lobby, sie hat nur die Freiheit, zu sehen, wo sie bleibt. Auf nichts gestellt als ihren eigenen Anspruch.

Verfasser/in:
Günter Eichberger, Glosse

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