Im Streichel-Zoo
„Von nun an wird alles anders“, sagt das Landeshaupt und drückt seinem Vize-Schützen einen dicken Kuschelbären in die Hand. „Hinweg mit den Schatten der Vergangenheit“, ruft der Schütze und schüttelt die Schatten ab, die formlos zu Boden gehen und einen Teppich bilden.
„Im Grunde habe ich nie etwas gegen dich gehabt“, sagt das Landeshaupt mit Betonung, „zumindest nichts in der Hand.“
„Und ich wollte nur deine Position“, sagt der Vize offen, „aber nie dir ans Leder.“
„Du bist mir lieber als mancher Genosse, von dessen Wirken nur noch Flecken auf diesem Teppich bleiben. Aber deine Umgebung macht mir Sorgen. Kannst du dir nicht andere Spießgesellen suchen? Nicht diese Kettenhunde ohne Beißkorb…“
„Das lass nur ganz im Vertrauen meine Sorge sein. Ein Amt hat noch den schärfsten Kläffer gezähmt. Und zu Ämtern drängt, an Ämtern hängt doch alles.“
„Die Lage ist ernst. Bei Pressekonferenzen werde ich meine Notstandsmiene aufsetzen. Siehst du, so.“ Das Landeshaupt schaut drein, als hätte es seit Tagen nur Verdorbenes gegessen.
„Die schlechten Nachrichten kann man doch auch mit einem Lächeln überbringen. Ich bin gut im Lächeln.“ Der Vize-Schütze gleicht seinen Gesichtsausdruck den Wahlplakaten an.
„Und die Ressorts?“, fragt das Landeshaupt. „Die Kultur könnt ihr haben. Das sag ich gleich.“
„O schön. Da kann man nicht viel falsch machen. Und wenn, dann interessiert das kaum jemanden. Heikel ist allenfalls die Baukunst. Weil sie alle vor der Nase haben. Aber wenn wir die Kultur mit der Wirtschaft kombinieren, können wir gleich mit dem lustigen Kürzen und Streichen beginnen, dem drolligen Gürtelengerschnallen, bis alle nur noch japsen und blau im Gesicht anlaufen.“
„Herrje, der Blaue. Was geben wir dem? Den blauen Brief?“
„Leider haben ihn diese undankbaren Wähler, die unsere Regierungskunst nicht zu schätzen wissen, angekreuzt. Diese Analphabeten. Wir überlassen ihm die Umwelt. Darin kann er nur verloren gehen. Und den Verkehr. Da wird er überfahren.“
„Hoffentlich. Wie wir uns doch gleich verstehen, wenn’s um die Verteilung des Bärenfells geht. Wir alten Bärenhäuter.“
„Ich denke, wir sollten als erstes einen Wettbewerb für ein würdiges Denkmal ausschreiben.“
„Für wen? Für mich?“
„Für unsere gemeinsame Arbeit. Ein Schiff im Sturm.“
„Mit mir am Steuer. Mit ruhiger Hand durch böses Wetter.“
„Dann bleibt mir in aller Demut die Rolle des Kapitäns“, sagt der Vize.
„Nein, du bist an den Mast gebunden. Als Meuterer“, sagt das Landeshaupt.
„Da hast du deinen Kuschelbären!“
Und die Schatten der Vergangenheit verdunkeln die folgende unschöne Szene.
- Verfasser/in:
- Günter Eichberger, Glosse