Österreich und der Brutalismus

Eine Buchbeschreibung

9 mal Architektur der 1960er und 1970er

von ,

19/04/2023

Mag.phil. Ernst Wenzel Mraček, Kunsthistoriker. 1962 in Klagenfurt geboren, arbeitet er als Kulturpublizist in Graz. Literatur Wenzel Mraček, Simulierte Körper. Vom künstlichen zum virtuellen Menschen. Wien, Köln … mehr

Im eingangs wiedergegebenen Gespräch mit den Architekturtheoretikern Oliver Elser und Nott Caviezel wird der britische Architekturhistoriker Reyner Banham genannt, der angesichts der Hunstanton School (Norfolk GB) von Alison und Peter Smithson 1955 den Begriff „New Brutalismus“ einführte und dafür drei Kriterien nannte, nämlich die Einprägsamkeit des Bildes, die zur Schau gestellte Struktur und die Verwendung (Wertschätzung) „vorgefundener“, möglichst unbearbeiteter Materialien. Dass sich damit dennoch ein weites Feld der Zuordnung eines brutalistischen Bauwerks eröffnet, zeigt die Auswahl an Beispielen, die in Brutalismus in Österreich 1960 – 1980 – Eine Architekturtopografie der Spätmoderne in 9 Perspektiven behandelt werden.

Abgesehen von Strukturansichtigkeit und dem dominierenden Sichtbeton stehen durchwegs Entwurfsqualitäten und diverse Konstellationen, die zur Umsetzung der Bauten führten, im Fokus der neun Essays, die von markanten Objekten in den Bundesländern und ihren Architekten (keine Architektinnen) handeln. Insofern eine internationale Tendenz, die in ihren österreichischen Ausformungen durchaus mit politischen – und kirchenpolitischen – Umständen verbunden ist, wie vor allem die Beispiele Tirols, der Steiermark und des Burgenlandes zeigen. Im Prolog des von Johann Gallis und Albert Kirchengast herausgegebenen Bandes greift Oliver Elser hinsichtlich der Begriffsgenese freilich weiter zurück auf Le Corbusier, der den „herben Sichtbeton“ der Unité d’Habitation (1947 – 1952) „béton brut“ nannte. In seinem Essay dagegen erweitert Anselm Wagner die Spezifika um eine „steirische Besonderheit“, indem er das Forschungs- und Rechnungszentrum der VOEST-Alpine AG in Leoben (Domenig, Huth 1969 – 1973) als „Stahl-Brutalismus“ bezeichnet.

Elmar Kossel und Klaus Tragbar legen den Fokus in ihrem Beitrag über Tirol auf den Kirchenbau im „heiligen Land“ (Architekten Josef Lackner, Norbert Heltschl) und zitieren Maria Welzig (2002) in Bezug auf Sakralbauten, dass nämlich „der wichtigste Bauherr für diese junge Architektengeneration […] die katholische Kirche – in den 60er-Jahren in Österreich einsamer Vorreiter hinsichtlich Architektur- und Bauherrenkultur“ gewesen sei. Quasi bestätigt wird diese Ansicht in den Aufsätzen von Sonja Pisarik (über Wien, darin „der Kirchenbauboom“), Gallis‘ und Kirchengasts Darstellung der Situation im Burgenland mit der Osterkirche in Oberwart (Domenig, Huth 1966 – 1969), wenn nicht mit Anselm Wagners Sicht auf die Steiermark und den Bau des Mehrzwecksaals der Schulschwestern in Graz-Eggenberg. Die „klassische Phase“ des Brutalismus, hält Wagner hier fest, „kommt aus der Schweiz“. Auf der Suche nach einem „neuen plastischen Ausdruck in der Architektur“ entdeckten nämlich Eilfried Huth und Günther Domenig den Bildhauer-Architekten Walter Förderer.

Indem eine zwar umfassende Auswahl brutalistischer Bauten in Österreich über jeweilige Artikel zu den Bundesländern beschrieben ist, fällt es doch schwer, eine zeitliche Entwicklung der einzelnen Objekte zu erfassen. Eine dem Band beigegebene Zeittafel hätte Vergleiche erleichtert. Im Abschnitt über Kärnten (von Lukas Vejnik), fällt zum Beispiel auf, dass Adolf Buchers Freibad Paternion schon 1959 errichtet wurde. Im Land der Bäder arbeitete Bucher außerdem für Wolfsberg und Bad Kleinkirchheim in Sichtbeton. Die Schweizer Inspiration für Domenig und Huth, das erschließt sich aus dem Vergleich der Essays zu Kärnten und der Steiermark, folgte also mit der Auslobung des Ideenwettbewerbs um die Pädagogische Akademie der Diözese Graz 1963, während die Realisierung zwischen 1965 und 1969 erfolgte. Dem Kulturzentrum in Mattersburg (Burgenland) von Herwig Udo Graf dagegen liegt ein „kulturpolitisches Experiment“ zugrunde, da man sich 1971 am Typus des angloamerikanischen Community-Centers orientierte. Gebaut wurde schließlich zwischen 1973 und 1976. In Eigeninitiative entwickelte die Werkgruppe Graz für die Terassenhaussiedlung 1965/66 ein Vorprojekt am Ort einer ehemaligen Lehmgrube in St. Peter. Finanziert wurde aus dem Wiederaufbaufonds und als Bauträger wurde die Wiener Gemeinnützige Wohnbauvereinigung gewonnen, bis zwischen 1972 und 1974 gebaut wurde.

Ausführlich widmet sich Sabine Weigl dem Kongresszentrum in Bad Gastein, der „brutalistischen Ikone“ von Gerhard Garstenauer. Infolge eines mit Bürgermeister Anton Kerschbaumer formulierten Tourismuskonzepts kam es zur Errichtung eines elfgeschossigen Parkhauses (ab 1966), des Felsenbades (1967 – 1968) und schließlich der Fertigstellung des Kongresszentrums 1974.

Johann Gallis und Albert Kirchengast: Brutalismus in Österreich 1960 – 1980. Eine Architekturtopografie der Spätmoderne in 9 Perspektiven. Wien, Böhlau Verlag, 2022. 277 Seiten, ISBN 978-3-205-21334-5. EURO 47,--

Maße (BxHxT): 17 x 24 x 2,4 cm


Gewicht: 0,723 kg

In der Zusammenfassung des Buches Brutalismus in Österreich 1960 – 1980. Eine Architekturtopografie der Spätmoderne in 9 Perspektiven beschreibt Wenzel Mraček, was ihm aufgefallen ist und was ihm fehlt.

Weiterführende Links

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© Böhlau Verlag Wien

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