Oder: „Warum wir immer noch zersiedeln, obwohl wir wissen, dass eigentlich alles dagegen spricht!“ Und warum es wichtig ist, darüber zu sprechen: In der Stadt und auf dem Land, in Graz- Reininghaus, im Stadtmuseum, auf der Universität und im Internet.
„Yes, we camp!“ - mit diesem Slogan machten die Obdachlosen von L'Aquila die Mächtigen der Welt zum Auftakt des G8-Gipfels aufmerksam. Aufmerksam auf sich. Übertragen lässt sich dieses Bonmot aber auch auf die globale Situation von Millionen von Menschen, die auf Dauer zu jener Form des Wohnens verurteilt sind, der wir gerne temporär bei geeignetem Wetter und aus Abenteuerlust frönen. Den Rest des Lebens verbringen wir lieber in festen Behausungen, am allerliebsten im Einfamilienhaus! Sogar Georg W. Reinberg gab zu, sich manchmal ein Einfamilienhaus zu wünschen. Diese Form des dauerhaften Wohnens verbraucht aber unverhältnismäßig viele Ressourcen betreffend Herstellung, Infrastruktur und Platzverbrauch. Das Einfamilienhaus kommt der Gesellschaft teuer, es erzeugt enormen Individualverkehr, verbraucht wertvollen Boden, zerstört die Natur und ist gesamt-gesellschaftlich betrachtet bedenklich. Außerdem ist es nicht mehr familienkonform und schon gar nicht zeitgemäß.
Ich fahre immer noch kopfschüttelnd durchs Land und verursache dabei beinahe Unfälle, weil ich bisweilen gar nicht fassen kann, was noch immer und immer wieder gebaut wird. Es lässt sich vielleicht anhand des aktuellen Ereignisses eines Gipfels erklären, auf dem wider besseren Wissens gerade einmal von einem "Minimalkonsens beim Klimaschutz" gesprochen wird, von dem jeder weiß, dass er nicht einmal der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein ist. Trotzdem ist es wichtig und positiv, diese Themen auf vielen Ebenen zu verhandeln. Das zeigt einerseits, dass es von übergeordnetem Interesse ist, außerdem bewirkt Hartnäckigkeit auf Dauer etwas. Was aus Graz-Reininghaus wird, wissen wir nicht, aber wie es besser gehen könnte, das behandeln Symposien, das Wissen darüber bleibt.
Die Arge W:A:B widmete dem Thema der Baugruppen bislang 10 Artikel auf GAT. Anhand von konkreten Modellen, theoretischen Annäherungen, Erfahrungsberichten, mit der Bereitstellung zahlreicher Links und Literaturangaben gibt es beinahe schon eine Handlungsanleitung und -aufforderung!
In der Diskussionsveranstaltung über eigeninitiativen Wohnbau "BAUGRUPPEN – EIN ETABLIERTES MODELL?" im Stadtmuseum Graz am 15. Juni 2009, in der sich namhafte ExpertInnen zum Thema äußerten, stand einmal mehr die Frage im Raum: „Warum kommt denn niemand mit einer Idee?" – eine Frage, die sich mittlerweile aufdrängt. Sowohl Johannes Geiger von der GWS (Gemeinnützige Alpenländische Gesellschaft für Wohnungsbau und Siedlungswesen) Graz als auch Siegfried Kristan, Leiter der Abt. 15 – Wohnbauförderung, Land Steiermark, bekräftigten ihre Bereitschaft, „Experimente" zu unterstützen. Elisabeth Katschnig-Fasch (Ao.Univ.-Prof. Dr.phil. am Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der UNI Graz) brachte es mit ihrer Aussage, dass es in erster Linie an einer Kultur des selbstverantwortlichen Miteinanders fehle, auf den Punkt. In einer zunehmend individualisierten und regulierten Gesellschaft scheinen gemeinsames Handeln, das sich Einlassen auf einen Prozess und das Entwickeln von Visionen wenig Platz zu haben. Zu einem anderen Teil scheint es auch daran zu liegen, dass der Wohnungsmarkt noch so weit zufrieden stellend ist, dass der Leidensdruck, selbstständig neue Wege zu suchen, einfach zu gering ist. Auch die Tatsache, dass die Politik die Häuslbauer noch lange nicht im Regen stehen lässt, spielt eine wichtige Rolle.
Wie es auch anders sein kann, zeigt das Beispiel Tübingen, wo es seit den 1980er-Jahren kaum Baulandentwicklung im Freiland gibt, stattdessen zahlreiche Baugemeinschaften, die sich dort als Motor städtischer Quartiere etablieren konnten, frei nach dem Motto: „Bauen wir uns das eigene Stück Stadt statt des Eigenheimes." Roland Wied, Architekt und Projektsteuerer - er selbst war bereits an der Realisierung von 150 Wohneinheiten beteiligt - gab Einblick in den Prozess der Aufwertung eines ganzen Tübinger Stadtteiles. Das klang schon fast wie ein Märchen, verglichen mit den 14 aktuellen Baugruppenprojekten in Österreich, mit all ihren Schwierigkeiten und Hindernissen. Aber es gibt sie!
Es bleibt zu hoffen, dass weitere Module des Projektes W:A:B – als nächstes ist eine Ausstellung über Baugruppen geplant – ihre Umsetzung finden, um Bewusstsein für alternative Möglichkeiten gemeinsamen Wohnens und Handelns zu schaffen.
Wie sich Studierende dem Thema nähern, zeigt ein Film, der im Rahmen von „Entwerfen spezialisierter Themen SS 09" am Institut für Stadt- und Baugeschichte (Simone Hain, Univ.-Prof. Dr. Phil., Franziska Schruth, Dipl.-Ing., Marion Starzacher, Dipl.-Ing.) der TU Graz gedreht wurde. Er setzt sich mit "Privaten Gründen" im Grazer Grüngürtel auseinander. Prädikat: absolut sehenswert!
- Verfasser/in: Ute Angeringer-Mmadu, Kommentar
