In Laßnitzhöhe bei Graz befindet sich ein wichtiges Werk der frühen Architekturmoderne in Österreich um 1900, die Villa Luginsland von Architekt Adalbert Pasdirek-Coreno, die bereits seit Jahrzehnten unter Denkmalschutz steht und mit Bezügen zu Wien, Böhmen und Mähren von überregionalem Interesse ist. Wenige Autominuten von Graz entfernt, könnte diese aktuell durch ein Wohnbauprojekt ihren landschaftlichen Kontext und räumlichen Maßstab verlieren. In jedem Fall erfordert das Projekt um die außergewöhnliche, denkmalgeschützte Villa hohe Aufmerksamkeit von allen an Baukultur Beteiligten, um der Bedeutung des Gebäudes gerecht zu werden. Als Architekturhistorikerin möchte ich dazu hier einige Informationen zu Villa und Architekt bereitstellen.
Das Wohnhaus wurde 1905/06 als Sommerdomizil für das Ehepaar Maria und Josef Anton Mlekus, Likörfabrikant in Graz, errichtet. Im gerade entstehenden Kurort Laßnitzhöhe bildete es eine auffällige Ausnahme innerhalb der lokalen Sommerfrischearchitektur der Villen bürgerlicher Auftraggeber, die meist in damals noch üblichen späthistoristisch-altdeutschen und ‚heimatlichen‘ Formen gestaltet waren. Der sprechende Name der Villa – Lug (schau) ins Land – bezog sich auf die landschaftliche Aussicht von einer Anhöhe aus in die grüne Umgebung.
Die flächige, nahezu schmucklose Gestaltung der Wände, eine aufs Äußerste reduzierte, geometrische Ornamentik und der Verzicht auf überflüssigen „angeklebten“ Dekor, ein mediterran anmutender Balkon mit abstrahierten Säulen und Pergola sind Elemente einer modernen, auf Zweckmäßigkeit gerichteten Architektur, die weit in die Zwischenkriegszeit vorausweist. Den direkten Bezug zur Natur ermöglichten gartenseitig Fenster mit großen Ausblicken in die Landschaft und ein direkter Zugang vom Wohnbereich im Erdgeschoss in den Garten, der nach einer Erweiterung des Grundstücks kurz nach Fertigstellung weiter ausgestaltet wurde. Das (heute nicht mehr existierende) funktional gestaltete Holzspalier für Kletterpflanzen an den Hauswänden wurde gemeinsam mit den hellen Fenstersprossen als grafisch-gestalterisches Element eingesetzt. Ein straßenseitiger Zubau aus der Zeit um 1939/40 passt sich der originalen Formensprache an.
Pasdirek-Coreno experimentierte hier früh mit einem als Dachterrasse begehbaren Flachdach, als Josef Hoffmann gerade erst sein Sanatorium Purkersdorf bei Wien fertigstellte. Adolf Loos errichtete seine berühmten Wiener Flachdachvillen überhaupt erst Jahre später, weshalb die Villa in Laßnitzhöhe zu den frühesten Beispielen in Österreich gezählt werden kann. Die ursprüngliche Möblierung, von der so gut wie nichts mehr erhalten ist, bestand aus einfachen, kubischen Schränken, Tischen und Sesseln, die aber ganz im Sinne der Entstehungszeit gesamtkunstwerkartig konzipiert waren, indem die Möbelformen die architektonischen Formen des Gebäudes im Kleinen wieder aufgriffen. Am besten vergleichbar waren diese mit Entwürfen von Adolf Loos (abstrahierte Form) und Otto Wagner (Metallhülsen am Fuß der Möbelbeine).
Architekturhistoriker und -theoretiker der zentraleuropäischen Moderne haben die Villa Luginsland als wichtigen Teil der Architekturavantgarde erkannt. Ákos Moravánszky, ehemaliger Professor an der ETH Zürich, nannte sie in der Schweizer Architekturzeitschrift „archithese“ gemeinsam mit frühen Eisen- und Stahlbeton-Entwürfen des Kaliforniers Irving Gill und des Ungarn István Medgyaszay. Und Friedrich Achleitner stellte schon 1983 in „Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert“ eine Nähe zu Josef Hoffmanns Ideenskizzen mediterraner Villen fest.
Geradezu programmatisch hat Adalbert Pasdirek-Coreno selbst in einem 1909 publizierten Text die wichtigsten Charakteristika der Villa Luginsland und anderer seiner Grazer Häuser umschrieben. So heißt es, angelehnt an Otto Wagners „Moderne Architektur“, „der Ausgangspunkt für unsere Betätigung seien nicht die untergegangenen Stilarten, sondern das Leben mit seinen Erfordernissen.“ Und weiter: „Jedes Haus muß für sich ein Individuum sein. Kein toter Raum finde Platz in ihm, kein toter Winkel, wo sich Schmutz und Trödel speichern kann, nichts sei überflüssig in ihm, nichts zwecklos.“ Und: „Das moderne Wohnhaus sei praktisch und hygienisch.“ Es sei die Hygiene, die zum weißen Anstrich der Fenster und Türen (statt der üblichen dunklen, holzimitierenden Farbe) zwinge. Auch die Einbindung in die Landschaft war dem Architekten wichtig, was im Besonderen auch für die Villa Luginsland gilt: „Für das Genießen schöner Aussicht seien geräumige Erker und Veranden geschaffen. Loggien, Pergolen, Terrassen etc. vermitteln die Verbindung mit dem Garten.“ An all diesen Formulierungen lässt sich eine enge Vertrautheit mit den Wiener Diskursen der Moderne ablesen.
Wer aber war nun der Architekt, der diese Villa entworfen hat? Adalbert Pasdirek-Coreno wurde 1869 in Südmähren geboren und besuchte in Brünn/Brno die deutsche Staatsgewerbeschule, an der wenig später auch Josef Hoffmann und Adolf Loos ausgebildet wurden. Ab 1888 studierte er in der renommierten Renaissance-Architekturklasse von Carl v. Hasenauer an der Akademie der bildenden Künste in Wien, 1891 erhielt er den Rosenbaum-Preis für eine Studentenarbeit. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst in Dresden und später in Budapest, bevor er um 1898 in Brünn/Brno ein Atelier eröffnete. In der nordböhmischen Stadt Komotau/Chomutov errichtete er nicht nur den Neubau der k. k. Fachschule für Maschinengewerbe und Elektrotechnik (1901/02), sondern 1903 auch für den Juristen und Kunstsammler Richard Goldmann, der in der jüdischen Gemeinde seiner Stadt aktiv war, eine repräsentative Villa, die heute nur mehr als Ruine erhalten ist. 1901/02 unterrichtete er in Wien am k.k. österreichischen Museum für Kunst und Industrie (dem heutigen MAK). Ab 1903/04 war Pasdirek-Coreno in Graz ansässig, wo sein älterer Bruder, der Künstler Ladislaus Pasdirek, Gymnasiallehrer und Gemeinderat war.
Hier arbeitete er als Architekt und Stadtbaumeister, war Mitglied der Vereinigung Bildender Künstler Steiermarks und beteiligte sich gestalterisch an Kunst- und Handwerksausstellungen. Gesellschaftliche Kontakte ermöglichten ihm schon bald Aufträge von künstlerisch aufgeschlossenen bürgerlichen Bauherren. Es entstanden mehrere innovative Villen, vor allem beim Hilmteich, in Wetzelsdorf und im Stiftingtal (bekanntestes Beispiel ist die heute nicht mehr erhaltene Villa Hellenaion/Manowarda), und ein Alternativentwurf für die Bachmann-Kolonie am Leonhardbach. Von traditionalistischen Kreisen, oft aus dem Umfeld des Heimatschutzes, wurden seine Entwürfe hingegen heftig kritisiert. So lehnte 1905 der k.k. Landeskonservator ein Kirchbauprojekt für Gösting bei Graz als zu neuartig und fabrikmäßig ab.
Wenn vom Architekten Adalbert Pasdirek-Coreno gesprochen wird, so muss auch der in den Grazer Tageszeitungen oftmals besprochene „Fall Pasdirek“ genannt werden. Trotz mehrmaliger, von Presseberichten gefolgten Anzeigen in Brünn und Graz wegen „Vergehens gegen die Sittlichkeit“ (es ging um über Jahre hinweg angezeigte exhibitionistische Handlungen vor minderjährigen Mädchen vor Grazer Schulen und im Stadtpark) und Einweisungen in psychiatrische Einrichtungen war der Architekt, geschützt durch die politische Position seines Bruders, im lokalen öffentlichen Kulturleben weiterhin als Architekt und Künstler tätig, ein Thema, das an den „Fall Loos“ erinnert und auch hier die Frage nach der Bewertung der Beziehung zwischen architektonischem Werk und Leben aufwirft.






