Verpasste Chancen bei Neugestaltung Sigmundstadl

Privatinteressen übertrumpfen die Verkehrssicherheit

Investoreninteressen beeinflussen die Gestaltung des öffentlichen Raums

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05/10/2022

Architektin DI Elisabeth Kabelis-Lechner führt ein Architekturbüro in Graz. mehr

Der Kreuzungsbereich Sigmundstadl / Keplerstraße samt Grünfläche wird neu gestaltet. Die vorliegende Planung vom Verkehrsplanungsbüro Fruhmann ist das Ergebnis eines seit 2015 laufenden Planungsprozesses, den die Stadtbaudirektion federführend koordinierte. Stadtplanungsamt und die Abteilungen für Verkehrsplanung und Grünraum waren involviert. 

Auslöser für die Platzgestaltung war laut Stadtbaudirektion „der Abbruch und die Neuerrichtung des nordwestlichen Gebäudekomplexes Sigmundstadl / Keplerstraße durch die Eigentümerfamilie Weitzer (Weitzer-Parkett)“. Für die Grundstücke des Investors bestand Bebauungsplanpflicht. Das Stadtplanungsamt verzichtete darauf und schwächte damit den Einflussbereich der Stadt auf eine sinnvolle Gestaltung dieses städtebaulich nicht unwichtigen Bereichs. Die Stadt bevorzugte einen Wettbewerb nach Grazer Modell, aus diesem Modell ist die Stadt letztlich aber abgesprungen, da der Investor ganz allein entscheiden wollte!! Aus dem nun privat abgewickelten Architekturwettbewerb ging das Büro Nussmüller als Sieger hervor. 

Die Architekten schöpften bereits im Wettbewerb die Möglichkeiten des Baugesetzes investorenfreundlich aus und stellten das Gebäude im Westen direkt an die öffentliche Verkehrsfläche, ein schmaler hoher Gebäudeteil ragte sogar in den öffentlichen Raum hinein.



Die Stadt ließ das An- und Überbauen zu, mit der fatalen Konsequenz, dass nun das Einbiegen vom Sigmundstadl in die Keplerstraße in der bisherigen, bewährten Form nicht mehr möglich war. Denn die Durchfahrtshöhe für LKWs und der erforderliche Sichtbereich waren durch das Neubauprojekt nicht mehr gegeben. 

Die Stadt hat nun die Folgekosten dieser fragwürdigen Zugeständnisse an den Investor zu tragen. Der gesamte Bereich muss neu geplant und gestaltet werden. Anstatt allgemeine Interessen in den Fokus der Planung zu stellen und diese mithilfe eines Bebauungsplanungs auch abzusichern, stand der verkehrsberuhigte Schanigarten eines Privatinvestors im Fokus! Die Stadt konnte sich zwar eine 200 m2 Grundfläche für die schon lange geplante Verbreiterung des Sigmundstadls herausverhandeln. Der Investor bekam diese jedoch mit einer Dichteerhöhung von 2,5 auf 3,6 ausgeglichen! 

Bis zum Baubeginn des Investorenprojekts war die Verkehrslösung von Aspekten der Verkehrssicherheit geprägt. Es gab eine autofreie Zone vor dem Kindergarten am Sigmundstadl. Kindergartenkinder und deren Eltern/Begleitpersonen konnten gefahrlos den Kindergarten betreten und verlassen, es gab Abstellflächen für Fahrräder aller Art und es gab Raum für informelle Begegnungen. (auf Google Streetview noch sichtbar)

Die Absperrung dieser zweiten Ein-und Ausfahrtsmöglichkeit wurde aus Gründen der Verkehrssicherheit für Radfahrer*innen und Fußgänger*innen gemacht. Das Ein-und Ausbiegen im spitzen Winkel war zu gefährlich. Aufbauend auf dieser verkehrssicheren Lösung hätte eine Platzneugestaltung erfolgen müssen. Eine Kombination aus dem verkehrsfreien Vorbereich des Kindergartens mit der vorhandenen Grünfläche hätte einen kleinen Park mit Aufenthaltsqualität entstehen lassen können. Dieses Potenzial wurde von der Stadt leider nicht erkannt.  

Dieser feine, autofreie Bereich ist seit Baubeginn des Weitzer-Projekts bereits Geschichte. Der Sigmundstadl mündet nun wieder im gefährlich spitzen Winkel in die Keplerstraße ein. PKWs und LKWS stehen direkt vor dem Kindergarteneingang im Stau. Die Verkehrssicherheit hat sich für alle Teilnehmer*innen damit grob verschlechtert, besonders gefährdet sind Kinder, Fußgänger*innen und Radfahrer*innen. 

Spricht man Frau DI Mahr, die das Projekt für das Stadtplanungsamt betreute, auf diese Problematik an, hat sie wenig Verständnis. „Meine Prioritäten waren Entsiegelung und mehr Grün“. DI Kostka von der Verkehrsplanung ist mit der neuen Verkehrslösung nicht glücklich, weil damit die Verkehrssicherheit verschlechtert wurde. Er habe eine andere Lösung vorgeschlagen, diese wurde aber nicht gewollt. Nicht die Verkehrsplanung sondern die Stadtbaudirektion und das Stadtplanungsamt hätten diese Entscheidung zu verantworten. Auch der Projektkoordinator aus der Stadtbaudirektion äußert gewisse Unzufriedenheit mit dem jetzigen Ergebnis.

Der Plan, den Sigmundstadl auch im oberen Bereich als Einbahn zu führen, musste kürzlich bereits verworfen werden, da ÖVP-Bezirksvorsteherstellvertreter Krainer sich im Interesse von Tiefgaragennutzer*innen vehement dagegen ausgesprochen hat. So bleibt der westliche Teil des Sigmundstadls in beide Richtungen befahrbar und der geplante Radweg ist auch Geschichte.  

Das Umbauprojekt Sigmundstadl ist das Ergebnis eines Planungsprozesses, der Investoreninteressen und Interessen von Autofahrer*innen vor öffentliche Interessen und Anliegen der Bürger*innen stellte. Die Begründung von DI Mahr, man habe mehr Entsiegelung und mehr Bäume gewollt, ist fadenscheinig, denn diese Entsiegelung hätte man anders auch erreichen können. Mehr Aufschluss gibt da schon die Info aus der Stadtbaudirektion, alle Beteiligten wären für einen Schanigarten des Investors mit Grünanschluss gewesen! 

Verantwortungsvolle Stadtplanung sieht anders aus.

Noch ist der Sigmundstadl nicht verloren. Es gibt bisher keinen Umsetzungsbeschluss und die Bagger sind noch nicht aufgefahren. Das bedeutet: Es besteht noch immer die Chance auf die Gestaltung eines qualitätsvollen öffentlichen Raums, der die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellt. Die unglückliche und gefährliche Änderung der Kreuzungslösung könnte im Rahmen einer „Umplanung der Neuplanung“ rückgängig gemacht und so auch eine qualitative Verbesserung des Grünbereichs erzielt werden. Vielleicht werden dann auch die betroffenen Bürger*innen mit einbezogen.

Die Stadt Graz muss das nur wollen und ermöglichen. Das wäre echter Paradigmenwechsel.

Kommentar – (Noch nicht ganz) Vergebene Chance für die Neugestaltung Sigmundstadl 

Der Kreuzungsbereich des Sigmundstadls mit der Keplerstraße hat großes Potenzial für einen öffentlichen Raum mit Aufenthaltsqualität. Die vorliegende Planung sieht das nicht vor. Noch gibt es keinen Umsetzungsbeschluss und so besteht die Hoffnung, dass doch noch ein Umdenken stattfindet.

Weiterführende Links

2022_10_news_Verpasste Chancen bei Neugestaltung Sigmundstadl_1
Streetview mit autofreier Zone vor Kindergarten im Herbst 2020
2022_10_news_Verpasste Chancen bei Neugestaltung Sigmundstadl_2
Ausführungsplan neue Platzgestaltung
2022_10_news_Verpasste Chancen bei Neugestaltung Sigmundstadl_3
neue Starßenausfahrt direkt vor Kindergartenzugang © Elisabeth Kabelis-Lechner
2022_10_news_Verpasste Chancen bei Neugestaltung Sigmundstadl_4
abgesperrte frühere Zufahrt © Elisabeth Kabelis-Lechner
2022_10_news_Verpasste Chancen bei Neugestaltung Sigmundstadl_5
neue Kreuzungssituation Sigmundstadl / Keplerstraße © Elisabeth Kabelis-Lechner
2022_10_news_Verpasste Chancen bei Neugestaltung Sigmundstadl_6
Ausfahrtssituation Oktober 2020 mit Baum und Vorstadthaus
2022_10_news_Verpasste Chancen bei Neugestaltung Sigmundstadl_7
der Neubau, der diese aufwendige Umplanung durch seine Auskragung verursacht © Elisabeth Kabelis-Lechner

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