Erzeugen hohe Dichten urbane (Lebens-) Qualitäten und Bereicherungen für den Stadtteil oder werden sie eher als Verschlechterung und vertane Chance erlebt? Am Beispiel jüngst errichteter Wohnbauten im nördlichen Teil des Bezirks Graz-Gries.
Graz wächst und soll weiter wachsen, so will es die Politik. Daher braucht es mehr neuen Wohnraum. Dieser soll durch Verdichtung im innerstädtischen Bereich entstehen. Innere Verdichtung, bauliche Verdichtung oder Nachverdichtung stellen Strategien dar, um eine bauliche Entwicklung zu ermöglichen, ohne das Siedlungsgebiet weiter auszudehnen. Dafür gibt es auch weitgehende Akzeptanz. Verdichtung bedeutet auch Veränderungen der vorhandenen Maßstäbe und Bautypologien, je größer das Nachverdichtungspotenzial eines Gebiets ist, desto größer werden die Sprünge der Veränderungen und das sichtbare Ausmaß der Quantitätszunahme. Nachverdichtung ist eine komplexe Materie, wo vieles mitbedacht und mitgeplant werden muss, damit die Bevölkerung die Umgestaltung ihres Stadtviertels als Verbesserung und nicht als Verschlechterung wahrnehmen wird.
Die Nachverdichtung in Graz bedeutet derzeit das völlige Ausschöpfen der Dichten und zukünftig großräumige Dichteanhebungen bzw. auch Umwidmungen auf die nächst höhere Dichtekategorie (bereits im neuen Grazer Flächenwidmungsplan 4.0 vorgesehen). In Zukunft werden vor allem Teile der Bezirke Gries und Lend, die jetzt als Wohnen allgemein (WA mit max. Dichte von 1,4) ausgewiesen sind, in Gebiete mit Kerngebietsüberlagerung und maximalen Dichten von 2,0 bis 2,5 verändert. Dagegen gibt es einigen Widerstand in der Bevölkerung, die eine Verschlechterung der Lebensqualität befürchtet und diesen auch u.a. über Einwendungen zum neuen Flächenwidmungsplan kund tut. Ein Hauptkritikpunkt ist, dass keine der Verdichtung entsprechenden öffentlichen Freiflächen vorgesehen werden.
Im Gebiet Gries Nord sind die Auswirkungen von solchen Nachverdichtungen (teilweise Dichten über 2,5) bereits sichtbar. Großteils wurden die Gebäude auf der Grundlage von Bebauungsplänen errichtet, mit Ausnahme der Projekte in der Idlhofgasse / Ungergasse und Elisabethinergasse, wobei immer die Höchstdichten und manchmal sogar Dichteüberschreitungen genehmigt wurden. Zwei vor kurzem fertiggestellte Wohnbauten und ein in Bau befindliches Objekt, alle im Bereich Niesenbergergasse – Traungauergasse – Eggenberggürtel, entstanden bzw. entstehen am ehemaligen Areal des geplanten Einkaufszentrums ECE, welches nicht realisiert wurde (Siehe Bild 4). Hier ist Kerngebiet mit maximaler Dichte von 2,5 ausgewiesen. Beim Durchspazieren fallen neben engen Abständen und geringen Gehsteigbreiten, vor allem die nicht gelungenen "Außenräume“ auf. Es fehlen öffentliche Alleen oder Vorbereiche als Übergang zur Straße. Im Bereich des einzigen, neuen Baumstreifens von der Traungauergasse bis zum Gürtel, stehen diese Bäume wenig urban hinter einem Maschendrahtzaun! – Maschendrahtzäune sind hier übrigens sehr häufig zu sehen –, Müllräume oder Müllhäuser liegen direkt am Gehsteig. Das alles hätte über entsprechende Vorgaben in den Bebauungsplänen anders und besser geregelt werden können. Der Gehsteig nördlich der Niesenbergergasse im Bereich der Baustelle für ca. 160 neue WE am ehemaligen Leinerparkplatz misst gerade einmal 1,60 m. Im Bebauungsplan findet sich keine Abtretung für Gehsteigverbreiterung. Alleine bei diesen 3 Projekten entlang der Niesenbergergasse sind bereits 460 WE errichtet worden und werden nochmals 160 WE gebaut. Die Gehsteige sind für die damit einhergehende Frequenzsteigerung viel zu schmal.
Auch die siedlungsprivaten Freiräume sind wenig ansprechend und für Kinder und Jugendliche geeignete Spielräume sucht man vergeblich. In der Wohnanlage an der südlichen Seite der Niesenbergergasse wurden ca. 350 Wohnungen errichtet, aber kein Spielplatz. Verbleibende Freiflächen sind unattraktive Restflächen. Es zeigt sich auch anschaulich die Problematik von EG-Wohnungen bei hohen Dichten. Die BewohnerInnen dieser EG- bzw. Souterrain-Wohnungen verbarrikadieren sich mit allen möglichen Behelfen um sich vor Einsichtigkeit zu schützen, oftmals sind die Jalousien geschlossen, die Privatgärten werden mit Zäunen – in Mode scheint derzeit der Jägerzaun zu sein, aus dem Baumarkt abgesteckt. Das alles macht eine unschöne Optik.
Die Gleichung „nur hohe Dichte = Urbanität“ ist mangels stadtplanerischer Vorgaben für die Gestaltung der Straßen- und Außenräume und auch mangels Engagement der Bauherren hier nicht aufgegangen. Auch wird mit der ausschließlichen Wohnnutzung dieser Objekte kein urbaner, lebendiger Stadtteil entstehen. Dafür braucht es auch Geschäfte in den Erdgeschoßen, Straßenräume, die zum Flanieren einladen und ergänzende öffentliche Freiräume für den Aufenthalt. Das Kerngebiet (teuerste Widmungskategorie fürs Stadtbudget) wurde in diesen Beispielen zweckentfremdet verbaut. Kerngebiete zeichnen sich durch hohe Nutzungsvielfalt aus, wobei die Wohnnutzung eher untergeordnet ist. Hier ist sie aber die allein vorherrschende Nutzung.
Anhand dieser Beispiele kann man also eher von einer vertanen Chance für die Stadt sprechen. Der differenzierte Umgang mit Baudichten, die den Gegebenheiten entsprechen, auf Straßenbreiten reagieren, die Ausstattung mit urbaner Hardware wie Parks, Bäume Plätze, Dienstleistungs- und Bildungseinrichtungen fand nicht statt (kein neuer Kindergarten, keine neu Schule für die vielen NeubewohnerInnen… lediglich ein Minipark mit ca 1.200 m2 wird in der Niesenbergergasse entstehen).
Damit verdichtetes Bauen in Zukunft in Graz besser gelingen kann, sollte die Kommune Bebauungspläne nicht nur im Anlassfall erstellen, wo es bereits oft nahezu fertige Konzepte der Investoren gibt, sondern Gestaltungskonzepte über zusammenhängende „Entwicklungsgebiete“ von unabhängigen PlanungsexpertInnen erstellen lassen. Städtebauliche Wettbewerbe, Testentwürfe, Studien mit interdisziplinären Teams wären Mittel zur Qualitätssicherung.
Zusatzinfo: in Gries Nord wurden vor kurzem und werden demnächst (In Bau, geplant) insgesamt ca. 1.500 Wohnungen errichtet, davon 20 Gemeindewohnungen.
"Die Stadt ist kein homogenes Gebilde, sie lebt durch die unterschiedlichen Raumerfahrungen, die sie uns Bürgerinnen und Bürgern bietet. Dazu gehört es, dass wir freie Flächen wie Parks, Plätze, großzügige Boulevards oder auch locker bebaute Bereiche erleben möchten. Genauso gerne suchen wir aber an anderer Stelle die pulsierende, stark belebte Stadt. Das geht nicht ohne Dichte. Dichte allein ist aber noch keine lebendige Stadt. Ohne die vielfältige Mischung unterschiedlicher Nutzungen und die richtige Verteilung auf verschiedenen Ebenen und in den Räumen ist Verdichtung eher Bedrohung statt Chance."(Thomas Rehn, stellvertretender Leiter der Bauaufsicht München)









