Citygate (so hieß das Projekt beim Wettbewerb, s. unten) oder Ost. Wohnen am Stadttor wurde seit Projektstart mit großen Vorschusslorbeeren versehen. In der Projektbroschüre, die sich auf der Homepage des Projektentwicklers VENTA REAL ESTATE GROUP findet, tummeln sich (Eigen)Lob und diverse Superlative. Ein „einzigartiges Projekt, ein architektonische Meisterwerk“ wird versprochen. Die gebaute Realität präsentiert sich durchschnittlich bis ziemlich enttäuschend, vor allem was die Qualität der Erdgeschoßzonen betrifft. Ausschließlich um diese geht es in diesem Kommentar.
Dabei mangelte es bei diesem Projekt nicht an qualitätsichernden Planungsmaßnahmen. Es gab im Vorfeld Bebauungsstudien von zwei Architekturbüros (Architektur Consult und Architekt Klaus Kada) sowie einen Bebauungsplan, der auf der Studie von Architekt Kada aufbaute. Im Anschluss lobte der Liegenschaftseigentümer, die Ulrich Lichtensteingasse 8 GmbH & Co K, einen geladenen zweistufigen Architekturwettbewerb nach Grazer Modell mit 7 TeilnehmerInnen aus. Ziel des Verfahrens war die Ausarbeitung eines Entwurfkonzepts für ein Wohn-, Büro- und Geschäftsgebäude mit Studentenheim und Platzgestaltung. Für die Nutzung des Erdgeschoßes waren ca. 4000m2 Handelsflächen vorzusehen. Neben einem Lebensmittelmarkt sollten auch kleinere Handelsflächen untergebracht werden.
Das Architekturbüro Scherr und Fürnschuss gewann in Zusmammenarbeit mit Architekt Freiszmuth und DI Waltraud Körndl – diese waren für die Platzgestaltung verantwortlich – den Wettbewerb und wurde auch mit der Planung beauftragt, allerdings nicht vom Auslober, der Ulrich Lichtensteingasse 8 GmbH & Co KG, ein Zusammenschluss von VENTA Real Estate Group und der 6B47 Real Estate Investors AG, sondern vom Totalunternehmer Porr (!), wie mir Architekt Fürnschuss in einem Gespräch mitteilte.
Auf meine Frage, warum der versprochene Quartierpark nicht realisiert wurde und die Außenanlagen auf Ebene+1 derart qualitätslos ausgeführt sind, verwies der Architekt auf die dafür verantwortliche VENTA. „Die Durchsetzung von Wettbewerbsqualität zeichnet VENTA nicht aus“. Meiner Kritik an den unpassenden EG-Gärten bei einer Dichte von 2,75 setzt er entgegen, dass der Bauherr diese unbedingt wollte, weil sich diese „Gartenwohnungen“ besonders gut verkaufen. In der VENTA-Broschüre (s. Download) ist dazu zu lesen: „Zu den Wohnungen im Gartengeschoß gehört ein Privatgarten, der Ihnen die Vorteile des Landlebens in die Stadt holt“. Architekt Fürnschuss selbst spricht sich entschieden gegen EG-Gärten im urbanen Raum aus, da diese auf Kosten der Allgemeinflächen gehen.
Der Kritik an der offenen EG-Parkgarage entgegnet der Architekt, dass ursprünglich kein offenes Parken für PKWs im Erdgeschoß geplant war. Es waren Handel-und Dienstleitungsflächen und eine attraktive Durchwegung des Areals mit einem Spielplatz vorgesehen. Die VENTA hat letztlich das EG-Parken für den Großmieter durchgesetzt.
Die Marketingleiter von VENTA konfrontierte ich mit der offensichtlichen Diskrepanz zwischen dem, was VENTA in den Broschüren an Superlativen verspricht und der gebauten Realität. Die verblüffende Antwort: „Na so schlimm ist es nicht, das ist bei allen großen Wohnprojekten so“. „Der versprochene Quartierpark komme sicher nicht mehr, da ja die EG-Gärten viel Platz beanspruchen“. Ihrer Meinung nach profitieren die EG-Wohnungen mehr von einem Privatgarten als von Gemeinschaftsflächen, es werden auch keine siedlungsöffentlichen Sitzbänke aufgestellt.
Nachfrage von mir: wo findet Kinderspiel und nachbarschaftliches Leben dann statt? Antwort VENTA-Marketing: „Das kann ja dann am öffentlichen Platz stattfinden!“ Wo erkennt man die Einzigartigkeit dieses Projektes? Antwort VENTA-Marketing: „Das ist das einzige Großprojekt auf der richtigen Murseite“. Nachfrage: sagten Sie gerade auf der richtigen Murseite? Marketingleiterin VENTA: “Ich meinte die linke Murseite, aber man hat halt noch immer so seine Vorbehalte. Auch die gute Infrastruktur mit der ÖV- Anbindung, die Nähe zur Autobahn und dem Murpark machen das Projekt einzigartig.“ Nicht das Gebäude sondern die örtlichen Gegebenheiten würden das sogenannte Einzigartige darstellen.
Schlussfolgerung: Eine vielfältige, lebendige EG-Sockelzone mit Durchwegung des Quartiers war eine der Aufgabenstellungen des Architekturwettbewerbes, die das Siegerprojekt erfüllte. Vom Bauträger wurde das Wettbewerbsprojekt jedoch stark abgeändert. Statt einer Vielzahl an Handels-und Dienstleistungsflächen mit Durchwegung gibt es nun einen 2000m2 großen Supermarkt und großflächiges, offenes Parken für diesen.
Der Quartierpark mit dem geforderten Spielplatz für die Wohnungen auf Ebene +1 wurde wegrationalisiert, mit dem Resultat, dass die zum unattraktiven Abstandsgrün degradierten Flächen nun, wie die vielfach hinterlassenen Exkremente bezeugen, missbräuchlich als Hundewiese verwendet wird. BewohnerInnen der Gartenwohnungen verbarrikadieren sich mit Behelfen aus dem Baumarkt gegen die ungewollte Einsehbarkeit. Es entsteht eine sehr unschöne Optik. Der Marketingschmäh von VENTA, dass mit dem Angebot an Gartenwohnungen „die Vorteile des Landlebens in die Stadt geholt werden“, erweist sich als totaler Unsinn. Hier ging es wohl eher darum, mit dem Verkauf von Gartenwohnungen höheren Gewinn zu machen, zu Lasten des Erscheinungsbildes und der Nachbarschaft.
Dass die Architekten nicht vom auslobenden Bauträger sondern von dem später hinzugekommenen Totalunternehmer beauftragt wurden ist eigentlich ein Skandal und schwächte die Position der Architekten und vermutlich auch deren Honorar. Die VENTA-Verantwortlichen wurden um Stellungnahme gebeten, eine in Aussicht gestellte Videokonferenz ohne Ersatztermin abgesagt.
Bei diesem Projekt wird wieder einmal besonders deutlich, dass mit Architekturwettbewerben nicht automatisch Baukultur entsteht. Projektentwickler und Investoren, die keine Partnerschaft mit Architekten auf Augenhöhe eingehen, sondern diese dem Totalunternehmer als Subunternehmer unterordnen, haben offensichtlich nicht das notwendige Interesse und Engagement an einer qualitätsvollen Umsetzung von Wettbewerbsergebnissen. Es reicht nicht, bloß von Architekturqualität und Urbanität zu reden und darüber in Verkaufsbroschüren zu schreiben. Man muss diese auch bauen.
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