Ein Kommentar des Medienkünstlers Richard Kriesche anlässlich der Bestellung der Bankerin Claudia Schmied zur österreichischen Kulturministerin.
"Im Vorfeld der Berufung wurde das Bildungs- und Kunstressort von der geballten Medienmacht einhellig in den Keller gefahren: ‚kein Schlüsselressort’. Heuchlerisch - sehr österreichisch, nach ganzjährigem Mozartboom, Neujahrskonzert, Pisa- und Universitätsdesaster. Ausgerechnet jenes Ressort, das neben dem Wissenschaftsressort das einzige gesellschaftliche Zukunftsressort darstellt. Für die junge und jüngste Generation muß sich ob dieser Vergangenheitsverliebtheit und Zukunftsvergessenheit nur noch Verzweiflung breit machen.
Das Positive an dieser Wende der Kunst zur Bank besteht darin, daß die Frau Ministerin im Kreise der Schlüsselressorts nur noch ein Schlüsselkind ist und sich damit in der Rolle der überwiegenden Mehrheit der Kunstschaffenden dieses Landes wiederfindet.Und das ist Herausforderung und Chance der neuen Bundesministerin. Mit dem Kunstministerium gibt nichts mehr zu verlieren sondern nur noch zu gewinnen: Das heißt, aus der Position des Schlüsselkindes durch transparente und nachvollziehbare kunstpolitische Strategien in die Offensive zu gehen; endlich über die eigene Legislaturperiode hinausgehend nachhaltige Leitlinien zu entwickeln; sich endlich an eine kulturpolitische Profilierung für eine glaubhafte europäische Positionierung des Landes heranwagen; den Realitätssinn auch dann zu bewahren, wenn es um die realen Lebens-,Arbeits-und Produktionsbedingungen der Kunstschaffenden des Landes geht; und ohne radikale Änderung dieser erbärmlichen, perspektivelosen Zukunftsaussichten der Kunst-Startups und –Aspiranten wird nichts mehr gehen.
Mit der gemeinsamen Zukunft im Auge heißt das, nicht nur das Risiko zum Experiment zu fördern und das Experiment an die KünstlerInnen abzutreten, sondern es als essentiellen Teil in die kulturpolitische Praxis des eigenen Ressorts zu übernehmen und damit die notwendige eigene Zukunftsorientiertheit, Dynamik und Lebendigkeit zu fördern.
Denn die kulturelle Zukunft Österreichs wird davon abhängen, inwieweit es gelingen wird, aus dem Schlüsselkind-Kunst im medialen wie im öffentlichen Bewußtein ein Schlüsselressort zu machen. Das wird wiederum nur dann gelingen, wenn das Ressort in den Kunstschaffenden des Landes seine Kleinstaktionäre und Sponsoren erkennt. Eine berufliche Herausforderung für eine flexible Bankerin.
Im europäischen Kontext werden die Karten neu verteilt. Wer jetzt nicht dabei ist, hat für alle Zukunft verloren. Mit dem kulturnationalistischen Anspruch, sich weiterhin auf Festwochen,Burg,Oper,Neujahrskonzert und Musikantenstadel zu verlassen, ist man bereits heute verlassen. Und wer sollte dies besser wissen als eine Bankerin, die mit Zukunftsoptionen ihr Geld macht."
Der Text wurde GAT mit freundlicher Genehmigung des Autors zur Veröffentlichung überlassen.
- Verfasser/in:
- Richard Kriesche, Kommentar