Zu Beginn die enttäuschende Meldung: Viele Fragen, die für architekturinteressierte Grazer von Bedeutung sind, wurden auf der Pressekonferenz zum Architekturwettbewerb zur Erlangung von Vorentwürfen für die Quartiere Q1 und Q4a Süd in Graz-Reininghaus, ausgelobt von der Erber-Gruppe, nicht beantwortet. Weder wurde bekanntgegeben, welche Büros es in die finale Phase des zweistufigen Wettbewerbs geschafft haben, noch wer die weiteren Preisträger sind, geschweige denn wie die Projekte jener nicht Genannten aussehen. Lediglich das Siegerprojekt des Ateliers Thomas Pucher wurde vorgestellt.
Dies ist umso erstaunlicher, da der Wettbewerb unter dem Titel Alt Reininghaus Goes Smart in Zusammenarbeit mit der Kammer der Architekten durchgeführt wurde (s. Link 1). Allerdings versicherte Herr Erber GAT gegenüber, dass die Wettbewerbsbeiträge gemäß § 20 bis 22 der Wettbewerbsordnung Architektur WOA 2010 (s. Link 2) in naher Zukunft im Reininghaus Loft ausgestellt werden.
Bürgermeister Nagl sprach auf der Pressekonferenz im Zusammenhang mit Reininghaus von „einem der wichtigsten Projekte der aktuellen Jahrzehnte“, Stadtbaudirektor Werle gar von einem „Jahrhundertprojekt für Graz“. (s. Link 3). Insofern fällt dem ersten Bauabschnitt im Reininghaus-Areal besondere Bedeutung als Startpunkt für das „neue Stadtzentrum im Westen“, wie es Thomas Pucher nennt, zu.
Das Planungsgebiet liegt am nördlichen Ende der im Rahmenplan Graz-Reininghaus (s. Link 4) vorgesehenen Esplanade und wird somit Ausgangspunkt für den bald stattfindenden Wettbewerb für das südlich angrenzende Quartier 5, ebenfalls ausgelobt von der Erber-Gruppe, sein.
Das Atelier Thomas Pucher bemühte sich, neben den denkmalgeschützten Gebäuden weitere identitätsstiftende Gebäude zu erhalten und in den Entwurf zu integrieren. Der Entwurf zeichnet sich durch abschirmende Baukörper zur Alten Poststraße hin und aufgelockerte Bebauung im Inneren zur Esplanade aus. Stadtplanungsamstsvorstand Inninger wies in diesem Zusammenhang auf den geringen Versiegelungsgrad und die sich daraus ergebenden klimatischen Vorteile hin.
Die räumliche Fassung des öffentlichen Raums wird auf zwei Ebenen vollzogen. Einerseits sollen die bis zu 19 Geschoße hohen Punkthäuser eine große räumliche Matrix und eine neue Skyline für Graz bilden, andererseits wird versucht, durch die organisch geformte Erdgeschoßzone eine zweite, kleinteiligere räumliche Qualität zu erreichen.
Pucher bestätigte, dass im Entwurfsprozess das Thema des Stadtraums wichtig gewesen sei, und wies auf die Notwendigkeit des Neudenkens der Stadt hin, das sich im Projekt unter anderem in der campusartigen Bebauung zeige. Die Erdgeschoßzone zielt auf größtmögliche Flexibilität ab, um auf sich ändernde Nutzungsanforderungen reagieren und so Leerstand vermeiden zu können. Die ersten fünf Obergeschoße werden in der Gebäudestruktur ebenfalls nutzungsneutral angelegt, um verschiedensten Nutzungen vom Büro bis zum Wohn- oder Arbeitsatelier Rechnung zu tragen. Die darüberliegenden Geschoße sind reiner Wohnnutzung vorbehalten und sollen sich durch Qualitäten der Moderne, wie Ausblick und Ausrichtung zur Sonne, auszeichnen.
Die Erber-Gruppe wird auf dem 3,8 Hektar großen Gebiet mit einem Investitionsvolumen von 170 Millionen Euro rund 100.000 m2 Bruttogeschoßfläche errichten, zwei Drittel davon sollen mit 670 Wohnungen bespielt werden. Die gesamten Immobilien im Gebiet bleiben im Besitz der Erber-Gruppe, da die Objekte ausschließlich vermietet werden. Der Baubeginn ist für Frühjahr 2015 geplant.
Die Ausstellung der weiteren Wettbewerbsbeiträge wird sicher spannend, um die unterschiedlichen Lösungen zu vergleichen. Vor allem die differenzierten Herangehensweisen im Umgang mit dem öffentlichen Raum sowie dessen Fassung wird dabei besonders interessant sein. Es bleibt zu hoffen, dass diese Ausstellung möglichst bald stattfinden wird, da die Transparenz der Projekte in Reininghaus ein wesentlicher Aspekt für die Akzeptanz der Grazer Bevölkerung dieser „Grazer Neustadt“ sein wird.




