Alternativenergie ja!

Photovoltaik ja!

Aber mit Augenmaß und in Verantwortung für die Baukultur

von ,

31/01/2023

Walter Jartschitsch

Architekt, Ortsbildsachverständiger

mehr

Aber mit Augenmaß und in Verantwortung für die Baukultur.

In der am 11. Jänner 2023 stattgefundenen Regierungsklausur war eines der Themen die Errichtung und Förderung von Photovoltaikanlagen. Nach Darstellung der Gründe, die zur höchsten Priorität für die Errichtung von PV-Anlagen führte, wird in der anschließenden Pressekonferenz am 11.01.2023 von Regierungsmitgliedern verkündet:

„Für Photovoltaikanlagen auf versiegelten Flächen braucht es keine Genehmigungen mehr, nur aufgrund des Orts- und Landschaftsbildes können Anträge nicht mehr abgelehnt werden.“ (1)



Mit dieser Feststellung wird das Thema „Photovoltaik“ auf die Gegenüberstellung von „Maximaler Gewinnung von Alternativenergien mithilfe des technischen Mediums Photovoltaik“ gegen „Schönheit von Orts- und Landschaftsbildern“ reduziert, kurz „Photovoltaik gegen Orts- und Landschaftsbild“. Soll das auch Ökologie gegen Kultur bedeuten?

Das Kulturland Österreich mit den dafür verantwortlichen politischen Mandataren nimmt mit diesem Weg bewusst oder unbewusst in Kauf, die Baukultur aus der Kulturverantwortung zu entlassen. Es ist nur wenig Phantasie für das entstehende Bild erforderlich, wohin es führt, wenn alle versiegelten Flächen (Dächer, Fassaden und versiegelte Oberflächen bei Außenanlagen) zur Errichtung von Photovoltaikanlagen ohne Auflagen und gekoppelt mit einem Freibrief für die individuelle Bestimmbarkeit der Ausführung freigegeben werden: zur Zerstörung des Straßen-, Orts- und Landschaftsbildes!

Die Dach- und Fassadenzonen sind die entscheidenden Architekturelemente von Gebäuden und der damit entstehenden Qualität von Straßen- und Platzräumen. Ein harmonisches Bild des Ortes (Ortsbild), losgelöst ob Stadt oder Dorf, wird von den Bewohner:innen als Identifikationspunkt empfunden, ebenso führt die harmonische Qualität, die Stimmung von Plätzen und öffentlichen Räumen – vor allem erzeugt durch die sie begrenzenden Bauten – zur entsprechenden Wertschätzung durch Besucher:innen und Gäste im Fremdenverkehr.

Aufgabe der politisch Verantwortlichen wäre es, über die ihnen zur Verfügung stehenden Institutionen und Fachpersonen Alternativen prüfen zu lassen: Sehr oft ist es nur die Positionierung und Gestaltung der PV-Anlagen, die das Ortsbild stört, was aber mit einfachen Vorgaben (symmetrische Anordnung in geschlossenem Feld, Aufbringung auf Nebendachflächen, Blendfreiheit im Straßenraum) für alle Beteiligten und Interessenlagen zu ausgezeichneten Konsens-Lösungen führt.

PV-Elemente werden zudem in der Zwischenzeit in verschiedenen Farben und Formen hergestellt, seit kurzer Zeit stehen u. a. PV-Elemente in Form von Mönch-Nonnendachziegeln zur Verfügung. Unter Berücksichtigung der außer Streit stehenden Wichtigkeit vom Einsatz von PV-Anlagen zur Stromerzeugung ist die Erhaltung von schützenswerten Ortsbildern mit entsprechend positionierten und geformten PV-Elementen zu gewährleisten: Die Elemente kommen in Struktur und Farbe den Dacheindeckungen sehr nahe.

Die dabei entstehenden Mehrkosten werden in Kauf genommen, da die Reihenfolge der Prioritäten ausgeglichener ist:

Zuerst kommt die Wertschätzung für das schützenswerte Orts- und Landschaftsbild, für seine gegebene Schönheit und dann die entsprechende technische Lösung, welche die gestellten Anforderungen erfüllt.

Kultur – und im vorliegenden Falle die Baukultur verlangt richtige Entscheidungen und auch Kosten, die dem Einzelnen nicht vollständig übertragen werden dürfen. Der Staat und seine politischen Vertreter:innen müssen sich zur Aufgabe machen, dass Baukultur und Ökologie nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern soziale, ökologische und gestalterische Nachhaltigkeit einander ergänzen.

Walter Jartschitsch, Graz, Januar 2023

___

(1) Zitat zur Regierungsklausur in Mauerbach aus https://orf.at/stories/3300912/

Laut Artikel ORF wurde der Wegfall etwaiger Genehmigungen von der Regierung am 11. Jänner „als Ergebnis der Klausur“ beschlossen – und in der „Abschlusspressekonferenz“ am 11. Jänner 2023  bekannt gemacht.

Aus der Perspektive des Ortsbildschutzes formuliert Herr Jartschitsch seinen Kommentar, der das immer öfter benannte Dilemma einer Konkurrenz zwischen Ökologie und Baukultur anspricht.

GAT veröffentlicht diesen, um zur Diskussion zu dem Thema anzuregen. Bitte nutzen Sie die Kommentarfunktion, um Gedanken zu diesem "offenen Brief" zu teilen. Möchten Sie den Kommentator in seinem Anliegen unterstützen, wenden Sie sich bitte direkt an den Verfasser Walter Jartschitsch.

ortsbildtag_2013_riegersburg_uebermorgen.jpg
Beispiel Riegersburg; Fotomontage, 2013. Solaranlagen und Photovoltaik: Großen Gemeinschaftsanlagen sollte gegenüber individuellen Lösungen der Vorzug gegeben werden, nicht zuletzt auch wegen des Ortsbildes. © Walter Jartschitsch
obk_pv_anlagen01.png
Beispiel private PV-Anlagen, 2022. © Walter Jartschitsch
obk_pv_anlagen02.png
Beispiel farbgleiche PV-Anlage für Ziegeldächer. © Walter Jartschitsch

Artikelempfehlungen der Redaktion