Wolkenschaufler_108

So langsam wie möglich

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10/08/2026

Am 5. August dieses Jahres wurde in der romanischen Kirche des ehemaligen Zisterzienserinnen-Klosters in Halberstadt eine Orgelpfeife eingesetzt, die einen seit 2024 zu hörenden Akkord um den Ton a‘ erweitert. Bis zum 5. Oktober 2027 klingen damit acht Pfeifen in der Komposition ORGAN²/ASLSP (as slow as possible) von John Cage (1912 – 1992).

Der Multiartist, der das Happening erfunden hatte – zuerst und nach einer Partitur, 1952 am Black Mountain College –, dort und an anderen Institutionen Lehrender, Komponist, Filmemacher und Poet, Schönberg-Schüler undundund, komponierte ASLSP im Jahr 1985 ursprünglich für Klavier mithilfe eines Zufallsprogramms am Computer. Cage nahm damit an einem Wettbewerb des The University of Maryland Piano Festival and Competition teil. Die Partitur besteht aus acht formal gleich langen Teilen. Zur Uraufführung kam das Stück dann am 14. Juli 1985 während des Festivals. 1987 erfolgte die Umschrift für Orgel als ORGAN²/ASLSP, die von dem deutschen Komponisten und Organisten Gerd Zacher in der Dauer von 29 Minuten uraufgeführt wurde. Die Länge der Aufführung, so langsam wie möglich eben, überlässt John Cage – ähnlich wie bei 4‘33‘‘[1] – den Ausführenden. So spielte beispielsweise 2020 Piergiovanni Domenighini as slow as possible binnen 17 Minuten, während Christopher Anderson, Kimberly Marshall, Diane Luchese und Alexander Meszler 2026 das Stück über acht Tage aufführten.

1998 trafen einander Organisten, Orgelbauer und Musikwissenschafter zu einem Symposion in Trossingen, Baden-Würtenberg, und beschlossen, Cage in einer schier unmöglich erscheinenden Variation aufzuführen respektive spielen zu lassen. ORGAN²/ASLSP sollte über 639 Jahre von einer ständig klingenden Orgel zu hören sein.

Nach Initiative des Historikers und Sozialwissenschafters Rainer Neugebauer wurde in der Folge die John-Cage-Orgel-Stiftung in Halberstadt gegründet, die sich zur Aufgabe machte, ORGAN²/ASLSP bis zum Jahr 2640 in der alten Stiftskirche klingen zu lassen. Die dafür konstruierte Orgel besteht allein aus den Blasebälgen und den jeweils akkordbestimmenden Pfeifen, die entsprechend der Partitur eingesetzt oder abgenommen werden.

Zum 90. Geburtstag von John Cage, am 5. September des Jahres 2001, erfolgte der Einsatz, laut Notation mit einer Pause. Etwa eineinhalb Jahre lang war nur das Geräusch der Blasebälge zu hören. Der „1. Klangwechsel“, durch manuellen Einbau von Pfeifen für gis‘, h‘, gis‘‘, fand dann am 5. Februar 2003 statt. Und so weiter im Rhythmus der Partitur und der proportionalen Klangdauer. Von 2013 bis 2020 etwa klangen c‘ (16‘), des‘(16‘), dis‘, ais‘, e‘‘ aus fünf Pfeifen, die dann um zwei erweitert wurden. Auf der hier angeführten Website ist der Kang von ORGAN²/ASLSP im jeweiligen Zustand zu hören.

„Immer ist jetzt“[2], könnte man gegenüber dem Fortschritt der Aufführung solchen Konzepts vermuten. Gerade – nachdem Tage hier wohl kein angemessener Zeitraum sind – wurde zu den seit 5. Februar 2024 zu hörenden c’ (16’), des’(16’), d’, dis’, e’, ais’, e’’ aus sieben Pfeifen eine achte installiert, damit um ein gestrichenes a erweitert. Der „jetzt“ von Anwesenden zu hörende Akkord wird bis zum 5. September 2027 gehalten, wenn das gestrichene e wieder abgenommen wird.

Im Grunde nutzlos, als Konzeptkunstwerk aber voll von Sinn, wenn man allein bedenkt, dass das Werk – sagen wir: höchstwahrscheinlich – von niemandem zur Gänze wahrgenommen werden kann, dennoch – vielleicht – zur Gänze aufgeführt werden kann/könnte. Die Stiftung selbst führt auf ihrer Website „Offene Fragen“ an. Darunter etwa: „Was ist, wenn wir vor lauter Ungeduld zu schnell gespielt haben und der Zeit 11 Monate voraus sind? Darf man das später durch langsameres Spielen kompensieren? Was heißt dann langsamer als ‘as slow as possible’?“ Wie ist man „der Zeit voraus“, wenn immer jetzt ist? „Was heißt langsamer als ‘as slow as possible’?“ ist beste Sprachphilosophie, der ein Konzeptkunstwerk vorangeht, für das nur schwer Vergleiche zu finden sind, sofern nicht die Bauzeit des Kölner Doms ins Spiel kommt.

Oder anders: Seit nun 25 Jahren wird ORGAN²/ASLSP in Halberstadt aufgeführt. Bis auf allfällige Revisionen und Reparaturen an der Orgel ohne Unterbrechungen. Und es sollen noch schlanke 614 Jahre folgen. Die Organisation der Aufführung müsste durch die Stiftung über Generationen weitergegeben werden – über einen wohl nicht vorstellbaren, künftigen Zeitraum, der, von heute in die Vergangenheit gedacht, ins Jahr 1412[3] führte.

Laut Terminkalender endet „Teil 1“ (von acht) am 4. September 2072. Die Partitur schreibt wieder eine Pause vor, „Nur Blasebalg und Wind“ sollen nach dem „64. Klangwechsel“ seit 5. Juli 2071 zu hören gewesen sein. Um Mitternacht, 5. September 2072, wird/soll „Teil 2“ einsetzen: „Nur Blasebalg und Wind“. Die dann noch folgenden 568 Jahre sind im Terminkalender noch nicht angeführt.

John Cage wäre zu Ende der Aufführung von „Teil 8“ vor 728 Jahren geboren.

Kann es ein, dass ich mich in meinen Berechnungen völlig verzettelt habe? Bitte korrigieren Sie mich.

 

[1] 4‘33‘‘ ist ein stilles Musikstück in drei Sätzen. Im Grunde eine einzige Pause, die von Cage 1947/48 konzipiert, komponiert wurde. Die vollständige Partitur lautet: „I Tacet, II Tacet, III Tacet“. In einer Anmerkung 1960 erklärte Cage allerdings, dass es sich nur um einen Titel handle, während das Stück beliebig lange dauern könne.

[2] Eine Sentenz des Wiener Schriftstellers und Malers Anselm Glück, die auf einem meiner T-Shirts steht.

[3] Was da los war unter https://de.wikipedia.org/wiki/1412 Im Grunde nichts Besonderes, denn: wie auch „jetzt“ war zu jeder Zeit „immer“ was los …

Die Kolumne Wolkenschaufler von Wenzel Mraček zu Kunst und Kultur(-politik) erscheint jeden 2. Dienstag im Monat auf GAT.

Weiterführende Links

Orgel für ORGAN²/ASLSP, St. Burchardi-Kirche, Halberstadt / Sachsen-Anhalt. (Foto: Clemens Franz, 2015, Wikimedia Commons)
Orgel für ORGAN²/ASLSP, St. Burchardi-Kirche, Halberstadt / Sachsen-Anhalt. Foto: Clemens Franz, 2015, Wikimedia Commons

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