„Schaust du dir heute Österreich gegen Spanien an?“, fragt der Neffe am Telefon.
„Wofür hältst du mich, Neffe?!“
„Ach so“, klingt dann fast wie eine Entschuldigung.
Wenn auch mein Mitgefühl für Fußball nicht über Qualtingers „Simmering gegen Kapfenberg“ hinaus gewachsen ist, mich im Grunde nicht einmal Weltmeisterschaften – sagen wir – berühren, so ist es immerhin die Sprache, sind es die Sprüche, die aus dem Spiel herauswachsen, weil „alles andere ist primär“ (H. Krankl, angeblich vor dem Spiel gegen Deutschland während der WM in Córdoba/Argentinien 1978. Den Sager habe ich mit Krankls Stimme im Ohr, kann ihn aber nicht zuordnen. Erinnerung kann ja generiert werden, bezieht sich also nicht immer auf tatsächlich Erlebtes und heißt in solchen Fällen Allomnesie.) Und weil ich Anhänger der neuplatonischen Denkweise bin – quod est superius, sicut quod est inferius, wie oben, so unten – fällt mir noch einer ein: Auf deutlich regionalerer Ebene bewegte sich in jüngeren Jahren der heutige Lektor des Ritter Verlags. Er war Kicker in einem Verein minderer Liga in Radkersburg. In einem Gespräch verwundert, dass ich vom Fußball derart nichts weiß, beschrieb er seine Kraft: „Wonn i do untn am Plotz tretn bin, hots in Graz des Wossa aus da Leitung druckt!“
Weil mich der Fußballsport also ziemlich peripher interessiert, bin ich offenbar etwas Außergewöhnliches. Wenn gar Abneigung, mag die bei mir von einer Art kindlichem Schocktrauma herrühren. Mein Vater war in seiner Jugend Kicker. Nämlich so etwas wie „Außenläufer“ eines Dorfvereins, der möglicherweise FC St. Buckel am Rucksack hieß und naturgemäß heute nicht mehr besteht. Nach Beendigung seiner Spielerkarriere war er Funktionär im selben Verein, Kassier im Besonderen, und ich damals so etwa fünf Jahre alt. An Heimspiel-Tagen musste ich ihm stets assistieren, wenn er am Rand des Spielfeldes die Zuseher abkassierte – das heißt, ich wackelte hinter ihm drein und hatte Kartenblöcke in der Hand.
„Achtung“, hörte man da, „der Kassier kommt!“ Und Pa sagte darauf: „Meine Damen und Herren, es ist zum plärren.“ Folgte jeweils der geschäftliche Teil. Zwischendurch traf man einen Freund, der sein neues Motorrad auf der anliegenden Wiese abgestellt hatte und Pa musste sofort eine Proberunde fahren – versteht sich, unbehelmt mit mir auf dem Sozius. Dann weiter in seiner Funktion als Kassier. Nach einem Match sehe ich mich – s.o., die Erinnerung – in der sogenannten Spielerkabine der Vereinsbaracke aus über Jahre gut durchgeschwitztem Restbaumaterial. Das Spiel war schlammig, die riesengroßen Spieler von der Schlammschlacht dreckig. Ich hatte Angst. Wenn mir so einer gegen mein Schienbein rennt, glaube ich heute, dass ich damals dachte. Oder, anstatt des Balls, gegen meinen Kopf köpfelt. Ich mochte diese Umstände des Fußballsports nicht. Ich mag seither den Fußballsport nicht.
Aber noch Eins: Zu Auswärtsspielen wurden die Athleten in den Privatfahrzeugen der Funktionäre chauffiert. 5 Spieler und als Fahrer der Kassier, erinnere ich mich. Im Opel Rekord auf dem Weg nach Steinfeld im Drautal. Ich, der fünfjährige Assistent, irgendwo dazwischen im präfugalen Angstschweiß der Amateure. „Buben“, sagte mein Vater, „wenns des Mätsch vergeigts, kennts zfuaß hamgehn!“ Ich mochte das nicht.
The Times They Are a-Changin‘, wie der Sozialökonom und Nobelpreisträger Robert Zimmerman zu sagen pflegt. Etliche Jahre später bin ich lieber mit der Kunst am Ball. Ich ordne gerne irgendwelche Ereignisse nach Kategorien derselben. Da kommentierte zur FB-WM 1978 in Córdoba – aber das wissen wirklich alle – Edi Finger sen. das Spiel Österreich gegen Deutschland. Der Finger schrie: „ Toor, Toor, Toor, Toor, Toor, Toor! I wer narrisch!“ und wurde nicht verrückt, sondern international berühmt.
Der österreichische Sportkommentator Daniel Warmuth (geb. 1987 in Klagenfurt) war damals noch nicht auf der Welt. Aber wie ich, ist auch er mit Kategorien der Kunst vertraut und so nahm er ein Reenactment vor, eine Wiederaufführung oder Nachstellung des historischen Ereignisses während des rezenten WM-Spiels Österreichs gegen Algerien[1].
Warmuth interpretierte den Finger-Schrei. Wichtig ist dabei die Häufung des dominanten Substantivs sowie die Dehnung des Vokals. Finger schrie: „Toor, Toor, Toor, Toor, Toor, Toor!“ (6x mit jeweils 2 o). Warmuth schrie: „Tooor, Tooor!“ (2x mit jeweils 3 o). Finger schrie: „I wer narrisch!“ und „Kraankl!“. Warmuth kehrte die Folge um. Er schrie: „Kaleeeitschitz!“ [sic. Kalajdžić] und befürchtete nicht, wie Finger, seine eigene geistige Zerrüttung, sondern fragte das imaginäre Publikum: „Bist – du – teppert?“ So geht die Kunst!
Das Wunder von Cordoba [sic. Titel des Stücks] wurde auch vom Schweizer Künstler Massimo Furlan bei den Wiener Festwochen 2008 neu inszeniert. Ganz allein und ohne Ball gab er auf dem Spielfeld des Hanappi-Stadions die kompletten 90 Minuten in der Rolle von Hans Krankl wieder. Den Live-Kommentar von Edi Finger jr. konnten Zuschauer auf der Tribüne über Radio mithören, inklusive besagten Kommentars seines Vaters.
Aber zurück zum Beziehungs-Dreieck Fußball, der Kunst und mir. [Anmerkung: Die Beziehung Kunst & ich mochte mein Vater nicht. Vielmehr hätte er mich gerne zum Ingenieursanwärter ausbilden lassen. Das mochte ich aber nicht und zog die Ausbildung zum Gunsthysteriker vor. Wenn ich auf ihn sauer war, weil er auf mich sauer war, nannte ich ihn zu Hause „Herr Direktor“, denn im Berufsleben war er zu dieser Zeit schon einer. Von mir als „Herr Direktor“ angesprochen zu werden, mochte er aber auch nicht.]
Mit Fußballfeldern bin ich durchaus vertraut. Mein Vater blieb dem FC St. Buckel am Rucksack auch nach seiner Funktion als Kassier treu. Als Direktor einer Firma für Bau technischer Anlagen lukrierte er den Auftrag zur Errichtung einer Flutlichtanlage um das etwas steinige Spielfeld von St. Buckel. Ich dagegen war schon wieder Assistent respektive Hilfsmonteur während Ferial-Praktikums in der von ihm dirigierten Firma. „Du krakselst da hinauf“, sagte Pa. Von der Spitze der Lichtmasten aus konnte ich die Rechteckigkeit des Prinzips Fußballfeld nach der Perspektive des Vogels in meinem Gehirn studieren. Das Runde ins Eckige, da machen mir auch Experten nichts vor, bis sich „das Leder im Netz wölbt“ (vermutlich Herbert Prohaska). Auf der Spitze hatte ich aber zugleich Angst um mein Wohlbefinden. Ich mochte das nicht.
Aus solcher Genese, so muss es wohl sein, stammt mein bisher nicht verwirklichtes Kunstkonzept zur Ausführung in einem Fußballstadion, sagen wir in Graz Liebenau: Vor 16.764 Zuschauer:innen stehe ich, nur ich, auf dem Anstoßpunkt des Spielfelds. Wie damals als Kind halte ich einen kleinen Block in Händen und blättere ein Daumenkino ab. Die (nach vorne) geneigten Rezipient:innen verfolgen den Ablauf eines gezeichneten Stummfilms, in dem der Präsident der Vereinigten Staaten den Präsidenten der Fédération Internationale de Football anruft, um die Aufhebung der Sperre eines Spielers zu erwirken. Das Stück hieße Daumenkino im Stadion – Eine Intervention.
[1] Der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus war in seiner Jugend Torwart beim Fußballverein Racing Universitaire d’Alger. Später sagte der Nobelpreisträger einmal:"Alles was ich im Leben über Moral oder Verpflichtungen des Menschen gelernt habe, verdanke ich dem Fußball." Diese kulturphilosophische Sentenz fand aber in den Kommentaren zum WM-Spiel Österreichs gegen Algerien keine Erwähnung. Weil, der Ball muss flach gehalten werden
