Wolkenschaufler _ 08

ERINNERUNG WIE TEXT WEG

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13/03/2018

Mag.phil. Ernst Wenzel Mraček, Kunsthistoriker. 1962 in Klagenfurt geboren, arbeitet er als Kulturpublizist in Graz. Literatur Wenzel Mraček, Simulierte Körper. Vom künstlichen zum virtuellen Menschen. Wien, Köln … mehr

ERINNERUNG WIE TEXT WEG

In seinem „Vorwort zum Gedenkjahr 2018“, auf der Website Oesterreich100.at, erinnert Bundespräsident a.D. Heinz Fischer an die Gründung der Republik Österreich am 12. November 1918 und an den Beschluss des Frauenwahlrechts am selben Tag, an den sogenannten „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938 und daran, „die darauffolgenden Novemberpogrome an Jüdinnen und Juden … nicht zu verdrängen und nicht in Vergessenheit geraten zu lassen“. Zudem erinnert Heinz Fischer an die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ von 1948, an den „Prager Frühling“ 1968, und er hält fest, dass diese Ereignisse in einem inneren Zusammenhang stehen und einander wechselseitig beinfluss(t)en. Mit dem Gedenkjahr verbunden sind zahlreiche Ausstellungen, unter anderem in den Häusern der Geschichte in St. Pölten und Wien.
„Tut dies zu meinem Gedächtnis“, soll einmal einer in anderem Zusammenhang gesagt haben. Der lang vergangenen Zeit und den Übersetzungen geschuldet, dürfte er wohl gemeint haben, „… um euch an mich zu erinnern“.
gedächtnis heißt ein Kunstwerk, das Markus Wilfling 2009 an einem damals errichteten Hochwasserrückhaltebecken in der Gemeinde Labuch, im Hügelland östlich von Graz, angelegt hat. Wilfling nahm sich des alten Synonyms an, das gleichermaßen für die Funktion des Gehirns steht wie für die Erinnerung an (Hochwasser-)Ereignisse. Entsprechend seinem Konzept wurde der Schriftzug mittels Pflanzen gesetzt, die über die Jahre auswachsen und sich auf dem Wiesenstück verbreiten. So ergibt sich die paradox anmutende Situation, dass das Material erhalten bleibt, gedächtnis gegenwärtig aber gerade noch zu entziffern ist. Dieses gedächtnis wird im besten Fall also nur mehr in Erinnerung bleiben.
Der Standard veröffentlichte am 21. Februar d. J. einen offenen Brief des Grazer Soziologen Christian Fleck, in dem er den von der FPÖ zum Mitglied des Universitätsrats der Karl-Franzens-Universität nominierten Burschenschafter Alois Gruber daran erinnert, dass Mitglieder seiner „Gesinnungsgemeinschaft“ am 9. November 1938 den Oberrabbiner und Universitätsprofessor David Herzog verschleppten, peinigten und umbringen wollten. Herzog konnte sich jedoch retten und schrieb seine Erinnerungen an die Pogromnacht nieder.
Auszüge dieses Textes brachte die Künstlerin Catrin Bolt im November 2013 auf den Gehwegen von der Radetzkystraße (Herzogs Wohnung) bis zum Griesplatz als Lauftext auf. Das Vorhaben, das zunächst temporär angelegte Kunstwerk im öffentlichen Raum der Stadt im Jahr 2015 zu erneuern, um es bis zum Ende des Gedenkjahres 2018 zu erhalten, scheiterte an der Genehmigung durch das Grazer Straßenamt. Argumentiert wurde, dass es sich „eingebürgert“ habe, temporäre Kunstwerke verlängern zu wollen und solchem Ansinnen grundsätzlich nicht mehr stattgegeben werden könne. Außerdem sei das Kunstwerk – das vom ausführenden Institut für Kunst im öffentlichen Raum als „Mahnmal“ bezeichnet wurde – quasi Ideenspender für Wirtschaftstreibende, die mit gleichem Recht eventuell die Methode Straßentext als Außenwerbung beantragen könnten. Der Lauftext ist gegenwärtig noch an manchen Stellen zu lesen. Die Erinnerung mittels Kunstwerk im öffentlichen Raum wird also verblassen.
Dem Vorschlag seitens der vormaligen Kulturstadträtin Lisa Rücker, entsprechend dem Wunsch des Menschenrechtsbeirates und des Bezirksrates Innere Stadt, Jochen Gerz‘ Gedenkprojekt 63 Jahre danach bis in das Jahr 2018 im Stadtraum zu erhalten, wurde 2014 nicht stattgegeben. Nach Stimmenmehrheit von ÖVP und FPÖ wurden die Text- und Bildtafeln in Erinnerung an die NS-Zeit entfernt – Text weg.
Und noch ein Text – wenn auch aus anderen Gründen – muss weg: Eugen Gomringer erhielt im Jahr 2011 den Alice-Salomon-Poetik-Preis. Die nach Alice Salomon benannte Hochschule in Berlin brachte zu diesem Anlass Gomringers in den 1950er Jahren verfasstes konkretes Poem ciudad (avenidas) an der Südfassade an. Was Gomringer als „Konstellation von sechs Wörtern“ bezeichnet, „erinnert“ den Allgemeinen Studierendenausschuss Berlin „unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind“.
Zur Erinnerung:
Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Wolkenschaufler _ 08

ERINNERUNG WIE TEXT WEG

Die Kolumne Wolkenschaufler von Wenzel Mraček zu Lebensraum, Kunst und Kultur(-politik) erscheint jeden 2. Dienstag im Monat auf GAT.

Weiterführende Links

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Markus Wilfling, gedächtnis, Labuch 2009 © Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark - KIÖR
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Catrin Bolt, Lauftext, Graz 2013, (Aufnahme im Dezember 2017) © Wenzel Mraček
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Catrin Bolt, Lauftext, Graz 2013, (Aufnahme im Dezember 2017) © Wenzel Mraček
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Catrin Bolt, Lauftext, Graz 2013, (Aufnahme im Dezember 2017) © Wenzel Mraček

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