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Bemerkungen zu Lebensraum, Kunst und Kultur(-politik) von Wenzel Mraček

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08/08/2017

Mag.phil. Ernst Wenzel Mraček, Kunsthistoriker. 1962 in Klagenfurt geboren, arbeitet er als Kulturpublizist in Graz. Literatur Wenzel Mraček, Simulierte Körper. Vom künstlichen zum virtuellen Menschen. Wien, Köln … mehr

Naturschutzgebiet
Es ist heiß. Im Standard vom 1. März d. J. werden Naturschutzbund-Präsident Johannes Gepp, die Sachverständige für Natur- und Umweltschutz Romana Ull und die Umweltmedizinerin Eva-Maria Wendler zitiert, die den Grazer Kraftwerksbau plus Entlastungskanal für ein „ökologisches Desaster“ halten. Die Klimaerwärmung werde Graz, unter anderem infolge der Kessellage, härter treffen als andere österreichische Städte. „Um die Stadt zu kühlen“, meint Romana Ull, „brauchen wir jeden Baum, den wir haben“.
Wer sich angesichts der Hitze in die stadtnahen Wälder bewegt, erfährt sofort den Unterschied. Zudem binden Bäume auch den Feinstaub und so weiter, usw.
Derweil ist die Au in Puntigam Geschichte. Mehr als 8000 Bäume mussten Kanal und Kraftwerk weichen, die Mur wird im Staubereich bis zur Grazer Hauptbrücke ein stehendes Gewässer sein, gereinigt und im Vergleich zum Status quo geruchsfrei, Letzteres wird der Entlastungskanal leisten.
Graz stinkt. Laut Rechnungshof-Bericht wird die notwendige Kanalsanierung nur zu einem Drittel der Erfordernisse betrieben. Wer sich – während der Hitze zumal – durch die Stadt bewegt, erfährt die olfaktorischen Auswirkungen.
Aber, stellt die neue Grazer Stadtregierung in Aussicht, wird Graz unter ihrer Ägide sauberer. Wir wissen noch nicht, worauf sich „sauber“ bezieht. Jedenfalls hat der Bürgermeister im Jänner im Bereich der Arlandgründe ein neues Naturschutzgebiet an der Mur präsentiert. In direkter Nachbarschaft der Siedlung, der Stellflächen eines Autohändlers und der Holding Graz Wasserwirtschaft entstand um den Zufluss Andritzbach ein zur Mur hin leicht abfallendes Areal. Die Benützung dieses Geländes – bisschen Pritschipratschi, Hund laufen lassen oder gar Grillen – ist aber weitgehend verboten, weil im Wortsinn nur „in Aussicht gestellt“ und Naturschutzgebiet.
Tatsächliche Schaustücke und Paraphrasen auf das zu diskutierende Phänomen Natur gegenüber naturnaher Urbanität – nachdem künstliche oder künstlerische Natur ja keine ist – findet man derzeit und demnächst etwa im Grazer Kunstverein, indoor und bei angenehmem Raumklima. Der 1982 im schottischen Dundee geborene Edward Clydesdale Thomson hat damit begonnen, einen Garten in den Räumen der Galerie anzulegen, in erster Linie also einen Schaugarten. In den kommenden Jahren soll der Garten „zu einer realen, lebendigen Lebensumgebung, die langsam wächst, aufblüht und im Lauf der folgenden Jahre wieder zerfällt“ werden. Ein Denkstück allemal gegenüber Kraftwerkswiese und Naturschutzgebiet, „als Gehege deiner Gesten, als botanisches Gedicht“

hätte Heller wohl gesagt,
hätt‘ man ihn um Kommentar gefragt.

Und jetzt wieder ernsthaft: Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur nannte der Tiroler Künstler Max Peintner 1970/71 eine Zeichnung, die einen Laubwald auf der Spielfläche eines Stadions zeigt, das von einer Skyline (mit rauchenden Schloten und Kranarmen) umgeben ist. Der Schweizer Künstler Klaus Littmann wurde dieser Zeichnung gewahr und fasste die Idee, sie als Plan zu verwenden. Unter demselben Titel wird er auf dem Fußballfeld des Klagenfurter EM-Stadions – ein verwaistes, überdimensioniertes Politdenkmal, in dem 2008 ein paar Fußball-Europameisterschaftsspiele stattfanden und winters seither ein paar Eishockey-Spiele, jüngst spielte dort Elton John Klavier – einen Wald aus 190 vierzehn Meter hohen Bäumen einsetzen. Tatsächlich wurde das Projekt vom Klagenfurter Stadtsenat im März abgesegnet und soll im Herbst 2019 für zwei Monate installiert sein. Nach Abbau übersiedelt der Stadionwald in den Lakeside Park. Mit Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur will Littmann eine „Konfrontation von Natur und Technologie“ demonstrieren. Bei der Gelegenheit könnte man auch nach dem Unterschied zwischen Wald und Holzplantage fragen.
Zurück in die Wirklichkeit: Es mag skurril klingen, aber der Steirische Bauernbund machte mit einer Kampagne im März darauf aufmerksam, dass die steirischen Bauern den für den Tourismus so wichtigen „Augenschmaus Landschaft“ erhalten, denn: „Eine Landschaft ohne Pflege verwildert und verwaldet rasch und wächst in relativ kurzer Zeit zu.“ Anschauliche Fotomontagen zeigen, dass etwa die Teichalm ohne gewissenhafte Pflege bis zum Jahr 2050 hoffnungslos verwaldet wäre und Gäste – naturgemäß – ausblieben.

Zwei Literaturtipps für Menschen, die sich während der Hitzeperiode wohlig vor dem Wald fürchten wollen:
Henry David Thoreau: Die Wildnis von Maine. Eine Sommerreise.
Annie Proulx: Aus hartem Holz.

Wolkenschaufler

Bemerkungen zu Lebensraum, Kunst und Kultur(-politik) von Wenzel Mraček jeden 2. Dienstag im Monat

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Naturschutzgebiet im Grazer Norden © Wenzel Mraček
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Naturschutzgebiet im Grazer Norden © Wenzel Mraček

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