Privatissimum vom Grilj

Einiges über Zustände und Haltungen, oder?

von ,

15/01/2019

Mathias Grilj

Journalist und Schriftsteller

Mathias Grilj ist damit beschäftigt, "... dem Leben Gedanken und Sätze abzuringen, die sitzen, um sie in seine Glossen und – als Max Gad – in seine Theaterstücke zu passen, wo sie sich über die Jahre bewähren können" … mehr

"Was kümmert mich das Wörtliche."
(Robert Menasse)

"Und seien Sie möglichst geistreich!"
(aus „Avatar“)

"Wer leicht rot wird, sollte beim Lügen
Grün tragen."
(Yves Saint Laurent)

"Ein Pfeil ist die Wahrheit,
giftig dem eiligen Schützen."
(Heiner Müller)

"Robert Menasse ist geblieben, was er
von Anfang an war: eine aufgeblasene
Knalltüte."
(Thomas Rietzschel)

"Muss man wirklich so deutlich werden?"
(Michel Houellebecq)

Einiges über Zustände und Haltungen, oder?

Kommenden Freitag wird Mainz wieder singen und lachen. Einer lacht sich ins Fäustchen: Robert Menasse, der Lügner. Die „Presse“ titelt: "Menasse bekommt Zuckmayer-Medaille trotz Kritik am Umgang mit Zitaten“. Aha, man suggeriert mir da: Die Ehrung hätte man ihm wegen der Kritik verweigern können – und nicht, weil er nachweislich gelogen hat, sollen. Oder eher: müssen. So ein Zeitungstitel sagt einiges aus über Zustand und Haltung der vierten Gewalt, oder? Die ist hier eher mein Thema als ein Autor, von dem ich nie etwas gehalten habe.

Menasse zitierte den CDU-Politiker Walter Hallstein mit einem Satz, den dieser nie gesagt hat. Und er behauptete, Hallstein hätte die Antrittsrede als Präsident der EWG-Kommission in Auschwitz gehalten. Wieder gelogen. Als dies bekannt wurde, meinten manche, diese Lügen seien ja gut gemeint, die Gründungsgeschichte der EU werde "verschönert“ (so die ZEIT). Wenn dem so ist, dann ist sie ein Lügengebäude. Noch Unbedarftere sagen, die Dichtung dürfe schlichtweg alles.

Letzteres stimmt natürlich, doch der Verschönerer hat dies nicht als Dichter getan, sondern als politischer Essayist, nicht in der Lyrikspalte, sondern im Wirtschaftsteil der FAZ. Da gelten andere Kriterien als in der Belletristik, da zählen Fakten, nicht Fakes. Seine Co-Autorin Ulrike Guerot erkannte den Betrug, hätte aber "nicht genügend Autorität und Souveränität gehabt“, um ihn zu verhindern. Sagt einiges aus über Zustand und Haltung der Politikwissenschaft, oder? Der entlarvte Menasse schrieb dann nicht: "Ich habe mich geirrt, ich bitte um Verzeihung.“ Da wäre man zur Tagesordnung übergegangen, Schwamm drüber. Doch er fiel geradezu aggressiv über jene her, die ihn zu rügen wagten, und verstieg sich zu entlarvenden und schaurigen Postulaten – siehe oberstes Zitat.

Ich bin einer, der für das Wort und vom Wort lebt, das ist mein Beruf. Als Dichter dichte ich drauflos – und legte Daedalos und Ödipus´ Mama Iocaste schamlos erfundene Zitate in den Mund. Als Journalist bin ich jedoch dem Wortwörtlichen und dem Belegbaren verpflichtet. Das gehört einfach zur redlichen Arbeit. Darauf basiert jegliches Vertrauen, das man mir entgegenbringt – ein Wert, der niemals aufs Spiel gesetzt werden darf. Natürlich habe ich im werktätigen Leben bona fide Fehler gemacht und Böcke geschossen – die Sache aber post festum richtiggestellt und zerknirscht um Verzeihung gebeten. Doch wenn unsereins „das Wörtliche“ nicht achtet, dürfen wir uns über den Vorwurf der Lügenpresse und das Misstrauen nicht wundern. Auch der Verdacht der Küngelei unter „Eliten“ ist nicht von der Hand zu weisen: Iris Radisch zupft in der ZEIT den Wortverdreher fast zärtlich am Ohr. Gerade, dass sie nicht „Du lieber Schlingel, du!“ titelt. Und sie deliriert, Menasse sei – man reibt sich fassungslos die Augen und vermeint zu delirieren – "ein bedeutender europäischer Intellektueller“.
Sagt das was aus über Zustand und Haltung des Feuilletons oder eher jener der europäischen Intellektuellen? Diesen Fabulierer zu hätscheln hat bei ihr Tradition. So schrieb sie in der Rezension von Die Vertreibung aus der Hölle, es gebe zwar einiges zu bekritteln, aber es sei möglich, „Autoren auch für das zu loben, was sie sich vorgenommen haben, und nicht nur für das, was sie erreicht haben.“ Sagt einiges aus über Zustand und Haltung der Kritik in Qualitäts-hähähä-medien, oder? 

Den Gipfel der Schamlosigkeit erklimmt Menasse mit der Stellungnahme in der „Presse“. Da windet er sich, da beschwört er Thesen, die gar nicht zur Debatte stehen, da wird er pathetisch, da höhnt und schleimt und räsoniert er herum und betreibt eine widerwärtige Täter-Opfer-Schubumkehr. Und versteigt sich im rechthaberischen Finale – wohl um die Leser in den Schulterschluss mit ihm zu zwingen – zur Behauptung, wer ihm Fälschung vorwerfe, liefere den Rechtsextremen Stoff. Schon wieder falsch, geehrter Fälscher! Den Rechtsextremen liefert Stoff, wer sich so verhält wie Sie.

Einiges über Zustände und Haltungen, oder?

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GAT veröffentlicht in der Kolumne Privatissimum vom Grilj jeden dritten Dienstag im Monat Texte zum Nachdenken.

Zur Person

Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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© Mathias Grilj

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