Privatissimum vom Grilj – 79

Mene mene tekel upharsim

von ,

19/05/2020

Mathias Grilj

Journalist und Schriftsteller

Mathias Grilj ist damit beschäftigt, "... dem Leben Gedanken und Sätze abzuringen, die sitzen, um sie in seine Glossen und – als Max Gad – in seine Theaterstücke zu passen, wo sie sich über die Jahre bewähren können" … mehr

Mene mene tekel upharsim
(Privatmeinung)

Manche kriegen Größe,
wenn sie fallen.
Manche nie.
M.G.

Weil Kultur nicht ganz das Ihre ist, sei der etwas lunatischen Ex-Kulturstaats- sekretärin der obige Titel aus dem Akkadischen ins Persönliche übersetzt: „Gewogen und zu leicht befunden“. Das steht in einem ziemlich dicken Buch, beim Propheten Daniel. Kapitel 5, Vers 25. Es steckt zwischen der Schöpfungs- geschichte, wo alles anfängt, und der Apokalypse, wo es Granada spielt. Jetzt haben Sie vielleicht Zeit zum Lesen.

Dass ausgerechnet ein eher behäbiger Kleinkünstler wie Lukas Resetarits Sie zu längst fälligem Fall gebracht hat, entbehrt nicht der Ironie und entspricht zugleich passgenau Ihrem Format. Jaja, für diese Bemerkung werde ich bestimmt noch gerüffelt, man wird mir „Nachtreten“ vorwerfen und Mangel an Noblesse. Aber ich bin angeekelt von den ach-so-noblen Nachrufen, die man Ihnen flicht – ach, ausgewiesene Europaexpertin und ach, Feministin! Statt klipp und klar zu fragen: Wenn sie so famos ist, wie alle sagen, warum hat sie schon wieder versagt?

Allzu deutlich ist mir Ihr Gestammel im Zusammenhang mit Theater- produktionen – hab ich das richtig? – im Ohr. Da war von „Betreuerinnen“ und „Trainern“ die Rede... Meinten Sie damit Chefdirigentinnen und Regisseure? Und dass man inzwischen ja ohnehin „Text üben“ könne... Sie waren offensichtlich nie in einem Maschinenraum der Kunst.

Aber eine monatliche Überweisung kriegen Sie trotzdem noch aufs Konto, oder? Sie können die Miete zahlen? Gott sei Dank! Das sollten Sie allen Prekären erzählen, die das derzeit kaum können und in ihrer Verzweiflung nicht weiterwissen. So geht es Vielen in – wie Sie das wohl nennen – „unserem kreativen Bereich“. Dabei können Sie gern weiterhin Ihr ledriges Lächeln lächeln, so richtig brüsselgegerbt und weitab von Land und Leuten, weitab vom Leben und Leiden. Und vor allem vom Kennen und Können.

Da wird es Vielen „in unserem kreativen Bereich“ richtig warm ums Herz: „In der Kunstpartie muss sich wenigstens eine von uns nicht die geringsten Sorgen machen. Das Geld ist ihr immer grün.“

Grüßen Sie auch den Werner lieb und sagen Sie ihm – sobald er vom Ö-Ring kommt und Sie inzwischen den akkadischen Text geübt haben – ganz professionell, engangiert und kompetent: Mene mene tekel upharsim.
Das ist natürlich, wie damals beim biblischen Propheten, nur eine Privatmeinung. Aber in Privatmeinung ist Werner bekanntlich auch ziemlich gut.

GAT veröffentlicht in der Kolumne Privatissimum vom Grilj jeden dritten Dienstag im Monat Texte zum Nachdenken.

Zur Person

Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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© Mathias Grilj

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