Wie das Knarren so mit uns wandert
Ganz war mein Herz an deiner Seite,
Und jeder Atemzug für dich.
Goethe
Vor vielen Jahren, als das Wünschen noch geholfen hat, musste ich nachts oft aufstehen. Sobald ein Kind geweint hat. Dann habe ich es gestreichelt und gebeten, die Mama nicht zu wecken, es sei denn, es wolle gestillt werden. Das kann ich bei aller Liebe nämlich nicht bieten.
Dann habe ich das Kind aus dem Gitterbett gehoben, mit ihm meine Runden im Raum gedreht, der hat fünf mal fünf Meter, und ein russisches Wiegenlied gesummt, das Sie wahrscheinlich auch kennen. Es ist ein schöner Balsam für die Seele und geht ungefähr so: „Tja-da-ri-dara-tja-oha, tja-da-ri-dara-tja-ahooohummm...”
Während dieser nächtlichen Wanderungen durch das Zimmer, das waren oft Stunden, habe ich gemerkt, wo der Parkettboden knarrt und wo ich nicht hinsteigen soll. Ich habe die leisen Routen herausgefunden, damit Frau und Kind schlafen können. Ich war, obwohl völlig verschlunzt und übermüdet, ein ziemlich guter und verlässlicher Pfadfinder.
Und jetzt kommt – zack! – ein Schnitt von mehr als 20 Jahren.
Ein Enkelkind ist gerade da und schläft bei uns, es weint im Schlaf, ich stehe – gelernt ist gelernt – auf, hole es aus dem Gitterbett und summe ihm „Tja-da-ri-dara-tja-oha, tja-da-ri-dara-tja-ahooohummm...” ins Gemüt, während ich mit ihm meine Runden durch den Raum drehe.
Dann merke ich verblüfft: die alten Routen passen nicht mehr. Inzwischen knarrt der Parkettboden an anderen Stellen. Holz lebt und arbeitet. Manchmal quietscht es entsetzlich, wenn ich hinsteige, es schreit förmlich auf unter meinem Gewicht.
Ich muss die guten und stillen Routen für das neue Kind neu finden.
