Wollen Sie das wirklich lesen?
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Von der Schieflage der Töne
Es ist ein Gebot der Redlichkeit, Sie vor der Lektüre dieser Glosse zu warnen und auf unerwünschte Nebenwirkungen und eventuelle infektiöse Folgen hinzuweisen. Sie kann einerseits zwar Ihr Gehör schärfen, andrerseits kann sie aber – zumal den Hörern von Ö1 – die Laune verderben oder gar den Tag vermiesen; schlimmer noch, Sie zu einem Griesgram machen, der regelrecht auf Misstöne lauert, die ihn dann garantiert quälen werden. Der folglich kaum Radio hören kann, ohne zu leiden. Das kann empfindsame Naturen ins Exil einer mürrischen Einsamkeit treiben.
Seit Jahren registriere ich unter Nachrichtensprechern und Moderatoren die Zunahme einer Art von Lautverschiebung. Die Rede ist hier nicht vom schlampigen Satzbau, den Pseudoanglizismen, den falschen Präpositionen und grammatikalischen Zumutungen, sondern: dass der gute Ton flöten geht. Sprachlich betrachtet, wird „der Kultursender“ immer mehr zum Dschungelcamp.
Erst grassierte es unter den zugekauften Beiträgen aus Deutschland: dass man die Betonung geradezu aggressiv auf die erste Silbe verlegt – was dann nach hingepeitschtem AGGGressiv klingt. Inzwischen ist es aber wie im Burgthheater, wo sich auch eingeborene Schauspieler bemühen, tunlichst nach Piefke zu klingen. Ein paar Beispiele, die aus dem Radio kommen: RITTTuell, DIGGGital, QUINNNtett, eVENNNtuell, NUUUklear, KOMMMponist, REEEgulär, ZUUUdem. Da wird nicht „mesolithisch“ gesagt, sondern MÄÄÄsolithisch geblökt, der Mann ist – na, wie ist er? - HOOOrmongesteuer ist er.
Sobald Ihnen das aufgefallen ist, hören Sie es ständig. Ich kann es nicht entspannt oder gar belustigt als ein kulturelles Phänomen betrachten, weil immer die Ö1-gemäße Aussprache – nämlich KULLLturell - mitklingt und die Gehörgänge sowie Stimmung und Seele verschmutzt. Meine Kinder sagen, wenn ich wieder am Explodieren bin: „Du hast ja recht, Papa, aber kann es dir nicht wurscht sein?“ Wenn ich das schaffen könnte – wäre ich dann ein weiser Buddha oder ein abgestumpfter Idiot?
