Privatissimum vom Grilj

Der Dieb und die Heilige Messe

von ,

18/06/2019

Mathias Grilj

Journalist und Schriftsteller

Mathias Grilj ist damit beschäftigt, "... dem Leben Gedanken und Sätze abzuringen, die sitzen, um sie in seine Glossen und – als Max Gad – in seine Theaterstücke zu passen, wo sie sich über die Jahre bewähren können" … mehr

Der Dieb und die Heilige Messe

Mein ist die Rache,
spricht der Herr,
ich will vergelten.
Deuteronomium 32, 35

Du bist nicht allein...
Roy Black

Ich suche nicht, ich finde.
Pablo Picasso

Neulich hat irgendein mieser Charakter den Roller meines Enkels gestohlen. Aus dem ersten Stock des Hauses, wo wir wohnen. Bei uns wird überhaupt gern gestohlen. Seien es Fahrräder, sei es die Morgenzeitung, wenn sie vor der Tür liegt. Und es gibt immer mehr Mieter im Haus, die einen seltsam anstarren, wenn man sie gegrüßt hat. Als hielten sie es für ein unsittliches Angebot.

Das Kind ist jedenfalls fassungslos: dass jemand sooo gemein sein und ihm sooowas antun kann! Dann lese ich beim italienischen Historiker Guido Ceronetti: im Piemont war es noch bis ins späte 19. Jahrhundert üblich, bei der katholischen Kirche Messen zu bestellen, in denen man einem Halunken alles Schlimme an den Hals wünschte, mit Gottes Segen und mit allen Schikanen.

In Heiligen Messen betet man in den Fürbitten ja eher dafür, dass es allen Leuten halbwegs gut gehe. Das tut einem selber gut. Das weiß ich, ich habe ja dereinst ministriert, noch auf lateinisch. Jetzt, da ich dank Ceronetti mit etwas mehr Bildung gewappnet bin, verführt mich jene piemontesische Tradition naturalmente zu einem äußerst aparten Gebet, auf deutsch. Das geht so:
„Allmächtiger, lass den Schweinehund mit dem gestohlenen Roller über eine ganz niedrige Mauer stürzen, und er soll sich dabei auf der Lenkstange alle Zähne ausschlagen. Bis auf einen, für das ewige Zahnweh. Dann soll er Magenkrämpfe kriegen, durchaus mit dem Aroma von Durchfall. Danach möge ein Erzengel herabschweben und ihm lächelnd flüstern, dass ihn seine Frau seit Jahren mit dem besten Freund betrügt und sein Kind gar nicht sein Kind ist. Zuletzt soll ihm der gerechte Engel einen Spiegel vorhalten. Und wenn er wimmernd neben dem Diebesgut kauert, mögen sich zwölf weiße Tauben auf ihm niederlassen und ihn langsam von oben bis unten vollscheißen.“

Gerade das mit den Tauben, diesen Symbolen des Hl. Geistes, finde ich besonders pfiffig und gottgefällig. Jetzt muss ich also nur noch der Marialhilferkirche 100 Euro schicken. Anonym, und ohne genauer auf die Einzelheiten einzugehen. Aber ER weiß schon, was zu erledigen ist.

GAT veröffentlicht in der Kolumne Privatissimum vom Grilj jeden dritten Dienstag im Monat Texte zum Nachdenken.

Zur Person

Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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© Mathias Grilj

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