„Unsere Analysen haben keinerlei Anhaltspunkte dafür gegeben, daß irgendwann in diesem Jahrhundert, vermutlich in dessen zweiter Hälfte, eine Epochenzäsur zu beobachten wäre, die das Gesellschaftssystem selbst betrifft und es rechtfertigen könnte, einen Übergang von der modernen zu einer postmodernen Gesellschaft zu behaupten."[1] (Niklas Luhmann)
Dass die Architekt*innen ab dem Ende der 1970er Jahre von allen Kulturschaffenden am eifrigsten an der Idee einer Verabschiedung der Moderne arbeiteten, zeigt zweierlei: Ihren Hang zur Selbstüberschätzung und ihre Willfährigkeit zur Selbstentmachtung. Mit der Erfindung einer „Sprache der postmodernen Architektur“ glaubten sie sich zur Speerspitze einer „Epochenzäsur“ zu machen – und degradierten sich mehr oder weniger bewusst zu Kulissenbauer*innen. Dabei fiel der Architektur durch ihre enge Verwebung in der Alltagspraxis schnell der zweifelhafte Ruhm zu, die diffusen Theorien vom Ende der Geschichte und der neuen Unübersichtlichkeit unmittelbar anschaulich zu machen.
Was aber international als Postmoderne deklariert wurde, war nicht um ein „differenzierteres Verhältnis zur modernen Architektur“ (Hermann Czech) bemüht, sondern zu einem guten Teil die Kapitulation vor einer Konsumkultur, die in den westlichen Industriestaaten totalitären Charakter angenommen hatte. Denn, so schrieben Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ über die Vergnügungsindustrie: „Fun ist ein Stahlbad“.[2] Anstatt den Zusammenhang zwischen Spektakel und Kapitalismus offenzulegen, an Alternativen zu arbeiten und die gesellschaftliche Produktion von Raum zu hinterfragen, forderten Denise Scott Brown und Robert Venturi, die Architektur solle von Las Vegas lernen und ebneten den Weg für eine Architektur der „dekorierten Schuppen“ und „Enten“. Le Corbusier dagegen hatte noch „Architektur oder Revolution“ gefordert. Nun wurden die emanzipatorischen Möglichkeiten des Bauens zugunsten der freien Verwertung von Menschen und Sachen aufgegeben. Bunte Fassaden und Maskierungen behübschten fortan die wirtschaftsliberale „Revolution“ von Thatcher und Reagan, welche zur gleichen Zeit einen radikalen Abbau des Sozialstaats vorantrieb.
Die Architektur ergab sich einer Entwicklung, in deren Mittelpunkt die gewinnmaximierende Nutzung von Boden stand und steht und die zu jenem globalen Brei von Developer-Bauten geführt hat, die von der Donauplatte bis Dubai ihren eigentlichen Zweck nie verheimlichen. Mit der Finanzkrise 2008 schien dieses Geschäftsmodell und die dafür ausgeschlachtete Architektur ihren Zenit überschritten zu haben. Doch keine fünfzehn Jahre später wendet die Disziplin sich in ihrer Einfallslosigkeit wieder den Anfängen der Postmoderne zu.
Sam Jacob, soeben berufener Professor für Architekturentwurf an der Universität für Angewandte Kunst, hat zu seinem Einstand in Wien für die Jahresausstellung temporär den Oskar-Kokoschka-Platz gestaltet. Dabei hat er sich die anspruchsvolle Aufgabe gestellt, diesen zweispurigen Asphaltstreifen zwischen Zollamtsstraße und Stubenring in eine „Piazza Novissima“ zu verwandeln. Sowohl die sprachliche Überhöhung, mehr noch aber die Referenz auf das historische Vorbild Paolo Portoghesis zeigen klar, an welche Tradition die Arbeit anschließen will.
Wo aber dessen „Strada Novissima“ für die erste Architekturbiennale 1980 wenigstens noch die Kulisse einer Straße darstellte, ist auf dem Oskar-Kokoschka-Platz von den blumig angekündigten „Toren“ und „Kolonnaden“ nichts zu sehen. Von einer Rückeroberung der „Straße“ als „kollektiv genutztem Raum“, wie es im Begleittext weiter heißt, noch weniger. Einige Kinder hüpfen zwischen bunt beklebten Zylindern herum, die zeichenartige Wimpel tragen, ein paar Besucher*innen sitzen verstreut auf Plattformen. „Der Entwurf spielt mit verschiedenen Vorstellungen von Öffentlichkeit: der Ad hoc-Versammlung eines Straßenfestes; der formalen Strenge der klassischen Agora, der volkstümlichen Symbolik des Mittsommerfestes.“ Wer vor Ort ist, reibt sich die Augen: Wo ist die Agora, wo das Mittsommerfest? Wo das Plädoyer „für die Straße als inklusiver und ausdrucksstarker (sic!) öffentlicher Raum“?
Aber auch das war und ist architektonische Postmoderne: Kein Superlativ zu groß, keine Referenz zu bemüht – und meist durch das gebaute Ergebnis nicht eingelöst. Das Auseinanderklaffen von Beschreibung und Werk passt insofern, als diese Form des Sprechens über Architektur mehrere Jahrzehnte eine Verwischung und Verunklarung gefördert hat, die Kern des Marketings der Konsumwirtschaft ist. Auch das hat Methode, denn, so Adorno: „Der vage Ausdruck erlaubt dem, der ihn vernimmt, das ungefähr sich vorzustellen, was ihm genehm ist und was er ohnehin meint“[3]
Schon drei Jahre vor Portoghesis „Strada Novissima“ hatte Charles Jencks in „Die Sprache der postmodernen Architektur“ den Tod der Moderne ausgerufen. Als der amerikanische Architekturtheoretiker kurze Zeit später vor der Meisterklasse Hollein einen Vortrag halten sollte, zeigte Hermann Czech den Studierenden vorab, dass Jencks zehn Kriterien für postmoderne Architektur von der frühen österreichischen Moderne alle bereits erfüllt worden waren. „Die Komplexität des postmodernen Ansatzes ist in der modernen österreichischen Architektur von Anfang an enthalten. […] Ein Import ist gar nicht nötig.“[4] Heißt zu Ende gedacht: Eine Postmoderne war und ist nicht nötig. Heißt aber nicht, dass die Moderne nicht verbesserbar sei und ständig kritisch hinterfragt werden müsse. Was es jedoch bedeutet, von dem durch sie vorgegebenen Anspruch abzukommen, die Welt nach Maßgabe der Vernunft zu betrachten und entsprechend zu handeln, zeigen die sich häufenden gesellschaftlichen Krisen seit einigen Jahren in unheilvoller Weise.
Nun ist zu hoffen, dass die Wiederbelebungsversuche der postmodernen Architektur eine Randerscheinung bleiben – obwohl es derzeit Anzeichen für eine Häufung gibt.[5] Denn gegen die kritiklose Art, wie sie Affekt, Spektakel und Konsum in gebaute Zeichen verwandeln will, ist Widerstand geboten. Sonst, so Owen Heatherly, droht sich jene verhängnisvolle Allianz von Gestaltung und Profit zu wiederholen „(…) which assumed that the most crucial point of intersection between aesthetics and users was the cash nexus. And if the plastic broken pediments and fibreglass Doric columns are gone, that spirit certainly outlives it."[6] Immerhin waren die Säulen auf dem Oskar-Kokoschka-Platz aus nachhaltiger Pappe.
_____________Quellen
[1] Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1998), S.1143
[2] Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1989 (1944)), S. 149
[3] Theodor W. Adorno, Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben (Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1951 (2003)), S. 114
[4] Ausstellungstext in: „Hermann Czech – Ungefähre Hauptrichtung“, (fjk3–Raum für zeitgenössische Kunst in Kooperation mit dem Architekturzentrum Wien), Kurator:innen: Claudia Cavallar, Gabriele Kaiser, Eva Kuß, Fiona Liewehr in Kooperation mit Hermann Czech, 16. März – 9. Juni 2024
[5] Greg Lynns Professur an der Angewandten endet 2024. Ihm folgt das englische Architekturstudio Space Popular. Auch ihre Arbeit wird vielfach in Zusammenhang mit neopostmodernen Tendenzen in der Architektur gebracht. „For our approach to [postmodern] architecture, is actually that much more influential for our work, and what we´ve studied much more than postmodern buildings, is whats normally referred to as theming in architecture. We have done […] research into everything from integrated resorts, to casinos and theme parks.” – Job Floris im Interview mit Space Popular, 6 Questions: Space Popular: https://www.youtube.com/watch?v=4bRg3__HEYw&ab_channel=ArchitectureFoundation Zugriff: 2. August 2024
[6] Owen Heatherley, „Postmodernism will not be forgiven lightly for what it did to architectural culture“, in Dezeen (20. August 2015) https://www.dezeen.com/2015/08/20/postmodernism-not-forgiven-impact-architectural-culture-legacy-owen-hatherley-opinion/ Zugriff: 2. August 2024
