Aber Hallo! 90

Nachbetrachtung des ersten Stadtdialogs

Nachbetrachtung des ersten Stadtdialogs

von ,

05/04/2022

Karin Tschavgova

Autorin, Journalistin

DI arch. Karin Tschavgova-Wondra Architekturvermittlung-Architekturpublizistik Architekturstudium an der TU Graz. Einige Jahre Mitarbeit in Architekturbüros in Wien und Graz. In den letzten Jahren Schwerpunkt auf … mehr

Nachbetrachtung der ersten öffentlichen Veranstaltung zur nachhaltigen Stadtentwicklung von Graz aus der Sicht des Citoyens. 

Zugegeben, selbst Wikipedia definiert den Citoyen etwas hochtrabend als „Bürger bzw. Staatsbürger, der in der Tradition und im Geist der Aufklärung aktiv und eigenverantwortlich am Gemeinwesen teilnimmt und dieses mitgestaltet“. Als Kolumnistin geht es mir jedoch nur darum, mit Citoyen nicht den gänzlich charmebefreiten Terminus Aktivbürger oder gar Aktivbürger*in zu verwenden und – was wesentlicher ist – den ersten Stadtdialog nicht als Expertin zu betrachten. 

Im Stück treten auf: Am Podium die seit der Stadtwahl für Stadtentwicklung, Stadtplanung und Verkehr zuständige Politikerin, der Stadtbaudirektor, der Stadtplanungschef, der Vorsitzende der Sektion Architekt:innen in der Kammer und sein Stellvertreter. Im Saal ein etwa 100-köpfiges, aufmerksam und gespannt lauschendes Publikum, dazwischen ein Moderator, der seine Rolle als vermittelnder Aufnehmer von Fragen und Fragesteller mit Umsicht und Verve, kurz: glänzend erfüllt.

Doch nun zum Inhalt der Auftaktveranstaltung. Die brachte Überraschendes - trotz meiner Befürchtung, dass ohne Eingrenzung und Fokussierung auf einzelne Themenfelder sowohl die kritische Feldbetrachtung als auch Arbeitsaufträge zur Entwicklung für eine zukunftsfitte Stadt allgemein geraten und zu kurz kommen könnten. 

Die Programmatik – wie man sich vorstellt, „Nachhaltigkeitsziele in strategische Planung und praktische Politikgestaltung“, sprich: Alltagsaufgaben zu integrieren - kam im Impulsreferat der Vizebürgermeisterin von Seiten der Politik. Und zwar ausschließlich von dort. Das erste Ziel, groß und dabei schon verdammt kurzfristig bis 2030: zum Kreis der 100 „Klimaneutrale(n) und intelligente(n) Städte“ zu zählen, eine „Mission“ der EU-Kommission, die 2020 zur Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen ausgeschrieben wurde. Bis zu kleinen Vorhaben wie die Begrünung von Straßen, Plätzen und Fassaden kam vieles vor. Wie man den MIV, den motorisierten Individualverkehr, inklusive Pendlerverkehr „in den Griff bekommen“, also reduzieren möchte, wurde uns noch nicht verraten. Kein Wunder, ist doch dieses Thema eines der heiklen und eine Steuerung in die gewünschte Richtung läge, was die Pendler betrifft, in der Hand des Bundes. 

Dass auch von der Grazer Stadtregierung Ideen und Initiativen zur Eindämmung des Pendlerverkehrs kommen müssen, weiß jeder, dem klar ist, dass Stadtplanung nicht an der Stadtgrenze endet. Dieser Meinung scheint der Stadtbaudirektor zu sein, wenn er zu einem konkreten Beispiel von Wohnbebauung an der infrastrukturarmen südlichen Stadtgrenze beteuert, dass man von Seiten des Amts hier, am vor langem als Kerngebiet gewidmeten Areal, mit großem Einsatz ein schlechtes Investorenprojekt verhindert hat. Und wenn man, um das Statement zu untermauern, zum Vergleich des jetzigen Ergebnisses mit den Wohnbauten jenseits der Stadtgrenze rät. 

Dass gedeihliche Stadtentwicklung und Stadtplanung durch qualitätsvolle Architektur oder Baukultur gewährleistet sein könne, hört der Citoyen in mir auch aus dem Statement des Kammervertreters heraus. Als jemand, die sich seit langem für einen zeitgemäßen Stadtumbau und seine Herausforderungen interessiert, dazu recherchiert und schreibt, sehe ich das als fatalen Fehler. Warum? Weil eine robuste Stadt, die den Klimawandel nicht weiter anheizt, sondern ihm bestmöglich standhalten kann, nicht vorrangig aus guter Architektur geformt wird, sondern, siehe oben, von den Maßnahmen zur Eindämmung des MIV und wesentlich von einer Raumplanung, die gegen Zersiedelung und Versiegelung steht, in der Siedlungsgebiete attraktiv öffentlich erschlossen sein müssen und das Verhältnis von bebauten zu unbebauten Frei- und Grünflächen ausgewogen.

Änderungen im Kleinen, ja, selbst Reformen und Novellierungen von Gesetzen sollten im jetzt für Graz angekündigten Paradigmenwechsel möglich sein. Naturgemäß ist es keine Stunde null, die wir erleben, aber die Politik offeriert ein „Window of Opportunity“.

Was sich der Citoyen wünscht, dem die Stadt als Gemeinwohl ein echtes Anliegen ist, der eine Stadtentwicklung fordert, in der alle unterschiedlichen Player oder neudeutsch: Stakeholder zu Wort kommen? Mein Wunsch, um die Bühne für neue Zeiten „besenrein“ zu machen: Man möge doch, in allen zuständigen Verwaltungsebenen der Stadtentwicklung, aufhören zu glauben, dass man Nichtgelungenes, Fehler und Schwächen aus der Vergangenheit ständig weiterhin rechtfertigen müsse. Daraus lernen, ja, sie verteidigen, nein. Den Sprechrollen von Stadtbaudirektor und Stadtplanungschef stünde in der Inszenierung der Zukunft von Graz gut an, zu zeigen, dass sie sich gerne aufmachen, um an der neuen „Mission“ mitzuarbeiten. Dass sie als Experten kooperieren und Ideen für eine klimaneutrale und intelligente Stadt Graz mitentwickeln und mittragen werden. Dass sie gut arbeiten können, wenn sie frei von hoheitlichem Druck und Zwängen sind - nur ermutigt und ermuntert durch eine neue sachorientierte Stadtpolitik. Möge die Übung gelingen! Der Anfang ist getan, die Hand gereicht. 

Aber Hallo! 90

Nachbetrachtung des ersten Stadtdialogs

Jeden ersten Dienstag im Monat veröffentlicht GAT in der Kolumne Aber Hallo! Anmerkungen von Karin Tschavgova zu aktuellen Themen von Architektur und gebauter Umwelt.

Porträt Karin Tschavgova
© Karin Tschavgova

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