Aber Hallo! 83

Plädoyer für ein genaues Hinschauen

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03/08/2021

Karin Tschavgova

Autorin, Journalistin

DI arch. Karin Tschavgova-Wondra Architekturvermittlung-Architekturpublizistik Architekturstudium an der TU Graz. Einige Jahre Mitarbeit in Architekturbüros in Wien und Graz. In den letzten Jahren Schwerpunkt auf … mehr

Selten – aber fallweise doch – sieht sich die Kritikerin gezwungen, der gängigen Bewertung und Meinung aktiver Bürger*innen eine Absage zu erteilen, weil umfassende Recherche und tiefgehende Analyse eines Themas zu einer Einschätzung führen, die dem widerspricht. Das Getöse um das geplante Amazon-Verteilzentrum im Grazer Süden in Liebenau nahe St. Peter ist so ein Anlass.
Als ich vor einigen Monaten von der Redaktion gebeten wurde, zur Ansiedelung des Verteilzentrums etwas zu schreiben, war die Recherche auch deshalb interessant, weil zuvor Amazon gerade vermehrte mediale Aufmerksamkeit zuteil geworden war nach Finanzkontrollen der Paketverteiler – Sub- und Subsubunternehmen von Unternehmen, mit denen Amazon Lieferverträge hatte. Mehr als 900 Verstöße wurden im Jänner 2021 bei einer Razzia in Großebersdorf festgestellt und geahndet, Amazon selbst stieg ohne Anzeigen aus, weil seine Verträge mit den Paketzustell-Unternehmen rechtlich nicht zu beanstanden waren. Abgabenhinterziehung und Schwarzarbeit von 96 Subunternehmern konnten nicht Amazon vorgeworfen werden und etwaige „verwerfliche Praktiken“ (Zitat: Sozialdemokratischer Wirtschaftsverband) Knebelverträge, wie sie die Gewerkschaft anprangerte, wären eine „andere Baustelle“ und müssten rechtlich anderswo ausverhandelt werden.
Interessant war es, von der deutschen Pressestelle des Konzerns zu erfahren, dass Amazon sich verbindlich an ein Umweltschutzprogramm halten will, das vorsieht, weltweit bis 2030 eine adäquate, zukunftsfähige Mobilität umzusetzen (in den USA mit angeblich guter Bahninfrastruktur und einem guten Netz an zentralen Güterbahnhöfen schon jetzt anders möglich) und sich zum Ziel gesetzt hat, bis 2040 zu 100 Prozent klimaneutral zu versenden. Maßnahmen und Ziele sind nachzulesen. Man erklärte mir, dass auch die Razzia und Verträge mit Lieferunternehmen, die bis 2021 die Beschäftigung von Subunternehmen nicht ausgeschlossen hatten, dazu führten, die Auslieferung der Pakete auf neue Beine zu stellen.
Unabhängig vom Bau des neuen Verteilerzentrums in Graz habe man reagiert und einen neuen Lieferpartnerkodex erarbeitet, der Subunternehmen ausschließt. Und man prüfe auch in Graz ein konzerneigenes Liefernetz – schadstoffarme Zustellung mittels Elektromobilität und hoffe, sie zumindest im Ballungszentrum Graz bald umsetzen zu können. Das Ziel sei gesetzt, meinte der Pressesprecher, man rücke näher an die Kunden heran, auch für eine künftig nachhaltigere Lieferung.
Verteilerzentren werden nur dort geplant, wo so viel bestellt wird, dass Amazon die Paketmengen nicht nur näher, sondern auch rascher und beschwerdeärmer an Kunden heranbringen möchte. In Graz und im steirischen Süden wird derzeit so viel bestellt, dass es jede Nacht 36 LKW-Großtransporte braucht, um die Pakete zuzustellen. Bis vor kurzem umgeladen an der Rampe nach Verteilregionen, die in den Grazer Bereich und steirischen Süden ausschwärmen – unkontrolliert, was auch den Schadstoffausstoß und Zustand der Kleintransporter betraf. Die Größe der geplanten Garage in Graz sei für 900 Kleintransporter ausgelegt, habe also bei derzeit 440 Touren Luft nach oben.
Ein Konzern wie Amazon macht zuerst eine Verkehrsanalyse und fand eben dieses Gewerbegrundstück an der Peripherie, nahe dem Anschluss an die Südautobahn, das seinen Vorstellungen entsprach. Dass im Norden dort eine kleinstrukturierte Einfamilienhaussiedlung liegt, ist, zynisch gesagt, Pech für die Anrainer, aber nur, wenn die Vorschriften zu Bebauung des Verteilerzentrums vonseiten der Stadt nicht größtmöglichen Schutz der Anrainer durch Lärm und Abgase vorsähe. Solche Vorgaben kann man heute in städtebaulichen Verträgen aushandeln. Konkret etwa, dass das 5.7 ha große Areal nur von Süden her erschlossen wird und sich die beiden Bauten – Warenlager und Parkgarage – von Norden abwenden. Oder etwa, dass ein Erdwall das Areal nach Norden hin abschließt und dass die Bebauung, die in der Ebene liegt, ein wirkungsvolles Gründach erhält. Weiters: dass nur die minimal notwendigen Flächen versiegelt werden dürfen, Regenwasser gesammelt wird und so weiter.
Wer beklagt, dass dort wertvolle Ackerflächen verloren gehen, kennt die konkrete Situation zwischen Autobahnzubringer, Autobahnauffahrt und dem Gürtel zwischen St. Peter und Puntigam nicht.
Wer glaubt, dass der Protest und eine doch noch mögliche Verhinderung des Verteilerzentrums im Grazer Süden ein einziges Paket weniger, das ausgeliefert werden muss und einen einzigen Transporter weniger mit sich bringen wird, ist naiv und realitätsfremd.
Welches Szenario tritt ein, würde das Verteilerzentrum abgelehnt? Rechtlich ist das gar nicht möglich, nachdem geprüft wurde und nach den vorliegenden Plänen keine UVP notwendig ist? Amazon würde sich in Kalsdorf, Wildon, Leibnitz oder gar in Maribor darum bemühen, ein solches errichten zu können, und jede Gemeinde wäre froh, mit einer Amazon-Ansiedlung ihren Ertrag an Kommunalsteuern ordentlich auffetten zu können. Und, wesentlich, die Transportwege zur Verteilung in die Grazer Bezirke wären erheblich länger und damit schadstoffreicher.
Meiner Meinung nach sind die Proteste der Oppositionsparteien, zu denen sich im Vorwahlmodus nun auch schon der Koalitionär zählt, entweder einer fahrlässigen Unwissenheit, Oberflächlichkeit und Naivität geschuldet oder einem Populismus, der als Wahlpropaganda gesehen werden muss.
Warum nicht in der aktuellen Situation umfassender und weitblickender denken – strategisch, wie es einer Stadtentwicklungsplanung anstehen würde. Da könnte die ebenso interessante wie engagierte Initiative „Graz-Log“ mit Amazon zusammengebracht und zur Bedingung für den Konzern gemacht werden, dass ein Konzept für den innerstädtischen Lieferverkehr ausgearbeitet wird, das passgenau zu Graz passt. Graz-Log mit dem Motto „Pack ma’s“ steht laut Eigendefinition für „Innovation, neues Lebensgefühl und Umweltfreundlichkeit“ und die drei engagierten Grazer Gründer erproben gerade ein innerstädtisches Transport-Konzept. Das sieht vor, LKW nur mehr bis zu einem bestimmten Punkt fahren zu lassen, Pakete also in einem städtischen Logistikzentrum abzufangen, und von dort aus schadstofffrei ans Ziel zu bringen.
Frage an alle Kritiker*innen des geplanten Verteilerzentrums: wäre Amazon, wenn man den Konzern im Gegenzug zu einer Baugenehmigung konkret, also mit Zeitplan und Umfang, dazu bringen könnte, die innerstädtische Verteilung der Pakete über E-Fahrzeuge aller Art zu organisieren, nicht mit der Initiative von Graz-Log vergleichbar, zumindest was das Vorhaben des Konzerns betrifft, schadstoffarm und -frei zu liefern? Laut Angaben der Pressestelle von Amazon wollen, ja fordern Kund*innen nachhaltige Lieferung. Und es ist sogar nachvollziehbar, dass jeder, der online einkauft, sein schlechtes Gewissen darüber, dass er/sie ungehemmt bestellt und kostenlos zurückschickt, mindern möchte und Verantwortung und Umweltschutz delegiert. Das ist bequemer.
Daher ist „Bestürzung“ über den jetzt positiven Entscheid und Protest unlauter. Man nimmt sich nicht der Ursache des Problems an, schaut weg und drückt damit aus, dass eh alles geht, nur nicht vor der eigenen Tür oder in der eigenen Nachbarschaft. Das ist unproduktiv und löst keines der vielen Themen unmittelbar, die im Zusammenhang mit der jetzigen Ansiedlung des Verteilerzentrums ins Spiel gebracht werden. Was nicht heißt, dass Regulierungen und Gesetze für die Erhaltung von Ackerflächen, für weniger Bodenversiegelung, die Erhöhung des Steueraufkommens von Multikonzernen, den Schutz des Handels vor Ort oder Kostenwahrheit für den Versand gefunden und erlassen werden müssen – aber das ist, meine ich, eine andere Baustelle.

Plädoyer für ein genaues Hinschauen

... beim geplanten Amazon-Verteilzentrum im Grazer Süden (Anm. Red.)

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Jeden ersten Dienstag im Monat veröffentlicht GAT in der Kolumne Aber Hallo! Anmerkungen von Karin Tschavgova zu aktuellen Themen von Architektur und gebauter Umwelt.

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Porträt Karin Tschavgova
© Karin Tschavgova

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