Auf ein Neues (Wort) – wieder und wieder
Danke, lieber Anselm Wagner dafür, dass Du mir Anlass für eine positive Rückschau auf 2019 gibst. Ich möchte natur- , nein, jahreszeitengemäß natürlich auch, wie alle, ein Resümee ziehen, nur habe ich mir vorgenommen, meinen Kritikern und Kritikerinnen keinen weiteren Anlass dafür zu geben, mich als „die Tschavgova, puh, die ist ja soo anstrengend“ zu charakterisieren und mit dieser Einschätzung jemanden, der neu in die Stadt gekommen ist, gleich einmal zu zeigen, wer wie einzuordnen und zu nehmen ist hierorts.
Du, Anselm, hast mir eine richtige Freude bereitet, obwohl Dir das beim Schreiben Deines klugen Leserbriefs an die Gratiszeitung der Grazer sicher nicht bewusst und auch nicht beabsichtigt war. Wie auch, denn du konntest ja auch gar nicht wissen, dass ich die deutliche Stimme von Professoren der Grazer Architekturfakultät schmerzlich vermisse in den letzten Jahren, wenn es um Themen geht, bei denen sie Experten sein sollten.
Ich muss relativieren: Aglaée Degros, Vorständin des Instituts für Städtebau, meldet sich als Stadtplanungsexpertin immer wieder öffentlich zu Wort und zeigt damit, dass ihr die Entwicklung ihrer Wahlheimat Graz ein großes Anliegen ist.
Doch zurück zum Leserbrief, in dem es um eine erneute Studie zur Nachverdichtung durch einen flächendeckenden zweigeschoßigen Dächerausbau der Gründerzeitblöcke in den Grazer Gründerzeitvierteln ging. Ich habe diesen Unsinn schon damals, als er in Form einer Dissertation am Institut für Gebäudelehre betreut und gutgeheißen wurde, kritisiert, weil er von Unkenntnis oder totalem Unverständnis der gründerzeitlichen Stadtentwicklung und der unglaublichen Qualität der Bauordnung von 1867 zeugt. Eine studentische Projektarbeit, die mit einer zwar materialwütigen, jedoch inhaltsleeren Ausstellung im Forum Stadtpark ihr Ende fand, hat damals dem ganzen noch eine Krone aufgesetzt.
Nun: dass diese Chose jetzt mit der Vergabe einer Studie für die Möglichkeiten der Aufstockung in Holz nochmals durch Landesrat Seitinger mit öffentlichem Geld aufgewärmt wird, ist eine Sache, die ärgerlich ist, weil es, wie Du aufgelistet hast, mannigfache Gründe gibt, ein solches Ansinnen abzulehnen. Einen noch zur Ergänzung: in Österreich gilt Privateigentum als höchstes Gut, über das man sich nicht einfach hinwegsetzen kann.
Worum es mir aber vor allem geht, ist, dass Du mit dieser Wortmeldung als Vorstand des Instituts für Architekturtheorie laut und deutlich eine Fachmeinung eingebracht hast, wie man sie sich in vielen Bereichen der Grazer Stadtplanung und des Bauens von Experten der Architekturfakultät erwarten würde.
Sollte sich das Institut für Wohnbau nicht auch wissenschaftlich, in der Forschung, die als Zweig dort gar nicht angeführt wird, mit aktuellen Tendenzen des Wohnungs- und Siedlungsbaus in Graz befassen und seine Mittelmäßigkeit lauthals kritisieren?
Und sollte das Institut für Gebäudelehre seine Leere im Bereich „Forschung“ nicht füllen mit der Erkundung gebäude(lehre-)spezifischer Qualitäten der Bauordnungen, die diese immer noch gültige, einmalige Qualität der Bauten der sogenannten Hohen Gründerzeit in Graz erst hervorbringen konnte? Natürlich könnte auch ein öffentlich getätigtes Statement zur Lage die derzeit auf der Website zu findenden „News“ ersetzen, die in dem Fall wirklich privat sind, wenn sie von einem Award für ein Einfamilienhaus des Architekturbüros Gangoly/Kristiner Kunde geben.
Der öffentliche Einsatz von Hubert Hoffmann für ein besseres Graz hat seinerzeit eine Autobahn quer durch Graz verhindert, dem Plabutschtunnel zum Durchbruch verholfen und einen Bürgermeister das Amt gekostet. Dazu gäbe es keinen Anlass. Zu kritischer Auseinandersetzung mit der Entwicklung unserer Stadt, zu beherzt geführtem konstruktivem Diskurs schon. Das Jahr ist jung. Vorerst daher nur Dank an die engagierte Stadtplanungsexpertin und den Architekturtheoretiker.
