Der Raum. Über Missionen, Normalität und Leidenschaft.
YOSTAR, welch neugierig machender Titel für eine Ausstellung. Mehrdeutig und einprägsam – Young ist enthalten, der Star vielleicht. Ich jedenfalls war davon angetan und habe mich dazu überreden lassen, als Einspringerin in knapper Zeit das Lektorat zu übernehmen.
Was ich erfuhr: YOSTAR bedeutet Young Styrian Architects. Styria schließt junge Architekten der sogenannten „Untersteiermark“ ein, dem Norden des heutigen Slowenien. Etwa 55 steirische Youngsters und 20 aus Slowenien – Architektinnen und Architekten – beantworten für die Schau Fragen mit kurzen Statements. Sie wählen ein eigenes Projekt, begründen warum, weiters ein Objekt von Kollegen und erklären, warum es für sie wegweisend ist, nennen ein vernakuläres *), das sie beeindruckt und geben ein kurzes „Mission statement“ ab zu ihrer Haltung zur Architektur und ihrem Tun.
Ich machte mich also an die Arbeit. Die ging mir leicht von der Hand und war nach kurzer Einübung überschaubar, hielt mich nachts am Schreibtisch bis zwei Uhr früh und war als Arbeit vergnüglich, obwohl sich bald bestätigt hatte: Architekten sind selten gute Schreiber.
Was mich jedoch erstaunte: in den Mission Statements der Jungen las ich viel an Eigendefinition, die von Understatement, Vernunft und bescheidenem Anspruch getragen war – und wenig von unbändigem Wollen, von Leidenschaft und vom „Brennen“ für Architektur.
Da dominierte, durchaus „politisch korrekt“, Folgendes (zitiert): die Reduktion der Form, auch die der Ästhetik kam vor – wie bitte?, immer wieder der Ruf nach Funktionalität, der Bezug auf den Ort (3x), mit knappem Budget Gutes machen, leistbar bauen, nachhaltig sein, unauffällig und unaufgeregt, ökologisch und ökonomisch bauen. Einmal, immerhin, stand da wie ein Aufschrei: Wir wollen Räume schaffen!
Nicht, dass der Raum nicht thematisiert worden wäre in den persönlichen Bekenntnissen der YOSTAR- Architektinnen und Architekten. Aber er war umschrieben, vernebelt, eingehüllt und eingezwängt in Begrifflichkeiten, die ihm jede mögliche Klarheit und Schärfe nahmen. Da ist von räumlichen Lösungen die Rede, von Raumbeziehungen, Raumkonzepten, von nachhaltiger Raumproduktion, räumlichen Systemen, räumlicher Abbildung, von Räumen unseres Alltags und von Möglichkeitsräumen, – ja einmal, Potz Blitz, gar vom dreidimensionalen Raum.
Hey, Youngsters: Besinnt euch, mehr Fokus auf Raum und Raumproduktion! Ist es nicht die ureigenste Aufgabe der Architekten, besondere Räume zu schaffen? Darunter muss man keineswegs, wie Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au die österreichische Tradition einer barocken Raumgestalt behaupten. Kann man aber. Eine ganz andere Auffassung von Raum zeigen Anne Lacaton & Pierre Vassal, die postulieren: „Luxus hat mit Vergnügen zu tun, mit Großzügigkeit und der Freiheit, genug Raum für die Entfaltung des Lebens zu haben“. Ein Maximum an Raum mit einem Minimum an Material und Kosten zu erzeugen kann Raum besonders machen, n’est pas? Räume können vielfältigste Gestalt annehmen, im Ausdruck ganz unterschiedlich sein, und dennoch einen gemeinsamen Nenner haben: das Besondere.
Denken oder träumen Sie sich in Räume, liebe Leser, die Sie in Ihrem Leben besonders beeindruckten. Die Erinnerung wird Ihnen bewusst machen, wie unterschiedlich diese Räume waren.
Meine besonderen Räume: Ich stehe im Pantheon, Blick nach oben – paradox, aber grandios – allein unter hunderten Besuchern.
Ich verharre in der Kirche Ronchamps von Le Corbusier beim Spiel einer einzigen Querflöte in Andacht – wie lange?
Oder: Wie alle Eintretenden falle ich augenblicklich beim Betreten der großen Turbinenhalle der Tate Modern in Schweigen, staunend berührt, wie Olafur Eliasson mit der Installation „The Weather Project“ 2003 die Halle fast ins Dunkel legte, aber eben nur fast – weit weg, an ihrem Ende ein nebelverhangenes, gleichwohl betörendes (Sonnen-)Licht und über uns eine Spiegeldecke in die Unendlichkeit.
Mir fällt Volker Gienckes mehrere Geschoße hoch aufragender Raum ein, Bewegungs- und Luftraum zwischen dem Konzertsaal als Nukleus und der orange-gläsernen Hülle seines Kulturhauses „Great Amber“ in Liepaja (Lettland). Beeindruckend.
Und ich vergegenwärtige mir, ganz einfach geht das, das seltsam unsichere Gefühl im Schiefen Haus des manieristischen Parks von Bomarzo, den ich vor fast 40 Jahren entdeckt habe – kein Haus zum Wohnen, sondern eine Skulptur, eine, die ein besonderes Raumgefühl erzeugt.
Räume in Wohnhäusern von Kollegen fallen mir ein, das eigene von Michael Haberz, oder ein paar frühe von Klaus Kada. Der konnte in der Grazer Pflanzenphysiologie auch einen Brückenraum bauen, der trotz größter Transparenz nachts und auch bei bestimmtem Sonnenstand eine phantastische Raumwahrnehmung erzeugt. Wie? Durch eine kleine Abweichung, eine kleine Krümmung. Eben, weil er besonderen Raum schaffen wollte. Funktionalität und Ökonomie sind Voraussetzung im Bauen – Basics – würde Kada vermutlich sagen, aber noch lange keine Architektur. Weicht ein wenig ab von Norm und Normalität, würde er sagen oder schreiben, den Young Styrian Architects ins Stammbuch.
*) den Begriff vernakulär erklärt weder das Fremdwörterbuch des Duden noch der „Kluge“, das von mir geliebte etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache. Es kommt aus lat. vernaculus - einheimisch und meint etwas, das historisch gewachsen, ohne Experten geplant ist.
