Aber Hallo! 44

Fake Reality im Business der Realitäten

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06/02/2018

Karin Tschavgova

Autorin, Journalistin

DI arch. Karin Tschavgova-Wondra Architekturvermittlung-Architekturpublizistik Architekturstudium an der TU Graz. Einige Jahre Mitarbeit in Architekturbüros in Wien und Graz. In den letzten Jahren Schwerpunkt auf … mehr

Fake Reality im Business der Realitäten

Als mich vor kurzem ein Kollege aus Wien gefragt hat, ob ich etwas dagegen habe, wenn er in meine Schreibgefilde eindringen und über das Vorhaben Smartcity in Graz schreiben würde, da konnte ich das ehrlich verneinen. Ich habe mir nämlich vorgenommen, nicht mehr über ungelegte Eier zu schreiben.
Ich kann die gleichermaßen wortreichen wie phrasenhaften Ankündigungen nicht mehr hören, mit denen Projekte, vor allem im Wohnungsbau, von Immobilienentwicklern angekündigt werden. Da werden neue Heimaten und einzigartige Stadtlandschaften versprochen und Wohnparadiese mit „kompakten Grundrissen“ in Zweizimmer-Wohnungen auf 35 Quadratmetern. Kommt angeblich von angeben? „Get infected“ soll der Leser werden für das Wohnprojekt „Amalfi“ am Steilhang im Grazer Süden mit Blick auf Logistikhallen, riesige Autoabstellplätze und Gewerbebetriebe.
Die Fakes und Angebereien, die den Wohnprojekten des derzeitigen Immobilienbooms schon bei der Ankündigung anhaften wie klebrige Oststaatenzuckerl, sind ein Grund, warum ich mich dazu in Schreibabstinenz übe.
Ein anderer ist, dass die realisierten Objekte mit dem, was auf ihren riesigen Bautafeln vollmundig angekündigt wurde, nur mehr sehr wenig gemein haben. Vergleicht man sogenannte Schaubilder mit dem Bild der gebauten Wirklichkeit, so ist dies oft unerfreulich und taugt nur als Bilderrätsel „Finde die Unterschiede“. Wobei die Differenzen besser als Fehlstellen beschrieben werden müssten.
Was zuerst auffällt, also offensichtlich zuerst dem Rechenstift zum Opfer fällt, um dann im Realzustand zu fehlen, sind Bäume und generell das zuvor verheißene üppige Grün. Begrünung von Flachdächern scheint nur für die Präsentation auf dem Bild vorgesehen, Wiese verschwindet zugunsten von Pflasterung. Was den fertigen Realitäten auch fehlt, ist Qualität in der Detailausbildung, selbst bei guten Entwürfen. Da werden aus transparenten Terrassengeländern primitive massive Betonbrüstungen und wird aus fein proportionierter Verglasung ein Billigfenster à la Baumarkt. Sie meinen, ich übertreibe? Schauen Sie sich bei ihrer nächsten Fahrt zur Autobahnauffahrt Graz-Raaba das gerade entstehende Wohnprojekt Amalfi an, es dominiert einen Steilhang, und vergleichen Sie es mit dem Rendering der Bautafel.
Ein Vergleich vor Ort wird Ihnen, wie mir, verdeutlichen, dass solch schöngefärbten, computergenerierten Bilddarstellungen nicht zu trauen ist. Ich erinnere nur an die jetzt dunkle Fassadenfarbe am Pfauengarten, die das ganze Elend noch verstärkt. Und der massiv zubetonierte Hang im Stadtteil St. Peter wird vielleicht auch bei Ihnen die Frage aufwerfen, ob Stadtplanung, Baupolizei oder irgendein anderes Amt die deckungsgleiche Umsetzung einer Baueinreichung überhaupt einfordern und überprüfen. Jedenfalls wird man verstehen, warum ich dies nicht für eine lässige Sünde oder Lüge halte, die nur den Immobilien-Entwickler auf der einen Seite und die Käufer auf der anderen etwas angeht.
Schlechte Architekturen und Bauten am falschen Ort verschandeln für Generationen letzte freie Flächen in der Stadt, am Stadtrand und darüber hinaus. Das betrifft uns alle, auch wenn wir sie nur anschauen und nicht benützen müssen. Österreich ist Spitzenreiter in der Bodenversiegelung. Genau deshalb wird es Objektbeschreibung und Architekturkritik von mir nur mehr am fertiggestellten Objekt geben – zumindest im Wohnbau.

Jeden ersten Dienstag im Monat veröffentlicht GAT in der Kolumne Aber Hallo! Anmerkungen von Karin Tschavgova zu aktuellen Themen von Architektur und gebauter Umwelt.

Porträt Karin Tschavgova
© Karin Tschavgova

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