Aber Hallo! 42

Anleitung zur erfolgreichen Abwehr von Kritik. Wirkt auch bei sachlicher Kritik.

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07/11/2017

Karin Tschavgova

Autorin, Journalistin

DI arch. Karin Tschavgova-Wondra Architekturvermittlung-Architekturpublizistik Architekturstudium an der TU Graz. Einige Jahre Mitarbeit in Architekturbüros in Wien und Graz. In den letzten Jahren Schwerpunkt auf … mehr

Anleitung zur erfolgreichen Abwehr von Kritik.
Wirkt auch bei sachlicher Kritik.

1.) Beharrlich schweigen und Kritik „aussitzen“
Eine hervorragende Methode: man lässt den Kritiker gegen ein Wand sprechen, sprich: rennen, indem man einfach nicht reagiert. Man schweigt selbst nach einem Aufruf zur Stellungnahme. Wo kämen wir (Stadtplanung, politisch verantwortliche Ressortleiter ect.) denn hin, wenn wir auf jede Frage, auf jeden Zuruf antworteten!

2.) Kritik abwerten
Ein Beispiel gefällig? Eine Jury aus sechs Mitgliedern, mit Ausnahme eines alle nicht aus Graz, beschließt einstimmig, den Planlos Award 2017 an den Grazer Bürgermeister Nagl zu vergeben, weil dieser als Empfänger dieses Preises – einmalig in der Geschichte des Awards – gleich vier Mal zu vier verschiedenen Projekten der Stadtplanung/Stadtentwicklung vorgeschlagen wurde. Das Procedere wie immer: die Einreicher müssen ihren Vergabevorschlag sachlich begründen, was natürlich auch diesmal geschehen war – für die Projekte Stadtentwicklung ums Murkraftwerk, Murgondel, Tiefgarage am Eisernen Tor und die Entwicklung Reininghaus, weil dort lange nichts weiterging. Aus Formalgründen erhält ein Projekt den Hauptpreis, die Entscheidung fällt auf die Entwicklung ums Murkraftwerk. Die Antwort aus dem Bürgermeisteramt auf den Planlos 2017: Kritik an der Zusammensetzung der Jury, weil sich ein Mitglied, die Fachjournalistin und Bürgerin Karin Tschavgova, gegen das Kraftwerk ausspricht. Nur nebenbei: wie ein Mitglied einer sechsköpfigen Jury für 4 Projekte in Graz eine einstimmige Entscheidung bewirken kann, muss man mir noch erklären. Ein anderes Beispiel: Der begründeten Kritik der Fachjournalistin an der Art der Vergabe und Präsentation des Landesarchitekturpreises entgegnet man mit der Behauptung, das Problem sei, dass man in der Steiermark keine guten Architekturschreiber habe.
Ganz generell kann man Kritik auch abwerten/abschmettern mit der banalen Formel: Immer diese Verhinderer! Der Vorteil dabei: man muss sich gar nicht sachlich darauf vorbereiten.

3.) Diffamierung des Kritikers
So zum Beispiel: ein Grazer Architekt wirft in drei ausführlich und profund erläuterten Briefen (siehe http://gat.st/news/offener-brief-suburbia) der Stadtplanung und der Politik einen Mangel an Transparenz und Bürgerinformation bei der Entscheidung für wichtige städtebauliche Projekte vor. Er kritisiert das Fehlen zukunftsorientierter Antworten auf die Herausforderungen städtischer Entwicklung und fordert mehr Weitblick. Als ein Wiener Journalist anlässlich der Bitte um eine Stellungnahme zum Planlos Award im Bürgermeisteramt den Vorwurf hört, die Jury hätte schlecht recherchiert, denn die Grazer Architekten seien glücklich mit der Stadtplanung und alles funktioniere bestens, verweist er auf die ihm bekannte Kritik dieses Architekten. Die Antwort des Mitarbeiters im Bürgermeisteramt, der anstelle des Preisträgers Interviewpartner ist, sinngemäß: Der will doch nur einen Auftrag. So können inhaltliche Diskussionen abgewürgt werden. Ende gut.

Punkt 2 und 3 fallen unter die Kategorie ‚Beleidigt reagieren’.

4.) Schönreden des Gegenstands der Kritik
Eine offizielle Reaktion dieser Art erfordert Ressourceneinsatz. Hirnschmalz ist gefragt, um das Rest(l)gute aus dem vielleicht zu Recht Kritisierten herausholen zu können. Bei zu geringer Vorbereitungszeit oder zu wenig …(siehe oben) hilft immer der Stehsatz: Wir können doch nicht immer nur bewahren, müssen der Zukunft und ihren Herausforderungen ins Auge schauen und Neues, auch Experimente zulassen. Denken wir doch positiv.

5.) Ahnungslosigkeit, Naivität oder gute Absicht vortäuschen
Gelungenes aktuelles Fallbeispiel, blauäugig von Neo-Kulturstadtrat Riegler im Interview mit Gerald Winter-Pölsler (Kleine Zeitung vom 5.11.) vorgebracht: Die Frage, warum für den nur aus Formalgründen neu ausgeschriebenen Hearingtermin zur Bestellung des Kulturamtsleiters mehrere (Anmerkung: 5! von 10) Personen wieder ausgeladen wurden, beantworten mit dem Hinweis, dass „es gab schon Überschneidungen der beiden Hearing-Listen, aber es waren Leute dabei, denen die Führungsverantwortung gefehlt hat.“ Als beratende Expertin zum Thema „Kritikabwehr“ kann ich dafür garantieren, dass niemand, ich betone, sicher niemand bemerken wird, dass Sie, Herr Kulturstadtrat Riegler einige Sätze davor im Interview betont haben, „ob Michael Grossmann ein guter Kulturamtsleiter gewesen sein wird, entscheidet sich erst in vier oder sechs Jahren.“ Keine Sorge, das Gedächtnis der Menschen ist kurz, kaum mehr als Twitterlänge lang, so wird die zugegebene Unsicherheit der Führungsqualität der gewählten Person eine Spalte später den Lesern sicher nicht mehr auffallen.

6.) bei kleinen Nebensächlichkeiten der Kritik Reue zeigen
Nur scheinbar, naturgemäß, schließlich hat man ja seine Entscheidung getroffen und jedes Eingeständnis von Fehlern würde die eigene Führungsposition schwächen. Gutes Beispiel, wieder von Stadtrat Riegler: „Die Pleiten, Pech und Pannen gestehe ich zu, aber für das Hearing und die Shortliste lege ich meine Hand ins Feuer.“ Achtung: nicht zu viele Zugeständnisse machen! Wir haben alle nur zwei Hände.

Erproben Sie die Regeln und Sie werden den Erfolg sehen! Eine Wirkgarantie erhalten Sie vielleicht auch bei den Profis in Sachen Kritikabwehr: der Stadt Graz mit Bürgermeister Nagl, Stadtplanungsamt und Stadtbaudirektion, bei Bm.-Stellvertreter Eustacchio, Hans Dampf in allen Gassen als oberster Personalreferent, ehemaliger Verkehrsreferent (Befürworter Tiefgarage) und nun erfolgreich ankündigender Wohnungsreferent. Die Herren bestätigen Ihnen sicher, dass Sie alles, was sie wollen, unbeschadet von jeglicher Kritik um- und durchsetzen können, wenn Sie die obengenannten Grundzüge der Kritikabwehr befolgen.

PS: Auf ein Beraterhonorar wird diesmal explizit verzichtet. Anregungen für weitere Strategien zur Abwehr von Kritik sind bei den Anwendern sicher willkommen. Auf Wunsch sind auch Workshops zum Thema denkbar. Bauen Sie für Ihre Zukunft vor und erhöhen Sie damit Ihre Chancen im Berufsleben: Strategen zur Abwehr von Kritik stehen derzeit hoch im Kurs, auch auf anderen „Baustellen“.

Jeden ersten Dienstag im Monat veröffentlicht GAT in der Kolumne Aber Hallo! Anmerkungen von Karin Tschavgova zu aktuellen Themen von Architektur und gebauter Umwelt.

Porträt Karin Tschavgova
© Karin Tschavgova

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