Graz hat eine neue Stadtregierung: Schwarz und Blau teilen die Macht unter sich auf. Ist das ein Aber Hallo wert? Nicht wirklich. Bemerkenswert ist nur, wie offen und unverblümt dabei Machtansprüche gestellt und Macht verteilt wurde. Dass es dabei nie und nimmer um Sachkenntnis geht, die man sich in einem Fachbereich erworben hat, müsste der letzte Naivling spätestens jetzt erkannt haben. Im Gegenteil, flugs muss man der Personifizierung von Anerkennung und Erfolg, in diesem Fall der Stadträtin Elke Kahr, das Wohnungsressort wieder entziehen. Zugleich gibt man indirekt, aber natürlich nicht ausgesprochen, zu, dass einem die Verkehrspolitik am A…. vorbeigeht, dass es weder ein echtes Anliegen noch Kontinuität wert war. Der FPÖ-Mandatar lässt das Verkehrsressort ohne Bedauern wieder fallen. Nein, um Fachkenntnis und Engagement für eine Sache geht es den Herren nicht, was zählt – das machen sie mit ihren jüngsten Ränkespielen um Ressorts transparent – ist Macht, ist ein Alleinvertretungsanspruch als Volksvertreter.
Wir, alle über die Maßen eingespannt in unseren Alltag und unsere privaten Herausforderungen, zucken nur müde die Schultern. Was soll sich für uns schon groß ändern? Eine Gemeindewohnung brauchen wir nicht, auf Sozialleistungen sind wir Gott sei dank nicht angewiesen und dass ein Bekenntnis zum „Aufsteirern“ dezidiert auf der Agenda der Stadtväter steht, sehen wir nur als weiteren Beweis für die Provinzialisierung einer Stadt, in der die Trachtengeschäfte neuerdings wie Schwammerl aus dem Boden schießen und man stramme Wadln supergeil findet.
Was wird sich ändern durch Schwarz-Blau für die Stadt, was für die Architektur? Die Weichen für die Stadtentwicklung wurden längst gestellt. Man überlässt sie denen, die investieren. Ob an einer Straße mit einer Belastung von 27.000 Fahrzeugen in 24 Stunden Kleinstwohnungen gebaut werden, die einseitig nur zu dieser hin orientiert sind, bestimmt längst der Investor. Alles, was die Stadtplanung dazu beiträgt, ist, dies mit dem Mäntelchen des Grazer Modell zu versehen. Grundsätzliche Standards scheinen ebenso verpönt wie Restriktionen, zeigt das Bauen an allen Ecken doch anschaulich, wie prosperierend diese Stadt ist. Dass solche Ecken wie die Kreuzung Plüddemanngasse/Waltendorfer Hauptstraße weder wohn- noch sozialverträglich sind – wen schert das schon? Wir bauen für die Anleger, und die müssen ja weder dort noch in der vorgenannten Triesterstraße wohnen. Der Gehsteig für das erste Haus bergwärts hinter der Kreuzung wird schon noch kommen, selber schuld die Leute, wenn sie dort einziehen, solang ihre Kinder die Straße sicher weder entlang gehen noch überqueren können. Und das Betreute Wohnen, das jetzt dort direkt an der Kreuzung in eine schäbige, kleine Vorstadtvilla hinein-optimiert werden wird? Das nennt man punktgenaue Landung, die Alten sind eh schwerhörig. Und daneben, im neuesten der Superblöcke (mit Supernamen) der Superimmobilienentwickler, da bauen wir eine Glaswand als Schallschutz zur Straße hin. Vom Balkon aus schaut der Mieter dann noch immer und ganz nahe nur in die Laubengangerschließung vom Vorderhaus, aber was wollen Sie denn, alles kann man nun wirklich nicht haben, in DER Lage.
Stadtentwicklung passiert hier anlassbezogen, ob mit Schwarz-Blau oder andersfärbig. Behaupte einer, dass das nicht stimmt! Ja schon, aber: Damit sie mehr als passiert – an allen Ecken und Enden, nicht nur in den zwei smarten Vorzeigequartieren – bräuchte es einmal ein Grundsatzbekenntnis, WIE und wie sozialverträglich man die Stadt entwickelt haben will. Oder nennen wir es eine Haltung, die den Weg und die Ziele zu einer Qualität des Wohnens klar definiert. Es bräuchte ein Bekenntnis aller Kräfte zu einem für alle lebenswerten Graz. Und strengere Bauregeln, die Grundsätze guten Wohnens wie ausreichend Licht, Sonne, Lärmschutz und einen lebenswerten Umraum einfordern, für jedes Wohnhaus, jede Wohnung.
Doch ich gestehe, selbst bei einem solchen Bekenntnis wäre ich skeptisch gegenüber der lauteren Absicht. Wie soll man den Worten jener Glauben schenken können, die die „vorübergehende Fällung von 839 Bäumen“ propagieren. Die Sprache ist ein Hund, stellt sie doch oft mehr bloß, als den Herren lieb sein kann. Und zeigt, welche Krümmungen, Verrenkungen und Kopf(niedrig)stände manch einer macht, um Macht zu sprechen und durchzusetzen. Mit so einer Haltung käme selbst bei der Bündelung aller politischen Kräfte nichts Gescheites raus.
Die Hoffnung bleibt, dass diese Entwicklung vorübergehend ist. Andernfalls, sagt der Altachtundsechziger an meiner Seite, bleibt noch immer die Revolte. Der Gute, denke ich, ungläubig schmunzelnd. Wer sollte sie anzetteln? Diejenigen, die auf die Miete einer miesen Anlegerwohnung angewiesen sind oder etwa wir, die wir uns gerade so schön satt gefressen haben?
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