Gedanken zu: Architektur als Partitur

Worte von Architekt Eugen Gross anlässlich der Ausstellungseröffnung im HDA Graz

von ,

10/11/2013

Eugen Gross

Architekt und Publizist

Geboren am 31.05.1933 in Bielitz, Ost-Schlesien. Nach Realgymnasium in Wien und Salzburg, Matura 1952, Studium der Architektur an der Technischen Hochschule Graz 1952-1958 bei den Professoren Friedrich Zotter, Karl … mehr

Anmerkungen zur Ausstellung und Buchpräsentation der WERKGRUPPE GRAZ

 

Wenn ich abschließend, stellvertretend für meine Kollegen, nach so vielen, die Ausstellung und das Werkbuch begleitenden Worten noch zu einer persönlichen Äußerung veranlasst werde, muss ich nochmals den Titel der Ausstellung aufgreifen: Architektur als Partitur.

Aus Anlass eines früheren Katalogbeitrages habe ich die Architektur als „Schau-Spiel“ aufgefasst, das analog der Musik eine Partitur als Niederschrift einer Komposition verlangt. Nun haben die Ausstellungsgestalter diesen Ausdruck konkret auf unsere Arbeiten bezogen, indem sie das Strukturelle in den Vordergrund rücken.

Architektur als Partitur kann dreifach verstanden werden:

Erstens als genereller Entwurf, der einer Bauaufgabe zugrunde liegt. Für uns war dieser mehr als die Erfüllung funktioneller Anforderungen, die selbstverständlich zu erfüllen waren. Die zahlreichen Bauaufgaben, von kleinen zu großen, haben unterschiedliche Dispositionen zur Lösung eines Programms vorausgesetzt. Der, der Architektur eigene dreidimensionale Raumgedanke hat allerdings die Einbeziehung der Bewegung verlangt, um den Raum erlebbar zu machen. Bewegung ist dabei durch Diskontinuitäten gekennzeichnet, die im Überwinden von Niveauunterschieden, Schwellen und Hindernissen bestehen. Gerade die gestalterische Herausforderung der Überwindung dieser realen oder empfundenen Raumkontraste hat für uns einen Impulscharakter gehabt, der den Entwurfsprozess wesentlich lenkte.

Zweitens ist eine Partitur auch als Handlungsanweisung aufzufassen, die ein räumliches Gefüge strukturiert. Das modulare Denken, das als Reaktion auf die Beliebigkeit formaler Ausdrucksweisen der auf Quantität gerichteten Bauproduktion der ersten Nachkriegsjahre aufgetreten ist, hat uns im Konzept des Strukturalismus der 1960er-Jahre eine architekturtheoretische Fundierung geboten. Eine durch Nachfrage und technologische Entwicklungen unabwendbare Massenproduktion verlangte nach einem Ordnungsprinzip, das in gewisser Hinsicht ein „regelbasiertes Entwerfen“ postulierte. Die heutigen Möglichkeiten programmierbarer Entwurfstechniken haben das Gestaltungsfeld wesentlich erweitert und zu einer Vielfalt von räumlichen Formulierungen geführt, die gerade auch den konstruktiven Erfindungsreichtum von Ingenieuren integrieren.

Für uns war die „Offenheit“ der räumlichen Interpretation jederzeit von Bedeutung. Sie bezog in der Partizipation auch die Nutzer ein und bot in gleicher Weise den am Bau Beteiligten die Chance zur Einbringung ihrer Fähigkeiten, bestimmend bis ins Detail.

Drittens ist schließlich Partitur die „Handschrift“, die ein künstlerisches Werk bestimmt. Sie identifiziert den Urheber mit seinem Werk. Was in der Kunst uneingeschränkt gilt, kann für die Architektur nur in einem eingeschränkten Maß beansprucht werden. Im Grunde ist der Bau ein Gemeinschaftswerk, bei dem Auftraggeber, Architekt und Nutzer je nach gebotenen Voraussetzungen mitwirken (Anmerkung: Bauherrenpreis). Tritt der Glücksfall ein, dass ein Werk von baukünstlerischer Qualität entsteht, kommt dem Architekten jedoch ohne Zweifel die Priorität des Zustandekommens zu. Dann erlangt das Werk eine kulturelle Dimension, die es in den Kontext einer gesellschaftlichen Selbstdarstellung einer Zeit und eines Raumes erhebt. Dann wird das Werk Teil eines kulturellen Erbes oder ideelles Gesamteigentum. Dass dieses eines entsprechenden Schutzes bedarf, ist einsichtig, wird aber durch Sicherung von Urheberrechten des Architekten in Österreich noch einer besonderen Beachtung und Wertschätzung bedürfen.

Dieses ist als Aufruf zu verstehen, den sicher zahlreiche Kollegen und für Architektur Engagierte mittragen können. Das sind gerade Sie, die hier versammelt sind.

  • © Thomas Raggam
  • © Thomas Raggam
  • © Karin Wallmüller
  • © Thomas Raggam
  • © Thomas Raggam
  • © Thomas Raggam
  • © Karin Wallmüller
  • © Thomas Raggam
  • © Karin Wallmüller
  • © Thomas Raggam
  • © Thomas Raggam
  • © Thomas Raggam
  • © Thomas Raggam

Architektur als Partitur

Werkgruppe Graz

1959 bis 1989

Ausstellung

25. Okt. - 20. Dez. 2013 

HDA Graz

13. Nov., 17:00 Uhr 

Eugen Gross führt durch die Ausstellung

Weiterführende Links

werkgruppe graz - ausstellung HDA
Architekt Eugen Gross, Werkgruppe Graz, anlässlich der Ausstellungseröffnung und Buchpräsentation im HDA Graz © Thomas Raggam
werkgruppe graz - ausstellung HDA
Publikum am Eröffnungsabend der Ausstellung im HDA Graz © Thomas Raggam
werkgruppe graz - ausstellung HDA
Werkgruppe Graz: Werner Hollomey, Hermann Pichler und Eugen Gross anlässlich der Ausstellung im HDA Graz © Thomas Raggam
buch - werkgruppe graz - ausstellung HDA
Publikation 'Werkgruppe Graz 1959–1989, Architektur am Wendepunkt der späten Moderne' © Thomas Raggam

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