Den Menschen ihre Würde lassen
Engagierte Architekten entwickeln oft eine starke innere Bindung an die von ihnen geplanten Bauten. Weil sie stolz sind auf die realisierten Projekte – und weil sie mit der Funktion der Gebäude, die sie entworfen haben, im Zuge der Arbeit sehr vertraut geworden sind.
Das Schubhaftzentrum Vordernberg, das vom Wiener Büro Sue Architekten entworfen wurde, fällt aus dem üblichen Rahmen. Hier ging es nicht um Stolz und Vertrautheit, sondern darum, aus schwierigen Situationen das Beste zu machen.
Das Schubhaftzentrum Vordernberg ist ein Gebäudekomplex für bis zu 200 Menschen, die in Schubhaft genommen wurden, weil sie ohne gültigen Aufenthaltstitel in der Europäischen Union leben. Zielsetzung der Architekten war es, diesen Menschen während ihrer Anwesenheit im Schubhaftzentrum eine Herberge zu geben, die ihnen Würde lässt und die nicht einmal ansatzweise etwas mit dem Begriff Strafe zu tun hat. Durch die gute Zusammenarbeit mit den Auftraggebern (Bundesministerium für Inneres, Bundesimmobiliengesellschaft) wurde es möglich, Wege zu gehen, die in Österreich für die Unterbringung in Polizei-Anhaltezentren und Gefängnissen völlig neu sind.
Sue Architekten ging es bei der Übernahme des Auftrags darum, die Situation der Unterbringung von Schubhäftlingen, wie sie sich momentan darstellt, dramatisch zu verbessern. Schubhäftlinge sind keine Strafhäftlinge. Sie haben nichts verbrochen – sie sind nur illegal im Land. Doch sie werden oft behandelt wie Straftäter, die in Polizeigefängnissen aus dem 18. und 19. Jahrhundert ihre Haft absitzen: Nur eine Stunde pro Tag Aufenthalt im Freien. Doch 23 Stunden in Zellen, aus denen man manchmal nur hinaussehen kann, wenn man aufs Bett steigt. Im Schubhaftzentrum Vordernberg ist nicht von Gefängniszellen, sondern von Schlafräumen die Rede. Es gibt Wohngruppen statt Haftbereiche, es gibt Gemeinschaftsbereiche anstelle eines Gesperres.
Sue Architekten hoffen, dass diese Haltung in der Praxis vor Ort auch gelebt wird.
Das Schubhaftzentrum ist ein ca. 10.000 Quadratmeter umfassender Neubau, der in zwei Bereiche gegliedert wurde. Zur Straße hin findet sich der langgestreckte Verwaltungstrakt, der etwa ein Drittel der Grundfläche einnimmt. Von diesem abgewandt entwickelt sich der kammartig gegliederte Wohntrakt mit ca. 6.500 Quadratmetern. Die Höfe dieser Wohnbereiche öffnen sich zu Bach und Berg.
Es gibt neun Wohngruppen für jeweils etwas mehr als 20 Personen. Zu den Wohngruppen gehören außer den Schlafräumen ein Wohnzimmer, eine Gemeinschaftsküche und zusätzliche Aufenthaltsräume, die den Insassen, wichtige private Rückzugsbereiche geben.
Eines der wichtigsten Merkmale des Schubhaftzentrums: auf die Vergitterung der Fenster wurde verzichtet. Stattdessen sind fix verglaste Fensterbänder eingebaut, deren zehn Zentimeter breite Lüftungsflügel es verhindern, dass jemand unbeobachtet aussteigen könnte. Für die Inneneinrichtung wurden hochwertige Materialien gewählt, die auch bei starker Nutzung gut altern können. Die Wandverkleidungen sind aus Seekiefer. Der Vinylteppichboden, die Vorhänge und die spezielle Bestuhlung werden die Wohngruppen hell und wohnlich machen.
Den Menschen ein Gesicht geben
Diese relativ offene Gestaltung des Gebäudes soll den Menschen im Schubhaftzentrum ein Gesicht geben. Im Unterschied zur herkömmlichen Gefängnistypologie gibt es Ausblicke und Einblicke. Die Bewohner von Vordernberg können sehen, was drinnen geschieht. Die Angehaltenen können sehen, was draußen los ist.
Auch das entspricht der Philosophie von Christian Ambos, Michael Anhammer und Harald Höller, den Partnern von Sue Architekten: „Wir meinen, dass Menschen anders miteinander umgehen, wenn Dinge nicht im Geheimen passieren. Wir haben uns entschlossen, dieses Projekt zu bearbeiten, da wir der Meinung sind, dass Orte wie diese, an denen die ungelösten Fragen unserer Gesellschaft verhandelt werden, von zentraler Bedeutung sind. In diesem Fall geht es um die Fragen, wie Europa mit Migration umgeht, wie Verteilung funktioniert und wer am Wohlstand teilhaben darf. Bei den harten Antworten, die die Europäische Union momentan gibt, erachten wir es für besonders wichtig, dass den betroffenen Personen in der Zeit, in denen der Staat für sie die Verantwortung übernimmt, ein Aufenthalt ermöglicht wird, der ihnen ihre Würde lässt. In der Wettbewerbsauslobung des Bundesministeriums für Inneres haben wir gestalterische Spielräume und Möglichkeiten gesehen. Wir sahen es als unsere Aufgabe, diese zu interpretieren und bestmöglich im Sinne der Angehaltenen zu nutzen."

