Im Jänner 2011 wurde dem Künstler Richard Kriesche der vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur neu eingerichtete Österreichische Kunstpreis in der Sparte Video- und Medienkunst verliehen.
Einen programmatischen Schritt von Malewitschs „Schwarzes Quadrat“ zur weißen Projektions-Leinwand vollzog Richard Kriesche im Jahr 1972 mit seiner Videoinstallation „Peeling Off“. Sie gilt als die erste Videoinstallation in Österreich. Inzwischen sind die Arbeiten des Konzept- und Medienkünstlers, Kurators und Theoretikers Legion, darunter TV-Aktionen, in denen er sich mit dem Massenmedium Fernsehen auseinander setzte („Blackout“, 1974), Spots für Humanic („Eingreifen heißt Ordnen“, „Kunst heißt Eingreifen“), Foto- und Videodurchleuchtungen von Wohnverhältnissen („Inside – Outside“, 1973) oder das Austromir-Projekt „Artsat“, realisiert am 6. Oktober 1991.
Neben mehreren Teilnahmen an der documenta erhielt er als bislang einziger Österreicher 1995 den Menzio d’honore der Biennale von Venedig für seine „Telematische Skulptur Nr. 4“.
Neben Franz Graf, Jessica Hausner, Jacqueline Csuss, Paul Albert Leitner, Paulus Hochgatterer und Thomas Daniel Schlee wurde nun Richard Kriesche der neu eingerichtete Österreichische Kunstpreis, in der Sparte Video- und Medienkunst, verliehen.
Zur Ars Electronica 2010 war Richard Kriesche als Featured Artist geladen. Anstelle einer Werkschau allerdings installierte er „Blood + Tears“, den abschließenden Teil einer Trilogie, die mit „Ästhetik des Kapitals“ 2006/07 im Skulpturenmuseum Marl begonnen worden war und 2008 im Kunsthaus Graz in der Version „Capital + Code“ zu sehen war.
Die zugrunde liegende Idee beschreibt Richard Kriesche im Gespräch mit GAT. Nachdem die Ausstellung im deutschen Marl aus einer Kooperation von sieben, inhaltlich unterschiedlich ausgerichteten Museen initiiert wurde, stellte er sich die Frage, was nun diesen Institutionen gemein sein könnte. Und die „ganz einfache Antwort war, dass wir uns über das Medium Geld miteinander verständigen“.
In seiner Arbeit ist der Medienkünstler Kriesche immer schon mit der Übersetzung und Darstellung von Strukturen beschäftigt, die verschiedenste Systeme konstituieren. Respektive sind es immer wieder Versuchsanordnungen zur medialen und analytischen Übersetzung von Welt als Wirklichkeiten. Waren es in den Anfängen Analysen der vorwiegend bildgebenden Medien selbst, so werden in seinen jüngeren Arbeiten die bildgebenden (und immer noch als Neue bezeichneten) Medien im Wortsinn als vermittelnde Werkzeuge eingesetzt, mit deren Hilfe die Sicht auf Metastrukturen freigegeben wird. Bei „Capital + Code“ im Kunsthaus Graz war es eine Anordnung beweglicher Projektoren, die aus einem Zusammenspiel der Suchmaschine Google und der Stockexchange Software Teletrader Professional bewegte Charts der aktuellen und sich verändernden Börsenkurse an die Innenhaut der platonischen Höhle der Kunsthausblase warfen. Dies vor dem Hintergrund der gerade kollabierenden Finanzmärkte, allerdings, sagt Kriesche, „eine zufällige Konstellation zur richtigen Zeit“. Die Installation ist gewissermaßen eine Hypermaschine, die ephemere Information, elektronisch und weltweit ausgreifend, mechanisch (und dynamisch) besorgt und über im Raum sich bewegende Projektionen sichtbar macht. Damit wird auf metaphorische Weise vorgeführt, wie wechselnde Standpunkte die Interpretation von Informationen, die in Intervallen wiederum verändert erscheinen, eigentlich verunmöglichen. Oder: Wir sehen einer in einem Raum befindlichen Maschine dabei zu, wie sie eine, diesen Raum umgebende, immens größere Maschine beobachtet. Und wir bemerken gleichzeitig, dass es uns nicht möglich ist, nachzuvollziehen, was diese Maschinen aneinander vornehmen bzw. können wir ihr Produkt nicht lesen. Die Situation erinnert an ein Statement, das der ehemalige Chef der amerikanischen Notenbank, Allan Greenspan, in seinen Memoiren gibt: „Diese Märkte sind für die Überwachungs- und Regulierungsmethoden unseres Jahrhunderts zu groß, zu komplex und zu schnell geworden.“ Gleichermaßen ist Richard Kriesches „Capital + Code“ ein Modell, das an Günther Anders’ „prometheische Scham“ („Die Antiquiertheit des Menschen“, 1956) erinnert, mit der der Mensch vor der Hypermaschine weltumspannender Technologie steht, von ihm selbst errichtet, in die er aber nur mehr über Teilsysteme steuernd, schließlich interpretierend, eingreifen kann.
Für die Ars Electronica, eingerichtet im großen Veranstaltungssaal der Voestalpine AG Stahlwelt, kam das System als „Blood + Tears“ wiederum zum Einsatz. Die hier projizierten Diagramme, Charts, basieren nun auf Häufigkeit von Begriffen wie „Menschenrechte“, „Klimawandel“, „Kunst“, „Kapital“, die zyklisch abgerufen werden und methodisch ebenfalls den Kursdarstellungen an Börsen vergleichbar sind. Gesellschaftliche und kulturelle Werte werden so in den Raum eines weltweit agierenden Konzerns übertragen. „Es ging darum, die eigene Präsenz (Voest-Alpine) in neuem Zusammenhang zu verstehen“.
Angelehnt an „Blood + Tears“ stellt Richard Kriesche im Gespräch Überlegungen zu privater und öffentlicher Förderung von Kunst und Kultur in Österreich an. Im weltweiten Vergleich – „alles immer relativ zu verstehen“ – bestünden in Österreich hervorragende Bedingungen für junge Künstler respektive neue Kunst. Durchwegs allerdings treten „die Privaten“ aus etlichen Gründen nur selten als Förderer auf für „Starter“, die neue Perspektiven entwickeln, die mit ihren Mitteln gesellschaftskritisch agieren, die mangels Verständnis aber dem „Kunstbetrieb“ nur schwer zuzuordnen sind. Ganz abgesehen davon, ob man kategorisierend überhaupt von „Kunst“ sprechen sollte, müssen im weitesten Sinn system-, gesellschafts- oder kulturkritische Entwicklungen – vergleichbar naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung – unbedingt unter Einsatz öffentlicher Mittel ermöglicht und vorangetrieben werden. Das bedingt jeweils auch Rückschritte, Fehlannahmen, bestenfalls aber Erkenntnisse aus differenzierten Sichtweisen, die in eine, allen zugute kommende Wechselwirkung zwischen Wirtschaft und Kultur münden können. Was inzwischen unter Art-Based Reserarch (Shaun McNiff, 1998) als Überschneidung von Kunst und Naturwissenschaften diskutiert wird, könnte ein methodisch zukunftsträchtiges Modell sein. – Richard Kriesche: „Sie können das auch Kunst nennen.“
Richard Kriesche, geboren 1940 in Wien, lebt und arbeitet als Künstler und Theoretiker in Graz.
- Verfasser/in:
- Wenzel Mracek, Porträt
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