Die WM hat auch Graz fest im Griff. Gastgärten verdienen sich mit der Übertragung der Spiele aus Brasilien eine goldene Nase. Aus der Masse sticht eine Location heraus: Luise im Abseits lädt Fußballinteressierte in den Hof zwischen Kunsthaus und HDA, betreut von dem Team der Luise im Kunsthaus.
Das Besondere: die Besucher betreten mit dem Hof eine Grazer „Favela“, sitzen unter Unterwäsche an der Wäscheleine, zwischen Autoreifen auf der Treppe oder auf zusammengewürfeltem Mobiliar, nachdem sie ihr Bier an der Cabana geholt haben. Das Projekt hat schon kräftig Wellen geschlagen, auf Facebook wurde gegen die Romantisierung der brasilianischen Armenviertel gewettert und dem Veranstalter etwas mehr Dreck und ein geringeres Monatseinkommen empfohlen, falls er gerne reales Favela-Feeling hätte.
Tatsächlich geht es Gernot Saiko, der neben der Süßen Luise am Lendplatz die Luise im Kunsthaus führt, darum, auf die Lebensumstände in den brasilianischen Städten abseits der WM-Kamerateams und des Kommerztrubels hinzuweisen. „Die Leute gehen in die Kneipen und subventionieren über ihre Konsumation die FIFA ein bisschen mit“, ist im Konzept von Luise im Abseits zu lesen. Und auch, dass dem Widerstand geleistet werden kann, wie die Menschen in den Favelas es tun (und gegen die Vereinnahmung ihres Grundes durch Urbanisierungsmaßnahmen von Seiten und zu „Gunsten der Stadt" auf die Straße gehen). Jedes in der Grazer Favela getrunkene Bier bringt eine Spende an das Grazer Vinizidorf – und nicht an die FIFA.
Das Brasilianische Institut für Geografie und Statistik (IBGE) berichtet, dass knapp 11,5 Millionen Brasilianer in den landesweit über 6000 Favelas leben – das sind sechs Prozent der Gesamtbevölkerung. Den prozentuellen Rekord hinsichtlich der Einwohnerzahl hält die Stadt Belém im Norden des Landes, wo ca. 54 Prozent der Bürger in Favelas wohnen. Rund eineinhalb Millionen Menschen sind es in Rio de Janeiro – fast ein knappes Viertel der Stadtbewohner.
Rio hat aus der Not eine Tugend gemacht: Während der WM werden aufgrund mangelnder Hotelzimmeranzahl auch Schlafplätze in den Favelas von Rio de Janeiro angeboten, um die rund 300.000 Besucher der Stadt unterzubringen. Über die Website favelaexperience.com werden kleine günstige Unterkünfte angeboten.
Zum einen ist Fußball gerade bei der ärmeren Bevölkerung Lieblingssport Nr.1, zum anderen werden für dessen Kommerzialisierung öffentliche Gelder durch den Bau von später nie mehr zu füllenden Megastadien verbraten. Die 2007 von der brasilianischen Regierung angekündigten Kosten der WM von 2,8 Milliarden Reais (weniger als einer Milliarde Euro) sind explodiert und liegen heute fast bei dem Zehnfachen. Das Geld ist v.a. in den Bau von Stadien und Infrastruktur, Sicherheits- und Telekommunikationsprojekte geflossen; die hohen Unterhaltskosten für Bauten und Infrastruktur und damit deren Weiterbetrieb können sich die wenigsten Bundesstaaten und Gemeinden leisten.
Achja, wie steht es eigentlich um die Stadien der EM 2008?



