Im September 2009 erstellte die Grazer Architektin Elisabeth Lechner im Auftrag von Stadträtin Elke Kahr (KPÖ) eine Studie zum Thema „Kommunaler Wohnbau anDers“. Es geht darin um die Errichtung eines sozialen Wohnbaus auf dem Grundstück zwischen Floßlendstraße und Zeillergasse im Bezirk Graz-Lend, das der Stadt Graz gehört.
Das primäre Ziel der Studie ist die Fokussierung auf Freiraumgestaltung, Gemeinschaftsbereiche und Integration sowie das Aufzeigen von planerischen und organisatorischen Möglichkeiten wie mehr Nutzerfreundlichkeit, Vermeidung von Nutzungskonflikten und generelle Wohnzufriedenheit.
Dieser Mehrwert soll über differenzierte Freiräume und Zonierungen sowie mit der Gestaltung von Übergangsbereichen generiert werden, z. B. durch Aufwertung des Mühlgangs mittels einer Promenade und über einen kleinen öffentlichen Quartierspark mit ca. 1000 m². Durch die schräge Baukörpersituierung, weg von der Floßlendstraße, soll sich, korrespondierend mit dem vis-à-vis gelegenen Sozial- und Seniorenzentrum ein kleiner Platz, eine Art Mini-Piazza, bilden. Als kommunikationsfördernder Gemeinschaftsbereich ist an der Gebäudeecke zum neuen Platz ein multifunktionaler Raum im Erdgeschoss vorgesehen.
Als einer der wichtigsten Punkte, vor allem in Bezug auf Quartiersbildung und Umsetzung des räumlichen Leitbildes der Stadt Graz, erscheint die Forderung nach geschlossener Bauweise durch einen Anbau am Nachbargrundstück der GWS. Dazu bedurfte es einiger Überzeugungsarbeit und der Änderung eines bestehenden Bebauungsplanes. Sehr positiv ist es daher, dass sich die GWS für einen Lückenschluss und den Anbau mit gemeinsamer Tiefgarage entschieden hat.
Thema und Inhalt der Studie sind prinzipiell nicht neu – sie ist ein erneuter Versuch, eine Änderung in der komplexen Problematik des Sozialen Wohnbaues zu initiieren. Aufgrund der Differenz zwischen dem Ergebnis der Studie und der restriktiven Haltung durch das Wohnbauförderungsgesetz sowie der systemimmanenten Problematik des Übertragungswohnbaues schlägt Elisabeth Lechner Folgendes vor: Kenndaten zur Wirtschaftlichkeitsberechnung, wie die Verhältniszahl Nettonutzfläche und Bruttogrundfläche, mindestens auf 1,5 zu erhöhen oder wiederum eine eigene Fördermöglichkeit für Gemeinschafträume und Servicefläche. Denn während Kinderspielplätze und PKW-Abstellplätze über Pauschalen gefördert werden, gibt es für soziale Einrichtungen wie Gemeinschaftsräume, Fahrradräume in ausreichendem Maß und öffentliche Parkeinrichtungen kein zusätzliches Geld. Mittlerweile konnte eine Förderzusage der A15 für den 50 m² großen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss erreicht werden.
Beim Übertragungswohnbau, der seit ca. 40 Jahren in Graz praktiziert wird, handelt es sich um eine baurechtliche Rechtsform, bei der die Stadt Graz als Grundeigentümer ein befristetes Baurecht hat und die Verwaltung der Gebäude an die gemeinnützigen Wohnbauträger vergibt. Sie behält sich dabei ein Einweisungsrecht bzw. die Vergabe der Wohnungen durch das Amt für Wohnungsangelegenheiten vor. Da die Stadt Graz durch diese Vereinbarung derzeit selbst keinen Wohnbau realisieren kann, steht sie in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Genossenschaften und auch unter Druck. Denn die Stadt hat einen weit höheren Bedarf an kommunalem Wohnbau als derzeit abgedeckt werden kann. Rund 1669 Personen (Stand 17. 08. 2010) sind für eine Gemeindewohnung vorgemerkt, eine Zahl, die sich seit 2006 verdoppelt hat – Tendenz steigend!
Die von der Stadtregierung zugesagte bzw. ausverhandelte Anzahl an Neubauten für diese Regierungsperiode beläuft sich lediglich auf 500 Wohneinheiten. Gegenwärtig sind ca. 360 Wohnungen in Vorbereitung: Alte Poststraße, Jauerburggasse, Lange Gasse, Straßganger Straße und – wie oben angeführt – Zeillergasse.
Die Studie ist allerdings nur für das Projekt Zeillergasse ein integraler Bestandteil der Vereinbarung zwischen der Stadt Graz und den Wohnbauträgern (enw-Wohnbaugruppe und GWS). Dies konnte durch Stadträtin Elke Kahr in Abstimmung mit der Stadtbaudirektion nach langen Verhandlungen mit dem Land (Abteilung Wohnbauförderung) sowie dem Wohnbautisch und den Wohnbauträger forciert werden.
Um die Studienziele 1:1 durch- und umzusetzen, beschritt man auch im Planungsprozess neue Wege: Obwohl das Projekt mehr als 30 Wohneinheiten aufweist, wurde anstatt der üblichen Durchführung eines Wettbewerbes ein Direktauftrag an Elisabeth Lechner mit der Beistellung eines Gestaltungsbeirates in Anlehnung an das Grazer Modell vergeben.
Als Mitglieder des Gestaltungsbeirates wurde durch die enw der Architekt Hansjörg Tschom als Wohnbauexperte und von der Stadt Graz – als nicht steirischer Architekt – Reinhold Wetschko bestellt. Das Land entsandte Gerhard Bräuer als Vertreter der Abteilung Wohnbauförderung und Reinfried Blaha von der Abteilung 17a, Bereich barrierefreies Bauen.
Der Planungsprozess wurde von insgesamt sechs Gremiumssitzungen begleitet. Diese Verfahrensmethode wurde vonseiten der enw durchaus positiv bewertet und man kann sich, so Prokurist Edmund Klamminger, eine Wiederholung vorstellen, auch wenn derzeit kein weiteres derartiges Projekt geplant ist. Und das, trotz der nur allzu menschlichen Emotionen im Laufe der Sitzungen, die allerdings von einem lebendigen Prozess zeugten. Denn der Gestaltungsbeirat habe „aktiv mitgeredet, mitgearbeitet und mitgestaltet.“ Laut Klamminger stehe im Endeffekt „die positive architektonische Qualität im Vordergrund“.
Dieses System ist, nach Meinung von Gerhard Bräuer, stark vom „Engagement der Einzelpersonen abhängig“ und es brauche „das richtige Team“, dann können auf „diesem Wege akzeptable Lösungen“ gefunden werden – auf jeden Fall haben „alle Beteiligten gewonnen“. Auch wenn Gerhard Bräuer darin nicht den leichtesten und effektivsten Weg sieht.
Grundlegend positiv sieht auch Elisabeth Lechner das Verfahren, allerdings fordert sie zusätzliches Budget dafür, ähnlich wie bei Wettbewerben, klare Strukturen und eine eindeutige Regelung der Mitsprache in Form einer Geschäftsordnung des Beirats. Die fehlende Geschäftsordnung war beim konkreten Pilotfall ein grundlegendes Problem. Denn das fehlende Budget und die teilweise sehr detailbezogenen, wiederholten Änderungsvorgaben gingen zu Lasten der Architektin.
Zuletzt kann man nur festhalten: Wo ein (politischer) Wille ist … ist auch ein (politischer) Weg …
Projektdaten
Bauherr: enw, GWS
Projektgröße enw: 43 Wohneinheiten im Übertragungswohnbau
Projektgröße GWS: 7 Wohneinheiten, voraussichtlich frei finanzierte
Eigentums- bzw. Anlegerwohnungen
Projektstandart:
Passivhaus mit Photovoltaikanlage und Solartankstelle
Tiefgarage für 51 PKW
Abstellplatz für 70 Fahrräder
Gemeinschaftsraum: ca. 50 m²
Quartierspark: 1000 m²
Beteiligte Planer:
Architektin Elisabeth Lechner – Architektur
Architekt Erwin Kaltenegger – Passivhausbauweise
Dr. Tomberger Ziviltechniker GmbH – Schallschutzgutachten
Baubeginn:
Spätherbst 2010: enw-Projekt
Anfang 2011: GWS-Projekt
KONTAKT:
Arch. DI Elisabeth Lechner
Elisabethstraße 3, 8010 Graz
arch.elisabeth.lechner@aon.at
T 0316.38 36 66-0 F -90
M 0664.144 1875
- Verfasser/in:
- Petra Kickenweitz, Bericht







