Die Auswirkungen des Klimawandels sind seit mehr als 40 Jahren international bekannt. Zeit genug, darauf zu reagieren, könnte man meinen. Dennoch sind wir aktuell weiter denn je vom Ziel entfernt. Jährlich werden neue Temperaturrekorde gemeldet und aufgrund der teils sehr langen Lebensdauer der Treibhausgase in der Atmosphäre würde man – selbst bei sofortiger Umstellung auf eine CO2-neutrale Wirtschafts- und Lebensweise – noch jahrhundertelang die Nachwirkungen zu spüren haben. Weitermachen wie bisher ist also keine Option.
Welche Bedeutung hat die Raumplanung in diesem Wirkungsgefüge? Setzt sie die richtigen und notwendigen Weichenstellungen oder ist sie selbst Teil des Problems? Was muss sich ändern?
Diesen Fragestellungen sind Studierende der Bauplanung und Bauwirtschaft, Vertiefungsrichtung Architektur an der FH JOANNEUM in Graz, im Sommersemester 2020 am Beispiel von Raumplanungsinstrumenten und Bebauungsregelungen im In- und Ausland nachgegangen. Das Ergebnis zeigt, dass grundsätzlich ein Bewusstsein für Klimaerfordernisse da ist und die Zielvorstellungen in der Regel passen. Wenn es allerdings um konkrete Umsetzungsinstrumente und –regelungen geht, erkennt man, dass die Raumplanung den Landschaftsverbrauch und die Zersiedelung noch immer forciert, sei das über viel zu große und periphäre Baulandausweisungen, über Aufschließungsgebietswidmungen in Gefahren- und Überflutungszonen von Gewässern, über punktförmig verstreute, vom bestehenden Straßennetz weitgehend entkoppelte Siedlungsbauten, über nicht mehr zeitgemäße Kfz-Stellplatzvorschreibungen, geduldete zusätzliche Verkehrsbelastungen in lufthygienischen Sanierungsgebieten oder über unzureichende Retentionsausgleichsvorschreibungen.
Die Ausarbeitungen der Studierenden erfolgten überwiegend während des ersten Covid-19-Lockdowns. Die Pandemie brachte weitere Erkenntnisse ans Licht: Sie zeigte z.B., dass monofunktionale, reine Wohngebietswidmungen nicht krisentauglich sind und dass man sich viele Autofahrten sparen könne. Sie machte deutlich, wie wichtig ein Mindestmaß an hauswirtschaftlichen Freiräumen und ausreichend öffentliche Freiräume für FußgängerInnen und RadfahrerInnen sind. Diese im bestehenden Siedlungsraum zu organisieren, wird eine der wesentlichsten Aufgaben der Zukunft sein. Die zeitweise wohltuend Kfz-leeren Straßen haben die autofokussierte Raumplanung der vergangenen Jahrzehnte subtil in Frage gestellt. Gleichzeitig konnten wir miterleben, dass notwendige Veränderungen durchführbar sind.
Abbildungen
Abb. 1: Bebauungsplanung auf über 800m2 großen Parzellen mit freistehenden, straßenabgewandten Einfamilienhäusern in der Gemeinde Gaal (Recherche & Collage von Robin Hauser, Bildbasis Orthofoto, GIS Steiermark); Mit flächensparenden, schmalen Parzellen entlang der Bestandsstraße und einer verdichteten, Fortsetzung der Straßenrandbebauung hätte man sich die südliche Erweiterung sparen können.
Abb. 2: Bebauungsplan der Green City Graz (Stadtplanungsamt Graz; https://www.graz.at/cms/dokumente/10195620_7758108/6aa7b198/16_15_0_Pla…; 29.10.2020): Vom bestehenden Straßennetz weitgehend entkoppelte Punktwohnhochhäuser in einem Landschaftsschutzgebiet am Stadtrand, mit Kfz-Stellplatzvorschreibungen in einem lufthygienischen Sanierungsgebiet lassen Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der Planung aufkommen (Recherche Patrick Höller).
Abb. 3: Verkehrsplanung in Amman, Jordanien: Mit dem „Bus Rapid Transit“ in der Mitte der Straße versucht man Alternativen zum motorisierten Verkehr zu etablieren, das Auto und die dafür großzügig zur Verfügung gestellten versiegelten Flächen bleiben aber dominierende Faktoren im Straßenraum (Recherche Lara Saudi, Foto: https://d1wnoevxju5lec.cloudfront.net/storage/attachments/5730/2_618771…, 29.10.2020)


