Im 16. Jahrhundert wurden in der Grazer Murvorstadt – im Lend, dem IV. Bezirk – die Straßenzüge der Mariahilferstraße und der Josefigasse entlang den damals noch nicht trocken gelegten Murarmen angelegt. Die heute noch existierende unregelmäßige und gekrümmte Straßenführung entspricht damit annähernd der ursprünglichen. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts erfolgte die Anlage des großen Marktplatzes Lendplatz, dem städtebaulich und im Zuge der Stadtentwicklung große Bedeutung zukam. Nicht weit davon entfernt errichtete 1767 Andrä Farovino eine „Cotton und Leinwanth-Truckerey“, die 1825 stillgelegt, von Baumeister Franz Xaver Aichinger adaptiert und seither als Wohnhaus genutzt wurde.
Das Haus Josefigasse 73 wurde nicht unter Denkmalschutz gestellt. Es werden wohl wirtschaftliche Überlegungen sein, die die Eigentümer bewogen haben, einen Abbruchantrag zu stellen, der vor kurzem seitens des Stadtbauamtes genehmigt wurde. Mit dem Abbruch des Hauses Josefigasse 73 verliert Graz ein weiteres Beispiel historischer Baukunst und in diesem speziellen Fall den letzten Vertreter von ehemals dreien für das dreifache Grabendach mit Schopfwalmgiebeln. Ein älteres Beispiel für diese Bauform stand anstelle des Amtshauses am Karmeliter Platz neben dem heutigen Landesarchiv, ein zweites an der Stelle der heutigen Steiermärkischen Sparkasse am Andreas Hofer Platz.
Das zweigeschossige Wohnhaus Josefigasse 73 ist mit einem Tonnengewölbe unterkellert (Bodenbelag Murnockerln), die straßenseitige Freitreppe führt an einen tonnengewölbten Mittelflur, über den sich die Wohnräume erschließen. Die Wohnungen im Obergeschoss sind mit Holzriemendecken ausgestattet, darunter eine mit geschwungenem Stuckspiegel.
Sozialgeschichtlich stellt dieses Gebäude ein anschauliches Beispiel bürgerlicher Wohnkultur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Graz dar, zudem ist es letztes Zeugnis des im 18. Jahrhundert blühenden Stoffdruckergewerbes.
Freilich ist eine lebenswerte Stadt nicht ohne zeitadäquate Adaptionen denkbar; wer möchte schon in einem Museum leben? Andererseits aber zeichnen sich in Graz diverse Investoren durch ein besonderes Maß an Ignoranz gegenüber historisch wertvoller Substanz und der Erhaltung eines wenigstens historisch interessanten Stadtbildes aus, wie sich an immer wieder zu erinnernden Beispielen zeigt: Kommod-Haus, Griesplatz 24, Villa Lazarini (Elisabethstraße), Sackstraße, Grüne Gasse, Schützenhofgasse oder das eben erst abgerissene Biedermeierhaus in der Zeilergasse 52, das wohl einer anstehenden Blockrandverbauung weichen musste. Dagegen positiv die Renovierung des Palais Jacomini (Steinfeldhaus) oder des Glockengießerhauses in der Wickenburggasse 17.

