Wie riesenhafte Silos fügen sich die Tulous, sogenannte „Erdbauten“, in die grüne Landschaft der Fujian Provinz Chinas ein. Festungen gleich verbergen sie ihr Innenleben.
Reisebericht über die Tulous Fujian Provinz (China)
Mein Zimmer für die Nacht ist im dritten Stock eines Tulous. Ein kleines Fenster verbindet mich mit der Außenwelt, aber der Schwerpunkt des Lebens ist nach innen gerichtet. Ein Laubengang erschließt mein Zimmer und die anderen Wohnungen. An manchen Stellen formt sich dieser zu Balkonen und Lagerflächen um. Im Hof laufen die Gänse frei und meine Nachbarin, eine alte Hakka (Chinesin), bietet mir eine gekochte Kartoffel an, während ich an ihrer, im Hof freistehenden, Küche vorbeischlendere.
Wie riesenhafte Silos fügen sich die Tulous, sogenannte „Erdbauten“, in die grüne Landschaft der Fujian Provinz Chinas ein. Festungen gleich verbergen sie ihr Innenleben. Die existierenden 20.000 Tulous in Fujian, die bis ins 12. Jahrhundert zurückdatieren, werden immer noch bewohnt, in dem von mir belegten Tulou kann man die Einheimischen noch an beiden Händen abzählen. In den anderen Erdbauten lebten einst bis zu 1000 Personen, Mitglieder eines Clans verschiedener Generationen.
Um sich vor bewaffneten Räuberbanden zu schützen, errichteten die Bewohner Festungswohnungen aus vor Ort gefundenem Baumaterial. Die tragende Umfassungsmauer ist ein Gemisch aus gestampfter Erde, Bambus und Klebreis. Dieses formt eine thermisch perfekte Außenhülle, die trotz Einwirkungen von außen, wie Einschüssen und Kanonenkugeln, robust blieb.
Die geometrischen Ausformungen reichen von kreisrund über oval bis zu quadratisch und rechteckig. Die vertikal aufgebauten Wohnungen umfassen den zentralen, kommunalen Innenhof, den Mittelpunkt im sozialen Leben der Familienmitglieder. Das gemeinschaftlich genutzte Gut wie Küche, Bad, Tierställe und der Ahnenschrein wurde dorthin ausgelagert und alle Wohnungen danach ausgerichtet. Um eine Einheit der Familie zu symbolisieren, befinden sich alle Wohnungen unter einem Dach. Jedes Zimmer in meinem Tulou ist gleich hinsichtlich Grundriss, Anzahl der Fenster und Ausstattung. Nur die verschiedenfarbigen Schlösser an den Türen zeigen die Individualität der Bewohner. Hier gibt es keine Dachgeschoßausbauten und offensichtlichen Klassenunterschiede.
Langsam wird es dunkel und die Lichter im Hof gehen an. Alle Motorräder, Ziegen und Hennen werden ins Innere des Schutzbaus getrieben. Um acht Uhr schließt die einzige Tür nach außen. Ich muss mich beeilen, um noch schnell über die massive Holztür ins Innere zu gelangen, denn bis morgen gleicht das Tulou wieder der Festung, die es einst war.
ZUR INFORMATION (Anm. d. Red.)
Die Tulou-Lehmrundbauten in der Provinz Fujian, im Südosten Chinas gelegen, gelten seit 2008 als UNESCO-Weltkulturerbe. Fujian liegt im Südosten Chinas.
Über die Autorin
DANIELA MITTERBERGER (* 1988 in Graz) absolvierte 2011 ihren Bachelor of Architecture an der Akademie der bildenden Künste Wien. Im Sommersemster 2011 studierte sie an der Hongkong University und brach dann zu einer mehrmonatigen Reise durch Asien auf, die noch bis Oktober 2011 andauern wird. Am 10.07.2011 erschien auf www.gat.st ihr erster Reisebericht über "Die Dachdörfer in Tai Kok Tsui/ Hongkong", dem soeben aus China eingelangten, aktuellen Bericht über die "Tulous" in der Fujian Provinz Chinas werden auf www.gat.st demnächst weitere folgen.
- Verfasser/in:
- Daniela Mitterberger, Reisebericht aus China












