Zwischen uns und uns selbst

Am 21. März 2006 um 20.31 Uhr strahlt Ö1 das Hörspiel „Memory Hotel“ nach dem 1980 entstandenen Drama des im Sommer 2005 verstorbenen „Grazer“ Autors Wolfgang Bauer aus.

20/03/2006

Am 21. März 2006 um 20.31 Uhr strahlt Ö1 das Hörspiel „Memory Hotel“ nach dem 1980 entstandenen Drama des im Sommer 2005 verstorbenen „Grazer“ Autors Wolfgang Bauer aus. Bauer wäre am 18. März 65 Jahre alt geworden.

Die Sendung von Bauers Stück bzw. Hörspiel, das die Zuseher in das Bewusstsein des von einem Hai zerfleischten Tony führt, ist über den Anlass hinaus aktuell. Michel de Montaigne schreibt: „Wir alle bestehen aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinanderhängen, dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert wie er will; daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den anderen“. Dieses „Flattern“ passt nicht nur auf den ertrinkenden Tony, sondern auf eine Gesellschaft insgesamt, für die der „Schmetterlingsschlag“ einer Karikatur von Mohammed zu weltweiter Randale führt. Oder die sich mit dem neuen Klassenbegriff „Prekariat“, in dem ein Großteil ihrer Mitglieder ohne Lebensplan dahin treibt, so treffend beschreiben lässt.

Wolfgang Bauer aber, der mit politischen Analogien wenig im Sinn hatte, wird mit Montaignes Beschreibung in seiner dramatischen „Person“ erfasst. Bis zu seinem Tod mit 64 ein Autor von jugendlicher Tollkühnheit, begann er seine Karriere mit einem photografischen und phonografischen Realismus, ließ sich später auf die Kompliziertheit menschlicher Bewusstseinsvorgänge ein, und experimentierte schließlich ziemlich wild – als Grazer Absurder getarnt – mit der Konstruktion der Welt als solcher. In seinem jugendlichen Alterswerk verwissenschaftlichte Bauer die Traumwelt und poetisierte die Wissenschaft in radikalen Versuchsanordnungen, die er als Dramatiker naturgemäß im Theater ansiedelte. Im Rahmen dieser spannungsgeladenen Entwicklung nimmt „Memory Hotel“ eine klassische, mittlere Position ein. Bauer hat sich 1980 mit diesem Drama bereits von seinem extremen Realismus entfernt, aber noch nicht völlig auf schwerer zugängliche, konstruktivistische Verfahrensweisen verlegt, wie etwa die „eingerollten“ Superstringdimensionen von „Skizzenbuch“ oder „Die Menschenfabrik“. Er praktiziert auch noch keine wilden Wechsel zwischen Sprachkonstruktion und undefiniertem Spiel wie im „Cafe Tamagotchi“ und beschwört keinen Medienanimismus wie in „Insalata Mista“. Um Godard als Vergleich zu nehmen: „Memory Hotel“ ist nicht linear wie „Außer Atem“, der berühmte Erstling des Regisseurs, und auch nicht so schwer zugänglich wie das späte „Eloge d`Amour“, sondern ein rundum gelungenes Meisterwerk, vergleichbar Godards „Die Verachtung“ oder „11 Uhr nachts“. In „Memory Hotel“ ist Tony, dem seine Frau eingeredet hat, er sei an Krebs erkrankt, nach Jamaika geflüchtet, um während der vermutlich letzten Tage seines Lebens alles Geld zu verprassen. Aber auch hier sind Schmarotzer und Gangster mittels Hypnose oder Drogen hinter seinem Geld her. Da taucht Cora auf und zwingt ihren Mann sich zu erinnern, bis Tony sich ins Meer stürzt, von Haien angefallen wird und in diesen passenden, letzten Momenten über Leben und Tod zu räsonieren beginnt...

Radio aufdrehen, Ohren spitzen.

> Montag, 20.03.2006, 20.31 Uhr - Radio Ö 1

"Memory Hotel" von Wolfgang Bauer

Mit Peter Uray, Antonia Reininghaus, Manfred Lukas-Luderer, Franz Friedrich, Marianne Kopatz, Petra Fahrnländer, Adolf Bur, Helfried Edlinger, Brigitte Quadlbauer, Armin J. Schallock und Paul Kindler.

Musik: Harald Neuwirth und die Studenten-Big-Band der Jazzabteilung der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Graz, Leitung: Eduard Holnthaner, Don Ellis and his Orchestra.

Regie: Wolfgang Bauer

Verfasser/in:
Willi Hengstler zu Wolfgang Bauers „Memory Hotel“
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Wolfgang Bauer, 1941-2005. Foto: Archiv steirischer herbst

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