Ziviltechnikerinnentag 2007 in Graz

Am 18.10.2007 startete die zweitägige Veranstaltung des Ausschusses der Ziviltechnikerinnen Steiermark + Kärnten mit dem Symposion "Umsetzung von Gender-Strategien in Pla

23/10/2007

Am 18.10.2007 startete die zweitägige Veranstaltung des Ausschusses der Ziviltechnikerinnen Steiermark + Kärnten mit dem Symposion "Umsetzung von Gender-Strategien in Planung und Alltag", im HS 5 der Alten Technik in Graz. Vorgestellt und erläutert wurden Beiträge, die sich mit der Planungsentwicklung unter der Einbeziehung von Gendervorgaben und dem gebauten Umfeld im öffentlichen Raum beschäftigen.

In den Vordergrund gerückt werden sollten Projekte, an denen Frauen federführend beteiligt waren oder sind. Darüber hinaus diente die Tagung dem Erfahrungsaustausch und der Netzwerkbildung.

Gender Mainstreaming ist ein sperriger Begriff und ein schwieriges Unterfangen. Während die einen davon überzeugt sind, dass Frauen im Sinne einer Gleichberechtigung von Mann und Frau in Gesellschaft und Beruf einer dringenden Unterstützung bedürfen, halten die anderen dagegen, dass solche Maßnahmen lediglich das (vermeintlich?) bestehende Ungleichgewicht zementieren und den Frauen damit ein Bärendienst erwiesen wird. Unbestritten ist jedoch, dass Architektinnen immer noch deutliche Nachteile gegenüber ihren männlichen Kollegen haben. Angefangen mit der schlechteren Bezahlung bei gleicher Qualifikation und Arbeit bis hin zu enormen Nachteilen für Ziviltechnikerinnen, die sich entscheiden, Mutter zu werden.

Umso erfreulicher, dass das Engagement der Ziviltechnikerinnen offenbar erste Früchte trägt. Gerald Fuxjäger, Präsident der Kammer der ArchitektInnen und IngenieurkonsulentInnen für die Steiermark und Kärnten, konnte berichten, dass die Kammer in einer der letzten Sitzungen beschlossen habe, auf den Kammerbeitrag für (werdende) Mütter für einen Zeittraum von zwei Jahren zu verzichten. Dennoch kann das nur ein erster Schritt sein. Ulrike Bogensberger, Vorsitzende der Sektion ArchitektInnen, machte unter anderem aufmerksam auf die drohende Altersarmut von Architektinnen, die trotz Beitragszahlungen mit einer Rente leben müssen, die nicht zum Leben reicht. Sie werden, wenn sie nicht anderweitig vorsorgen können, zum Sozialfall. Bogensberger rief in ihrer Rede die Architektinnen auf, sich aktiv in die Kammerpolitik einzuschalten. „Wir sind vielleicht nicht glücklich mit den bestehenden Organisationsstrukturen unserer Kammern, aber wir sollten die nächsten Schritte in Angriff nehmen und uns aktiv in die Gremien einbringen.“, meinte Bogensberger, und „es ist nicht üblich, dass eine Frau in einer Kammersitzung das letzte Wort hat, bzw. als letzte SprecherIn die Begrüßung der TeilnehmenInnen übernehmen darf. Heute ist es einmal so – und das ist - frei nach Berlins Bürgermeister Wowereit - gut so! “

Eingeladen hatten die Veranstalterinnen unter der Leitung von Architektin Eva Gyüre, Vorsitzende des Ausschusses der Ziviltechnikerinnen in der Steiermark und Kärnten, unter anderem Sabine Christian, Stadtbaudirektorin der Stadtgemeinde Kapfenberg, die über ihre Erfahrungen aus dem Projekt POPUP Gem (Policy and Public Service Push Gender Mainstreaming) berichtete. Dieses Programm soll im Fall Kapfenberg „weibliche Sichtweisen und Bedürfnisse“ in die Stadtplanung implementieren. Konkret sind das Maßnahmen, die vom Absenken und Verbreitern der Bürgersteige für Kinderwagen schiebende Mütter bis hin zu kürzeren Wegen von der Wohnung bis zum Spielplatz führen. Au weh! Haben wir uns schon wieder selbst ein Bein gestellt?

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde das Problem des Zementierens der ungleichen Aufgabenteilung zwischen Eltern aufgegriffen und Sabine Christian betonte, dass ihr diese Problematik bewusst sei und dass die ersten Sofortmaßnahmen, auch wenn sie momentan in erster Linie Frauen betreffen, so gedacht sind, dass sie als Maßnahmen für Eltern, gleich welchen Geschlechtes, gelten. Ihre Absicht, den Frauen einen größeren Raum im öffentlichen Bewusstsein ihrer Stadt einzuräumen, demonstrierte sie dann auch auf originell subversive Weise. Zu Beginn ihrer Tätigkeit gab es in Kapfenberg über 100 Straßen, die nach Männern und genau drei, die nach Frauen benannt waren. Christian steigerte die Frauenquote in kürzester Zeit auf das Dreifache!

Ist Frauenförderung heute noch nötig und wenn ja, warum? Diese Frage stellte Moderatorin Barbara Simma an das Podium, das sich aus den Referentinnen Sabine Christian, Sonja Gasparin (Gasparin & Meier Architekten, Villach), Birgit Pölzl (Autorin und Ressortleiterin für Literatur im Kulturzentrum bei den Minoriten Graz) und der Gender-Expertin Heide Cortolezis zusammensetzte. Cortolezis antwortete mit beeindruckenden Statistiken der UNO, die das Phänomen einer weltweiten Benachteiligung von Frauen gegenüber Männern aufweist – und zwar unabhängig davon, ob es sich um Entwicklungsländer oder um unsere postindustrielle Wissensgesellschaft handelt. Über die Jahrzehnte ist festzustellen, dass Frauen immer in den Berufen anzutreffen sind, die weniger prestigeträchtig und weniger gut bezahlt sind (heute sind das bei uns Bildung, Gesundheit, Verwaltung und Handel). Sobald sich das Bild eines Berufes wieder zum Positiven ändert wandern die Frauen ab und Männer drängen auf den Markt. Fällt der Status wiederum, geschieht das Ganze umgekehrt. Sicherlich sind die Ursachen dafür komplex, dennoch führt Cortolezis dies in erster Linie auf strukturelle Gegebenheiten zurück. Und solange es diese strukturelle Benachteiligung gibt, braucht es auch eine Frauenförderung.

Wann ist Gleichstellung erreicht? „Gleichstellung ist dann erreicht, wenn genauso viele unfähige Frauen in Führungspositionen sind wie Männer“, so Cortolezis. „Jedenfalls kann es kein Ziel der Frauen sein, männliche Strukturen und Strategien so gut wie möglich zu adaptieren. Frauen müssen also weder besser, noch fleißiger als Männer sein.“ Und Cortolezis weiter: „Sie sind auch nicht dafür zuständig, für ein ´besseres Klima am Arbeitsplatz´ zu sorgen, wenn sie als Maschinenschlosserin eingestellt wurden.“

Bleibt noch festzuhalten, dass in der anschließenden regen Diskussion zwischen den Referentinnen und dem (nahezu ausschließlich weiblichen) Publikum die einhellige Meinung herrschte, dass mit einer schlagartigen Veränderung der bei uns immer noch patriarchalisch geprägten Strukturen nicht zu rechnen sei. Wir Architektinnen sollten aber am Ball bleiben, mit Ausdauer und Konsequenz unsere Forderungen vorantreiben und dabei – ganz wichtig – nicht den Humor verlieren.

Am 19.10.2007, dem zweiten Tag der Veranstaltung, wurden die Tagungsteilnehmerinnen von Karin Tschavgova zu modernen Bauwerken in Graz und in der Südsteiermark geführt.Veranstalter: Ausschuss der Ziviltechnikerinnen Steiermark + Kärnten für die Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten.

Verfasser/in:
Anke Strittmatter, Bericht

Weiterführende Links

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„Das war wirklich keine Absicht“, so Urs Hirschberg, Dekan der Architekturfakultät zum Veranstaltungsort, dem rosa Hörsaal (HS 5, an der TU Graz in der Rechbauerstraße 12)
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Ulrike Bogensberger, Vorsitzende der Sektion der ArchitektInnen der Kammer der ArchitektInnen und IngenieurkonsulenInnen für Steiermark und Kärnten, im Gespräch mit Yasmin Leb-Idris, Mitglied des Ausschusses der Ziviltechnikerinnen
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Eva Gyüre (li), Vorsitzende des Ausschusses der Ziviltechnikerinnen Stmk + K, im Gespräch mit Dr. Anne-Marie Leb, Kulturgemeinderätin der Stadt Graz und Urs Hirschberg, Dekan der Architekturfakultät der TU Graz.
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Gerald Fuxjäger, Präsident der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Steiermark und Kärnten mit einem Ziviltechnikerinnen-Schirm.
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Podiumsdiskussion mit Sabine Christian, Heide Cortolezis, Sonja Gasparin und Birgit Pölzl (v.l.nr.). Moderation: Barbara Simma (mi).
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Birgit Pölzl liest aus ihrem im Frühjahr 2007 erschienenen Roman „Seidenschrei“.
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Sonja Gasparin berichtet aus dem Arbeitsalltag einer Architektin. Fotos: Anke Strittmatter

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