Heuer feiert das Universalmuseum Joanneum in Graz seinen 200. Geburtstag. Im Monatstakt werden an allen Standorten des Joanneums Ausstellungen eröffnet. Den Anfang machte die interaktive Schau "ZeitZeitZeit. Vom schnellen Leben und der Kunst des Verweilens“ im Grazer Volkskundemuseum. Die Ausstellung ist bis zum 26. Oktober 2011 zu sehen.
Besucherinnen und Besucher machen im ersten Raum Station, wo sie in einen akustischen Temporausch und in Dunkelheit eintauchen. Soundcollagen und Nachrichten, die über einen Bildschirm laufen, machen auf Hörgewohnheiten und die alltägliche Reizüberflutung aufmerksam. Die nächste Station zeigt, wie sich das Tempo der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten durch die Technik und Kommunikationsmittel verändert hat. Alles scheint schneller geworden zu sein. Das Kommunizieren, die Berufsarbeit, die Freizeit. Wir hetzen von einem Termin zum nächsten und geben Gas, um Zeit zu gewinnen. Die subjektive Zeitwahrnehmung ist von Zeitmangel und Zeitdruck geprägt. Warum das so ist, erfahren BesucherInnen bei den verschiedenen Installationen. „Über Zeit nachzudenken heißt, über den Umgang mit uns selbst, unsere Beziehung zu anderen Menschen und unser Verhältnis zur Welt nachzudenken“, sagt Kuratorin Eva Kreissl.
Innere Uhr testen
In fünf Kurzfilmen, die nach 30 Sekunden gestoppt werden sollen, ohne dabei auf die Uhr zu schauen, wird die Zeitwahrnehmung getestet. Das Ergebnis verrät, ob die Eigenzeit mit der messbaren Zeit übereinstimmt. Bei der „Zeitbörse“ geht es um „Zeitgeschenke“. Genau genommen können wir einander Zeit nicht schenken, heißt es. „Wir können einander nur Anwesenheit oder Aufmerksamkeit schenken oder jemandem Tätigkeiten abnehmen – für eine gewisse Zeitdauer.“ Dadurch haben Menschen die Möglichkeit, Zeit gemeinsam zu verbringen oder für einen Austausch von Tätigkeiten und Talenten zu verwenden.
Dazwischen erzählt die Ausstellung Zeitgeschichten, wie etwa: „Momo“ von Michael Ende, „Der Zauberberg“ von Thomas Mann, „Die Uhr, die auf sieben Uhr stehen blieb“ von Jorge Bucay.
Die Faszination der Langsamkeit
Überaus faszinierend ist der Schweizer Film „realtime“. Die kurzen Episoden in Echtzeit, zeigen langsame Alltagswelten, als Kontrast zu den schnelllebigen Alltagswelten. Der Raum zeigt in Filmbildern langsame Alltagsmomente, wie etwa ein Kindergartenkind beim Anziehen seiner Jacke, beim Schneiden eines Weihnachtssterns, Menschen mit Behinderung beim Abfüllen von Werbematerial und gebrechliche Menschen beim Gang zum Mittagessen ins SeniorInnenheim. Beim Betrachten des Filmes wird der subversive Gehalt der Langsamkeit sichtbar, die sich dem gesellschaftlichen Diktat der Schnelligkeit und ökonomischer Nützlichkeit entzieht. Dadurch wird die extrem einseitige Ausrichtung der messbaren Zeit verdeutlicht. Dadurch wird uns oft der Blick für das Gegenwärtige verstellt, wo das eigentliche Leben stattfindet. Die Voraussetzung für einen selbstbestimmten Umgang mit der Zeit ist die Kultivierung der qualitativ erfahrbaren Muße-Zeit: Jene ist nicht messbar, entzieht sich der menschlichen Logik und folgt anderen Gesetzen.
Muße als „Gratis-Kur“
Die „Zeitapotheke“ bietet nicht ohne Augenzwinkern eine Reihe von „Rezepten“ für alle möglichen „Zeitkrankheiten“. Muße als „Gratis-Kur“ für die „ideale Bewegungsform der Zeit“ – verstanden als freie, bewusste Tätigkeit, die sich zwischen Konzentration und Entspannung vollzieht. „Lebensverlängernd“ soll das Führen eines Tagesbuchs sein, um über das Geschehen des Tages zu reflektieren und sich dem Vergessen zu entreißen. Empfohlen wird außerdem ein tägliches, morgendliches „Warm-up“ in Form eines Gedichtes vor dem Frühstück. Ein ausgezeichnetes „Nervenmittel“ ist, Souveränität über die eigene Zeit zu erlangen. Zum Beispiel, einfach so, einer Person in einer Warteschlange den Platz frei geben. Das stärkt die Nerven. Gewarnt wird vor „Multitasking“, denn jede Person hat nur einen „Arbeitsspeicher im Gehirn“ und deshalb: Immer schön der Reihe nach, alles zu seiner Zeit erledigen.
Wenn der Fluss der Zeit reißt
Die Installation „Zeitriss“ setzt sich mit dem Erleben auseinander, wenn plötzlich der Fluss der Zeit reißt. Wenn etwas Unerwartetes geschieht, mit dem wir nicht gerechnet haben. Das Erdbeben und die atomare Katastrophe in Japan sind solche eindringlichen Zeitpunkte, an denen für die ganze Menschheit Zeit still steht. Die Bilder der Medien werden sich in das kollektive Gedächtnis einprägen. Was haben Sie getan, als der erste Mensch am Mond landete und John Lennon ermordet wurde? Wo waren Sie am 11. September 2001? Wie war das Wetter bei Ihrem ersten Kuss? Beinah jede/r hat solche Bilder, die er mit solchen Zeitpunkten verknüpft und als Erinnerungen gespeichert hat. Die Ausstellung verfolgt diesen und weiteren Rissen in der Zeit und fordert BesucherInnen auf, sich mit ganz persönlichen Spuren dieser Ereignisse auseinanderzusetzen.
Inseln der Automie?
Zeit – ist eine ebenso ernste wie große Frage des Lebens und die Ausstellung versucht, jene mit Humor und Augenzwinkern zu begegnen, was in Ansätzen, wie etwa bei der originellen Installation „Zeitapotheke“ gelingt. Gesellschaftskritik wird auf subtile Art geübt, indem die negativen Seiten der immer schneller werdenden Gesellschaft aufgezeigt werden. Allerdings wird dieser Umgang mit der Zeit als gesellschaftliches Konstrukt, das nicht frei von Macht und Herrschaftsverhältnissen ist, als gegeben angenommen. Diese Entwicklungen könnten wir nicht aufhalten, heißt es und die gute Nachricht sei, dass jeder Mensch „Inseln der Autonomie“ besitze, die „dem Strom der Zeit widerstehen“. Man müsse sie nur finden und bewusst auf sie zusteuern. Die Ausstellung bleibt auf der subjektiven Ebene stecken und suggeriert, dass der Schlüssel für einen souveränen, gesunden und produktiven Umgang mit der Zeit in Sachen „Verantwortung, Arbeitszufriedenheit und Lebensfreude“ allein in den Händen des Einzelnen liegt. Große gesellschaftspolitische Fragen über einen gesellschaftlichen Wandel und der Diskurs über eine neue Zeitkultur werden leider nicht berührt.
Fasziniert vom Augenblick verweilen die Einen bei der Ausstellung, ohne auf die Uhr zu schauen, die Anderen wiederum haben es eilig und zerstreuen sich bei den Installationen für eine halben Stunde, um danach zum nächsten Termin zu hetzen. Gut möglich, dass alle am Ende der Zeitausstellung sensibilisiert sind für einen souveränen Umgang mit der Zeit.
RAHMENPROGRAMM ZUR AUSSTELLUNG:
_ Nachtführung durch das Volkskundemuseum
Achtung Zeitumstellung!
Sonntag, 27.03. 2011, 2.00-4.00 Uhr
Dauer 1 Stunde!
Am 27. März in der Früh wird die Uhr eine Stunde vor gestellt. Statt zwei ist es dann drei Uhr. Was geschieht aber mit der Stunde, die da verschwindet? Das Volkskundemuseum will es genau wissen und der verschwindenden Stunde in der Ausstellung „ZeitZeitZeit…“ auflauern. Für ZeitforscherInnen, Nachtmenschen und alle, die schon immer dem Verschwinden der Zeit einmal zusehen wollten, bietet das Volkskundemuseum in dieser besonderen Stunde eine Führung an, die von zwei bis vier Uhr morgens dauert und trotzdem nach einer Stunde vorbei ist.
Die Ausstellungskuratorin Eva Kreissl wird Besucherinnen und Besucher in einem nächtlichen Spaziergang durch die Ausstellung begleiten und mit die Kunst des Verweilens erkunden.
_ Zeitspaziergang
Termine: 3. Juli, 7. August und 4. September 2011, jeweils 12.00 UhrZeitZeitZeit…
Vom schnellen Leben und der Kunst des Verweilens
Kuratorin: Eva Kreissl
Ausstellungsdauer: bis 26.10.2011
Öffnungszeiten: Di–So 9.00-16.00 Uhr
Volkskundemuseum Graz
Paulustorgasse 11-13a, 8010 Graz
T +43 (0)316/8017-9881
volkskunde@museum-joanneum.at
- Verfasser/in:
- Gerlinde Knaus, Empfehlung








