Mit der Kindervilla JWE3 in Graz hat die Architektin Jasmin Leb-Idris ein Zuhause für Kinder und Jugendliche, für die familiäre Geborgenheit keine Selbstverständlichkeit ist und die einer dritten Haut in Form von Räumen zur Selbstfindung und Identifikation besonders bedürfen, geschaffen.
Auch wenn sich die pädagogischen Konzepte in Umgang und Betreuung mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen geändert haben, irgendwie bleibt doch ein Rest von Unbehagen beim Gedanken an Heime für so genannte „schwer Erziehbare“. Assoziationen mit hierarchischen Ordnungen und erzieherischer Willkür, die jeden Willen kreativen Verhaltens, wie man heute zu sagen pflegt, zu brechen vermögen und die ihre Entsprechung in ebenso hierarchischen Räumen und Häusern haben, rühren vielleicht von diversen Filmen zu diesem Thema, die immer ein flaues Gefühl himmelschreiender Ungerechtigkeit hinterlassen.
Die Kindervilla JWE3 oder Jugendwohlfahrtseinrichtung 3, wie sie etwas sperrig korrekt heißt, ist in ihrer architektonischen Ausformulierung gleichsam die Antithese eines solchen auf Kontrolle bedachten Systems, baut sie doch auf Offenheit und Kommunikation bei gleichzeitigem Zugestehen des Bedürfnisses der Jugendlichen nach Rückzug und Privatheit – beides wichtige räumliche Voraussetzungen für die Entwicklung während der ohnehin schwierigen Zeit der Pubertät.
Die klare Disposition des Hauses erleichtert die Orientierung nicht nur im räumlichen Bezugssystem, die umsichtige Auswahl der Materialien und die sorgfältig ausgeführten Details schaffen zusätzlich eine Atmosphäre, welche die Identitätsfindung fördert. Die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses wurden zudem bereits in den Bauprozess in Form von Führungen mit den ArchitektInnen miteinbezogen, gemeinsam wurde auch ein Modell des Hauses aus Karton im Maßstab 1:20 angefertigt.
Die Struktur des Hauses folgt der eines Einfamilienhauses: Das Erdgeschoss fungiert als Wohngeschoss mit Küche, Wohnzimmer, Mehrzweckraum sowie dem Teamraum und dem Büro für die Betreuer, im Obergeschoss befinden sich die neun Einzelzimmer der jungen BewohnerInnen sowie das Nachtdienstzimmer. Der Keller ist aufgrund der Hanglage ein Nutzkeller mit Lagern, Waschraum, Werkstatt und einem Tischtennisraum.
An einem Südhang mit Blick auf die Stadt gelegen, orientiert sich das Gebäude nach Südwesten und ist rundum von Grünflächen umgeben; zu berücksichtigen war allerdings die direkt unterhalb liegende, stark befahrene Straße. Die Belüftung der Räume erfolgt zum Wald hin, lärmgeschützte Außenräume orientieren sich nach allen Himmelsrichtungen und sind aus dem Gebäudevolumen ausgeschnitten. Ist die „Loggia" am Haupteingang mit Frühstücksterrasse noch relativ öffentlich, bietet das „Zimmer im Freien", nach Nordwesten geschützt, Ausblicke zu den Karmeliterinnen. Im Südwesten können in „Gartenhaus" und „Werkstatt" Fahrräder repariert oder Pflanzen umgetopft werden, während im intimen „Ruhehof" im Nordosten mit Blick auf den Wald relaxed werden kann.
Besondere Sorgfalt wurde der Ausgestaltung der Innenräume gewidmet. Während sich das Haus nach außen in sattem Grün präsentiert, sind die Böden durchgängig honigfarben gehalten, ebenso die Wände, sofern sie nicht weiß sind. Die Möbel und Einbauten sind im Kontrast zu dieser Homogenität bunt oder großteils aus Naturholz, aus stark gemaserter Fichte. Das Farbkonzept wird von den Grundfarben Blau-Grün dominiert, die einen kühlen, entspannten Kontrast zum warmen Grundton bilden. Stoffe mit klaren, kraftvollen Farben und Mustern sorgen für Individualität und schaffen Akzente.
PROJEKTDATEN
Adresse: Grabenstraße 90b, 8010 Graz
Bauherrschaft: GBG
Planung: lebidris architektur ZT (Jasmin Leb-Idris)
Mitarbeit Architektur: Johanna Kliment, Martina Ramschak, Petra Egghart, Andreas Leb (Visualisierung), Patrick Klammer (Modellbau),
Mitarbeit Bauherrschaft: Rudolf Peer (Projektleitung)
Tragwerksplanung: Zückert ZT Consulting
örtliche Bauaufsicht: Jakob Leb
Bauphysik: Vatter & Partner ZT KEG (Michael Vatter, Gregory Pilz)
Mitarbeit Bauphysik: Jörg Felgitsch
Wettbewerb: 2006
Planung: 2007 - 2008
Ausführung: 2008
Eröffnung: 2008
Grundstücksfläche: 1.111 m²
Bruttogeschossfläche: 535 m²
Nutzfläche: 490 m²
Bebaute Fläche: 234 m²
Umbauter Raum: 1.345 m²
Baukosten: 820.000,- EUR
Kosten pro Quadratmeter: 1.673 EUR
KONTAKT:
lebidris architektur ZT
Jasmin Leb-Idris, Jakob Leb
Josefigasse 1/1, 8020 Graz
T ++43 (0)316/724 007
F ++43 (0)316/724 007
officelebidris.at
- Verfasser/in:
- Ute Angeringer-Mmadu, Bericht
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