Wohnbauförderung NEU: Mut zur Qualität, aber das Rad nicht jeden Tag neu erfinden!

Dialogbereitschaft signalisieren Landesrat Johann Seitinger und Dr. Siegfried Kristan (Leiter der Abteilung 15, Wohnbauförderung) in der Erarbeitung des neuen Programms z

14/09/2006

Dialogbereitschaft signalisieren Landesrat Johann Seitinger und Dr. Siegfried Kristan (Leiter der Abteilung 15, Wohnbauförderung) in der Erarbeitung des neuen Programms zur Wohnbauförderung 2007/08. Geht es doch darum, neue Akzente zu setzen, nachdem es seit den 1990er Jahren kein eigenes Förderungsprogramm gegeben hat. Der Grund: ausstehende, längst getätigte Zusagen, die es einzuhalten galt. Nunmehr sind die Altlasten abgearbeitet und Neues scheint möglich. Gibt es bereits Richtlinien bezüglich Ökologie und Senkung der Betriebskosten, besteht bezüglich der Erreichung von baukünstlerischer und gestalterischer Qualitätssteigerung und ihrer nachhaltigen Sicherung Handlungsbedarf: Dezibel und k-Wert sind leichter zu messen als gute Grundrisse und kluge städtebauliche Ansätze. Begleitende Evaluierungen fehlen und immer noch kursiert das Vorurteil, dass Architektenplanungen teuer sind.

Im Gespräch mit Dr. Kristan: Ute Angeringer (GAT), Gabu Heindl, Markus Bogensberger (Vorstand HDA Graz)

KRISTAN: Wir haben alle Möglichkeiten unterschiedlichster Wohnformen durchexerziert, im Rahmen von Wettbewerben und Gutachterverfahren, Arbeiten und Wohnen, betreutes Wohnen, generationenübergreifendes Wohnen, aber nichts war wirklich durchschlagend oder nachhaltig und wir können nicht das Rad jeden Tag neu erfinden.

Woraus schließen Sie, dass diese Projekte keinen durchschlagenden Erfolg hatten? Ist es nicht so, dass vielfach Wettbewerbe nicht so umgesetzt werden, wie sie geplant waren? Zum Beispiel der Wettbewerb „W+ Wohnen und Arbeiten im Informationszeitalter“ (Heiner Hierzegger, Martin Flatz).

KRISTAN: Da habe ich bemerkt, dass die Zielrichtung nur bedingt erfüllt wurde, anscheinend wurde fast nur die Funktion Wohnen von den Bewohnern angenommen, die Idee von Arbeiten und Wohnen wurde wohl vom Bauträger nicht entsprechend kommuniziert.

Warum ist das Ihrer Meinung nach so und gibt es eine begleitende Kontrolle?

Sollen wir als Wohnbauförderung die Arbeit der Wohnbaugenossenschaft machen, die dafür ausgebildet sind, die Umsetzung vornehmen und dafür Honorare bekommen?

Aber die Aufsicht über die gemeinnützigen Bauvereinigungen gehört zu den Aufgaben Ihres Ressorts. Und dass Wettbewerbe oftmals nicht entwurfskonform zur Ausführung gelangen ist ein Kritikpunkt, der bei allen Veranstaltungen des HDA zum Thema „wohnen“ angesprochen wurde.

KRISTAN: Vielleicht ist oft etwas nicht umsetzbar, was von den Architekten vorgeschlagen wurde, wo die Kosten das Doppelte übersteigen. Z.B. Das Sozialprojekt „Grünanger“ in Graz von Prof. Hubert Riess. Seinerzeit wurde gesagt, dass die Ausführung mit 1000.- Euro gewährleistet wird, in Wirklichkeit lag die Ausschreibung bei 2000.- Euro, umgesetzt wurde der Bau um 1300.- Euro. Aber das liegt wohl auch an den derzeit sehr hohen Holzpreisen. Und bisweilen spielen die Bauträger und die Eingeladenen auch mit, ich will aber niemandem unterstellen, dass es Preisabsprachen gibt.

Was ist das Resumée dieses Pilotprojektes?

KRISTAN: Dass das Projekt nicht den gewünschten Erfolg für kostengünstiges Bauen gebracht hat, nämlich leistbaren Wohnraum für diejenigen zu schaffen, die es sich am wenigsten leisten können. Auf Grund der Sonderfinanzierung mit Landesdarlehen, Laufzeit 50 Jahre, konnte trotzdem eine soziale Miete von € 1,60/m² erreicht werden.

Warum versucht man nicht mittels Evaluierung herauszufinden, woran das liegt?

KRISTAN: Das bringt mich zur Rage, dass solche Dinge meistens nicht zu den Zielen führen, die man sich vorgenommen hat.

Ich bin in der Wohnbauforschung gerne bereit, Projekte zu unterstützen, die Sinn machen. Viele Projekte werden uns vorgelegt und in Auftrag gegeben, und es gibt sehr wenige positive Beispiele auf diesem Gebiet, die Neues gebracht haben.

Welche positiven Beispiele gibt es?

KRISTAN: Ein positives Beispiel ist Prof. Horst Gamerith, der sich Gedanken um die Sanierung macht.

Es gibt auch eine neue Forschungsarbeit vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit mit dem Titel: „Wirtschaftliche und soziale Folgen der Globalisierung für das Wohnungswesen“, mit deren Ergebnissen ich sehr konform gehe: Das Überdenken der staatlichen Förderung von höherpreisigen Ein- und Zweifamilienhausbauten, die Forcierung der Errichtung preiswerter Sozialwohnungen , die Absenkung der laufenden Betriebskosten, preiswerter Wohnungsneubau durch geringere Baukosten, neue Bauformen, neue Materialien usw., verstärkter Bau von Mietwohnungen, forcierte Sanierungsunterstützung von Altbeständen.

Sie kennen bestimmt die steirische Ökologisierung der Wohnbauförderung? Wir sind das einzige Bundesland in Österreich, welches eine solare Warmwasserbereitung vorschreibt.

Es ist einfacher Ökologiekennwerte zu überprüfen als architektonische Qualität.

Welche Ansprüche gibt es da Ihrerseits und welche Kontrollmechanismen sind da angedacht?

KRISTAN: Es ist jetzt gerade der richtige Zeitpunkt für einen Neustart im Rahmen des Wohnbau-Programms 2007/08. Es soll Änderungen im Rahmen der Gutachterverfahren zur Steigerung der Qualität geben. Wir sind hier gerne bereit, einen größeren Beitrag zu leisten. Im Einvernehmen mit dem Wohnbaureferenten Herrn Landesrat Seitinger, der auch auf eine Steigerung der Qualität Wert legt, arbeiten wir daran. In diesem Sinne gestalten wir die Vorbereitungen und ich bin gerne bereit in Gutachterverfahren zusätzliche Innovationen einzubringen.

Welche konkreten Maßnahmen und Kontrollmechanismen gibt es, damit ein Siegerprojekt eines Wettbewerbes auch entsprechend umgesetzt wird?

KRISTAN: Es ist ein ständiges Problem der baukünstlerischen Begleitung eines Projektes. Die Wohnbaugenossenschaften mit Planungsabteilungen verweisen auf ihre jahrelangen Erfahrungen und glauben es besser zu wissen, als ein Architekt, der womöglich seinen ersten Wohnbau macht. Da hinzuschauen und mit einer zusätzlichen Begleitung den Prozess zu verfolgen, wäre interessant.

Ist es nicht schade, dass Trittschallkennwerte überprüft werden, aber ein Konzept, das die Wohnzufriedenheit nachhaltig steigern könnte, nicht umgesetzt wird?

Der Wohnbautisch ist dafür vorgesehen, dass im Besonderen die baukünstlerische Qualität im geförderten Wohnbau ihren Stellenwert erhält.

KRISTAN: Nennen Sie mir einen kostengünstigen sozialen Wohnbau?

Die Volpesiedlung in Weiz von Josef Hohensinn, der Holzwohnbau in Judenburg von Hubert Riess. Was sind Ihrer Meinung nach die besten Beispiele sozialen Wohnbaus, international, national?

KRISTAN: Da ist einmal die Solarcity in Linz zu nennen, in Wien hat mich ein moderner Wohnbau mit einem besonderen Garten sehr beeindruckt. (Wohnbau Wien Siccardsburggasse von Patrizia Zacek). Dann noch in Holland eine Zwischenlösung, wo auf Grundstücken, die noch nicht sofort bebaut werden (Fertigstellung des Masterplanes) zwischenzeitig Containerwohnungen für Studenten errichtet werden, die es ermöglichen, um 8000.- Euro einen brauchbaren Wohnraum zu schaffen.

Welche Beispiele fallen Ihnen in der Steiermark ein?

KRISTAN: Das WIST Studentenhaus in Leoben von Alfred Bramberger. Sonst gibt es eher kompakte Wohnbauten und solitäre reihenhausartige Häuser.

Es gibt kaum Projekte, von denen ich sagen kann, dass sie besondere Innovationen haben.

Von den älteren Bauvorhaben ist es z.B. die Radegunderstraße (Manfred Zernig, Manfred Partl, Heiner Hierzegger), die Wohnbebauung Frauengasse in Judenburg von Mark Mack, Roland Hagmüller. Als neues Beispiel von Qualität ist die Theodor Körner Straße in Graz zu nennen, wo die Neue Heimat ihre Zentrale hat und dieser orange Wohnbau, in Solarbauweise mit Terrassenwohnungen und Studiowohnungen von Kurt Fandler.

Sie nennen diese Projekte vernünftig, aber nicht überwältigend. Wäre es nicht wünschenswert, wenn uns allen in einigen Jahren, ohne viel nachzudenken, mehrere herausragende Beispiele einfallen würden?

KRISTAN: Zweifelsohne. Die Begleitung von Bauvorhaben, wie zu Beginn angesprochen, die soll weitergedacht werden. Ich will kostengünstige Wohnungen und auch die Arbeit mit den Architekten im Sinne der baukünstlerischen Qualität forcieren.

Das Interview ist in der Gazette, September/Dezember ´06 erschienen.

Die Zeitschrift wird vierteljährlich vom HdA Graz herausgegeben.

Verfasser/in:
Ute Angeringer und Vertreter des HDA, Interview

Weiterführende Links

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Screenshot: http://www.wohnbau.steiermark.at

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