Touristische Großprojekte und Bauen im Freiland. Wirtschaftliche Interessen gehen vor Baukultur. Wieso sollte das im „Naturpark“ Südsteirisches Weinland anders sein? Ein Plädoyer fürs Ankurbeln, Lenken und Genießen.
Prägnante Weingärten, idyllische Dorfstrukturen und Hofanlagen, die Durchmischung mit Streuobstwiesen und Waldflächen. So kennen wir das Südsteirische Weinland, das aufgrund seiner Randlage lange Zeit benachteiligt war und in den letzten Jahrzehnten einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt hat. Die Landesregierung zeichnete diese Kulturlandschaft 2002 mit dem Prädikat „Naturpark“ aus. Der touristische Aufschwung führte zu dem gegenwärtigen Bauboom. Die Folgen: Zersiedelung, Mangel an Qualität bei den Bauten, grobe Eingriffe in die Landschaft. Die Rede ist von einer Gefährdung des kulturellen und somit auch des wirtschaftlichen Potenzials der Region. Ist diese Auszeichnung nichts weiter als ein Marketinggag, um Touristen anzulocken? Wie ernst nehmen PolitikerInnen, BürgermeisterInnen, BewohnerInnen den „Naturpark“, wenn bestimmte Verbindlichkeiten oder sogar kurzfristige wirtschaftliche Nachteile damit verbunden sind?
Bemühen sich einige wenige vergeblich um die Erhaltung dieser schönen Landschaft? Ist es letztlich ein Kampf gegen Windmühlen? Es schaut nicht gut aus in Sachen Landschaftsschutz und Baukultur. Die Raumordnungsnovelle von 2010 lässt das Bauen im Freiland zu und es kommt dadurch mehr und mehr zur Zersiedelung. Aber die große Gefahr geht – wie in allen touristischen Regionen – nicht primär von den „Kleinen“ aus, sondern von den großen Investoren, die in Riesenprojekte investieren. Bringen Investoren mehr Wohlstand und Segen für Land und Leute oder ist Zerstörung die Folge? Gibt es ein Sowohl als auch und wenn ja, unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen?
Die Politik hat Handlungsbedarf. Großprojekte erhalten derzeit noch Förderungen ohne baukulturelle Auflagen zur Qualitätssicherung. Laut einer Novellierung des Raumordnungsgesetzes dürfen nun auch im Freiland Gästehäuser gebaut werden. Hier besteht die Notwendigkeit, dass die Politik in Sachen „Naturpark“-Auflagen und Baukultur regulierend eingreift und die entsprechenden Gesetze schafft. Als vor beinahe zehn Jahren das Südsteirische Weinland zum „Naturpark“ gewürdigt wurde, war Aufbruchstimmung spürbar und es hieß: Die Landschaft soll sich im Sinne der Nachhaltigkeit weiter entwickeln, es sollen ökologische und kulturelle Bildungsangebote und Erwerbs- und Erholungsmöglichkeiten geschaffen werden. Und in diesem Rahmen wurde ein „Leitbild zur Baukultur“ erarbeitet, das seit etwa vier Jahren wirksam ist. Es enthält Vorgaben in Sachen Bau- und Landschaftsgestaltung.
Werden die notwendigen Gesetze der Politiker zu spät kommen, sodass man sich die Frage nach der Baukultur gar nicht stellen muss? Karin Tschavgova befürchtet: „Wenn weiter so ge- und verbaut wird, muss man sich vielleicht schon bald gar keine Gedanken mehr darüber machen, wie man den Tourismus in der Südsteiermark ankurbelt, lenkt und befriedigt, ... das Kapital Landschaft ist akut gefährdet.“ (In: Leitbild zur Baukultur, Vorgaben für die Bau- und Landschaftsgestaltung, 2007). „Leitbild zur Baukultur“ klingt schön. Das „Ja“ zur Baukultur kam bislang nur von wenigen.
Die Gemeinden, die sich zum „Leitbild zur Baukultur“ bekannt haben, verordnen Vorgaben für die Bau- und Landschaftsgestaltung. Das sind bis jetzt nur einige wenige, fünf an der Zahl: Eichberg-Trautenburg, St. Johann, Gamlitz, Sulztal und Vogau.
„Leitbild zur Baukultur"
Die fünf Gemeinden bekennen sich zur baukulturellen Qualität. Das „Ja“ zu dem Leitbild brachte für die Gemeinden eine Reihe von Verbindlichkeiten mit sich. Sie sind beispielsweise dazu verpflichtet, den Bauwerbern kostenlose Bauberatungen durch qualifizierte Sachverständige anzubieten und einen Gestaltungsbeirat für die Beurteilung von Bauvorhaben beizuziehen. Das „Leitbild zur Baukultur“ enthält detaillierte Gestaltungsvorgaben (11 Punkte) wie etwa die Situierung und Form der Gebäude, den Umgang mit dem Gelände und die Verpflichtung zu Wettbewerben für den kommunalen Hochbau. Zur Vorgeschichte des „Leitbildes zur Baukultur“: Die Bauvorschriften sorgten immer wieder für Unklarheiten. Deshalb wurde 2005 vonseiten des „Naturparks“ ein „Bauherrenbegleiter" und das Buch „Bauen in der Steiermark – Das Wohnhaus im südsteirischen Weinland" herausgegeben. Bauwillige sollten dadurch mit den wesentlichen Aspekten des Planens und Bauens im Naturpark vertraut gemacht werden.
Vier-Sterne-Superior-Hotel
Manche Gemeinden sprangen auf den Baukultur-Zug auf, dann wieder ab. „Wir verhandeln derzeit mit den Gemeinden Heimschuh und Gleinstätten und arbeiten daran, dass es mehr Gemeinden werden“, zeigt sich Wolfgang Fehleisen, Leiter der Baubezirksleitung Leibnitz, engagiert in Sachen „Leitbild zur Baukultur“. Das Problem ist, dass die Instrumente und die entsprechenden Gesetze für ein verbindliches Leitbild fehlen. „Wir können die Gemeinden ja nicht dazu zwingen. Die Umsetzung kann nur gelingen, wenn sie es mittragen“, so Fehleisen. Wenn wirtschaftliche Interessen im Spiel sind, wird das Leitbild zur Baukultur oft nachrangig behandelt. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Loisium wine & spa“ in Ehrenhausen. Die Langenloiser Loisium-Gruppe errichtet bis zum Jahr 2012 ein Vier-Sterne-Superior-Hotel mit 85 Doppelzimmern und 20 Suiten. Kostenpunkt: 19,4 Millionen Euro, gefördert wird das Projekt mit zirka 3,5 Millionen. Mit der Planung ist das Grazer Büro Architektur Consult mit Architekt Peter Zinganel beauftragt. Da Ehrenhausen nicht zu jenen Gemeinden gehört, die sich zum „Leitbild zur Baukultur“ bekannt haben, gibt es dort auch keine Naturpark-Auflagen, wie etwa einen Gestaltungsbeirat oder einen Architektenwettbewerb. Für das Vier-Sterne-Superior-Hotel gelten die Vorgaben des regionalen Bebauungsplanes.
Kampf Davids gegen Goliath
Kritisch angemerkt wird vonseiten der Baukulturverantwortlichen, dass die Förderungen an keine Auflagen zur Qualitätssicherung, wie es das „Leitbild zur Baukultur“ vorsieht, gebunden sind. Auch beim „Genussregal“ – ein 60 Meter langes und zwölf Meter hohes „Regal“ in Vogau (Planung BWM Architekten und Partner, Wien; Anm. d. Red.), das vom Land Steiermark mit zwei Millionen Euro gefördert und Ende Mai eröffnet wurde – verhält es sich ähnlich. „Bei den touristischen Großprojekten handelt es sich um eine andere Liga als bei den kleinen Häuslbauern und in Sachen Baukultur verhält es sich wie bei dem Kampf Davids gegen Goliath“, sagt Günter Koberg, Koordinator für Baukultur der Landesbaudirektion. „Wenn es um wirtschaftliche Interessen geht und verschiedene Tendenzen und Kräfte wirken, sind baukulturelle Auflagen nachrangig“, bringt es der Koordinator für Baukultur auf den Punkt. „Das Land, die Politik und die Bürgermeister freuen sich über jede Investition und da drückt man in Sachen Baukultur schon ein Auge zu“, kritisiert Koberg. Vor allem dann, wenn ein großer Investor ein Riesenprojekt in der Gegend realisieren will. Günter Koberg und Wolfgang Fehleisen setzen auf die Politik und auf bewusstseinsbildende Prozesse, um in allen Gemeinden einen Gestaltungsbeirat zu etablieren.
Wolfgang Fehleisen ist außerdem der Meinung, dass die Raumordnungsgesetznovelle vom vorigen Jahr, die das Bauen im Freiland erlaubt, das falsche Signal war. Bis zu diesem Zeitpunkt war es nicht möglich, ein Haus zur Gästebeherbergung im Hofbereich neu zu bauen. Kritisiert wird, dass die Novelle für sämtliche Regionen der Steiermark gültig ist, obwohl in der Südsteiermark die bauliche Situation eine gänzlich andere ist als beispielsweise in der Obersteiermark.
Noch keine Evaluierung
Abgesehen davon, dass das einhellige Bekenntnis der Gemeinden des Südsteirischen Weinlandes zur Baukultur fehlt, gestaltet sich die Prozessbegleitung des Fachbeirats in den Gemeinden als schwierig. Bei dem im Dezember 2010 von der Landesbaudirektion Steiermark und der „Baustelle Land“ durchgeführten Seminar zum Thema „Baukultur im Naturpark Südsteirisches Weinland“ in Silberberg bei Leibnitz gab es noch keine messbaren Ergebnisse in Sachen Gestaltungsbeirat (GAT berichtete). „Entwicklung von Baukultur dauert viele Jahre und ist von allen vier Akteursgruppen wie Bauherr, Planer, Gemeinde und Gestaltungsbeirat abhängig“, vertröstete Architekt Hans Gangoly die zahlreich erschienenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sein Institut an der TU Graz wurde mit der Evaluierung des seit Juli 2008 bestehenden Beirats beauftragt. Hans Gangoly sieht das so, dass es sich bei der Umsetzung des „Leitbildes zur Baukultur“ um einen längeren Prozess handelt, der ein bestimmtes Bewusstsein voraussetzt. Das Bewusstsein der Bauherren, dass beim Bauen in der Landschaft auch das öffentliche Interesse eine Rolle spielt, entwickelt sich nur langsam.
Gamlitz als Vorbild
Die Prozessbegleitung gestaltete sich auch deswegen herausfordernd, weil qualifizierte Planer für die Umsetzung der Leitbildvorgaben fehlen würden. Außerdem würden Bauherren die lange Dauer der Prozessbegleitung (bis zu zehn Sitzungen – in Vorarlberg sei es ähnlich) durch den Fachbeirat kritisch sehen und in der Praxis hätte es auch Fälle gegeben, wo sich Bauherren über baukulturelle Vorgaben hinwegsetzten. Für Gangoly ist klar: Auch kleine und weniger zeitaufwändige Aufgaben können große Wirkungen erzielen, wie etwa durch die „reduzierte Form“ bei Dachausbauten oder bei Ergänzungen von Wirtschaftsgebäuden. Ein Beispiel dafür bietet die Gemeinde Gamlitz, die gute Erfahrungen mit dem Gestaltungsbeirat gemacht hat. Bürgermeister Karl Wratschko wies darauf hin, dass Bauherren einerseits bei großen und öffentlichen Bauten von der Beurteilung des Fachbeirates profitieren und andererseits auch Zubauten, Wirtschaftsgebäude und Garagen nach außen wirken und das Orts- und Landschaftsbild nachhaltig beeinflussen.
- Verfasser/in:
- Gerlinde Knaus, Bericht


