„Was bleibt von einem fliegenden Klassenzimmer ...“

Kommentar zum EU-weiten, offenen, zweistufigen Realisierungswettbewerb „Neubau Volksschule Mariagrün - Graz“, der von der Stadt Graz (Stadtbaudirektion) im August 2010 au

28/05/2011

Kommentar zum EU-weiten, offenen, zweistufigen Realisierungswettbewerb „Neubau Volksschule Mariagrün - Graz“, der von der Stadt Graz (Stadtbaudirektion) im August 2010 ausgelobt worden war und bei dem das Projekt von Berktold Kalb Architekten im Februar 2011 aus 168 Einreichungen zum Sieger gewählt wurde. In der Jury waren u. a. die Architekten Sonja Gasparin (Vorsitzende), Adolph-Herbert Kelz (stv. Vorsitzender) und Universitätsprofessor Christian Kühn vertreten.

„Was bleibt von einem fliegenden Klassenzimmer ...“

von FEYFERLIK / FRITZER, Graz

(Teilnehmer der ersten Stufe des Verfahrens, Anm. d. Red.)

167 eingereichte Projekte - davon wurden ca. 30 sofort aus der Wertung genommen, entweder zu spät abgegeben oder die Anonymität war nicht gewahrt. Eine selten hohe Zahl an Verfehlungen der Teilnehmer ...

Die Jury peitschte innerhalb von drei Tagen die Projekte durch, bis zu den 8 Projekten der zweiten Stufe. Laut Protokoll, Vorstellung und Beurteilung in einem Aufwaschen, nichts absitzen lassen, nicht nocheinmal nachdenken ...

Damit das überhaupt gelingen konnte, wurden die Projekte von der Vorprüfung entsprechend der städtebaulichen Ansätze in Gruppen eingeteilt: längs zum Hang, quer zum Hang usw. usw. .

Im Protokoll ist nichts zu lesen von einem neuen Raumkonzept ...

Kurz zur Erinnerung:

Rund 100 Architekten standen mit der Sonne im Rücken einem Auslober (mehreren Vertretern des Auslobers), einer VS-Direktorin, einem VS-Lehrer, und einer Jury gegenüber, die, von der Sonne geblendet, notdürftig (und deshalb schräg) Pläne an den Blechfensterbänken der alten Villa aufgeklebt hatten.

Neue Begriffe wurden kreiert – an Stelle des Wortes „Klasse“ heißt es jetzt „homebase“, da ja nun in der „learnbase“ gelernt wird, das hochgelobte „Neue Konzept“ für die Volksschule konnte allerdings nur lückenhaft formuliert werden.

Die Frage, wo die Kinder ihre Pausen verbringen, wurde lapidar mit „draußen“ beantwortet – blieb die Frage offen, ob bei jedem Wetter?

Jede Frage zum neuen Konzept, von Prof. Kühn wortgewaltig gefordert, wurde als eher lästig empfunden und vom Vertreter des Auftraggebers, der GBG, letztendlich mit den Worten „ ... das bekommen Sie dann schriftlich ...“ abgetan.

Wozu das Hearing, überhaupt notwendig war, außer zum Besuch des Grundstückes, war, nachdem es vorbei war, nicht klar.

Aber alle waren trotz vieler Fragezeichen happy, z. B. die Direktorin der Schule, weil sie in Zukunft 120 Kinder in zwei ca. 100m²-Großräumen mit vier Lehrern im offenen System unterrichten darf. (Ähnliche Beispiele in Skandinavien gehen von mind. der doppelten Lehrerzahl aus.)

Der Auslober (und Zahler), die Stadt Graz, war happy, weil er dem Nutzer für das neue Konzept ein bescheidenes Flächenausmaß als „neu“ (zukunftsweisend) unterjubeln (verkaufen) konnte.

Auch viele der Planer ließen sich anfangs von den „100m² pro learnbase“ blenden. Dass die homebases im Vergleich zu bisherigen Klassenräumen schon sehr klein sein sollten, war allerdings bereits aufgefallen.

Der Wunsch der Nutzer war, alle Funktionen (mit Ausnahme der Sport- und Technikbereiche) auf einer Ebene zu positionieren, weil ja nicht nur die 1. und 2. Klassen miteinander kommunizieren sollen, sondern übergreifend auch die 3. und 4. Klassen. Vor allem die Lehrer aller Schulstufen sollten sich gut austauschen können.

Ein Einwand wegen des Brandschutzes (hinsichtlich der geforderten großen offenen Bereiche) wurde lapidar mit dem Hinweis quittiert „... wenn es dazu eine Sprinkleranlage braucht, dann sollte das kein Hindernis sein.“

Na ja, das war wohl alles zu viel für eine Stunde Hearing in der blendenden Sonne.

So, nun rauchten die Köpfe und ca. 170 Teilnehmer sollten das neue Raumprgramm für diese Pilotschule in neue Raumkonzepte gießen, offene Räume, optimale Raumverknüpfungen, spannende Blickbeziehungen ..., die 9x7m-Klasse sollte endlich Geschichte sein.

Bis hierher waren alle frohen Mutes, endlich bei der Geburtsstunde eines neuen Schultyps dabeigewesen zu sein.

Auch wieder zu Erinnerung:

Die Beurteilungskriterien der 1. Wettbewerbsstufe lt. Auslobung:

Die Konzeptabfrage (im Umfang laut Pkt. B 6.1) wird von der Jury nach folgenden Gesichtspunkten bewertet (Nennung ohne Reihung und Gewichtung):

_ Konzeptidee / Bedachtnahme auf pädagogische Vorgaben

_ Städtebau

_ Architektur

_ Funktionalität

_ Energieeffizienz

Die Konzeptidee war in allen Auslobungsunterlagen ganz groß geschrieben. Wiederholt wurde von Planern die Zweistufigkeit des Wettbewerbes hinsichtlich des Erfüllungsgrades der Aufgabenstellung in Frage gestellt, da es doch in erster Linie um ein neues (experimentelles) Raumkonzept ging - aber man durfte ja hoffen.

Nun zurück zur Realität:

Die Jury, offensichlich durch die Projektfülle heillos überfordert, in drei Tagen „Land zu sehen“, machte das, was man in so einem Fall immer macht: man teilt in Gruppen ein, hat man die Pojekteinteilung der Vorprüfung einfach übernommen und zwar „nach Städtbau“, nicht nach Raumkonzept, nicht nach Raumorganisation, nein, städetbaulich, denn das haben ja alle Beteiligten gelernt und wie sollte eine Schuldirektorin auch „durchblicken“, bei so vielen Projekten?!

Reduzieren, reduzieren, reduzieren – um sich den Anschein zu geben, die einzelnen Konzepte auch studiert zu haben, kamen dann schon sehr eigenartige Statements heraus, denn anders kann man diese Ein-Satz-Beurteilungen nicht nennen.

Hier einige Bewertungen aus dem Jury-Protokoll:

„Meet- and Greetzone funktional ungünstig“

„Funktionelle Mängel“

„Zu geringer Grenzabstand im SW.“

„Zerteilung des Naturraums der gesamten Bildungseinrichtungen (Städtebaulich unverträglich).“

„Positionierung zwischen der südlichen Wohnbebauung ist städtebaulich unvertretbar, sehr lange Wege“

Um welche funktionellen Mängel handelt es sich? Was sind „unvertretbar lange“ Wege? Liegen diese im Innen- oder im Außenbereich?

Kein Festhalten an einer Diskussion über die Herangehensweise, an die Beurteilung der Konzeptideen, die, wenn man die Projekte gesehen hat, nicht üppig, aber doch vorhanden sind.

Es gab einige, zumindest lt. Auslobung, Fragenbeantwortung und den übermittelten Tagesszenarien, - offenbar aber nur dem Anschein nach - sehr wichtige Punkte:

„Bevorzugte Eingeschossigkeit der beiden home- und learnbases“ – das war dann offensichtlich für die Beurteilung kein Thema mehr.

„Räumliche Spannung“ war noch so ein Schlagwort, weg von den 8x10m-Klassenräumen – na gut, jetzt sind sie halt 7,5x5,5m oder so ...

„Die Übersichtlichkeit der einzelnen Bereiche (vor allem der learnbases)“ – anscheindend sind (fix) gebaute Möblierungsvarianten/elemente keine Sichtbehinderung, nur weil sie nicht gezeichnet sind ...

„Direkte Beziehung der Lehrer-homebases untereinander“ – offenbar nicht mehr notwendig, man trifft sich ja sowieso wie bisher am Gang auf dem Weg zur Direktion ...

„Patschenschule“ – die Notwendigkeit einer zweiten Treppe wird als intelligente Raumlösung gelobt – hoffentlich wissen das dann alle und halten sich auch dran (Kinder !), denn die Kinder müssen zuerst einen Stock hinunter gehen, um die Patschen anzuziehen und dann wieder nach oben in ihre learnbase stürmen.

Könnte sein, dass das mit „langen Wegen“ gemeint war, wohl aber eher nicht, denn diese Lösung ist Teil des Siegerprojektes.

Kinder und Eltern soll(t)en animiert werden, zu Fuß in die Schule zu kommen, d. h. die tw. noch nicht hergestellten Fußwege zu verwenden. Städtebaulich war aber die Nähe des neuen Haupteinganges zum Parkplatz ein ganz wesentliches, wenn nicht das wichtigste, Beurteilungskriterium.

Mag sein, dass die Energiekennzahl des Siegerprojektes optimal ist.

Mit den konzeptionellen und räumlichen Wünschen und Ansprüchen der Auslobung hat diese Forderung aber nie wirklich zusammengepasst. Die Entscheidung ist aber eindeutig in diese Richtung gefällt worden.

Kurz, man hat versucht zu fliegen und ist über den ersten Flügelschlag leider nicht hinausgekommen.

Dass dem so ist, lag aber sicher nicht am offenen Wettbewerb und nicht an den ca. 150 Teilnehmern.

Hier einzelne Punkte dafür anzuführen, sprengt den Rahmen dieses Artikels, ist aber sicherlich gesondert zu diskutiert.

Verfasser/in:
Feyferlik / Fritzer, freie Meinung

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