Im Rahmen des von der Wirtschaftsabteilung der Stadt Graz veranstalteten Club Zukunft diskutierte am 29. September eine hochkarätige Runde über Architekturqualität in Graz zwischen Gestaltung, sozialem Umfeld und Ökologie: Karin Wilhelm, Professorin für Geschichte der Architektur und Stadt an der TU Braunschweig mit langjähriger Grazerfahrung, die Grazer TU-Professoren Hans Gangoly (Gebäudelehre) und Peter Kautsch (Hochbau und Bauphysik), Architekt Bernhard Schönherr von Love Architecture und Walther Wessiak von der Baugesellschaft Robier. Den Rahmen bildete der Wilde Mann in der Jakoministraße, der leider nicht mehr lange öffentlich zugänglich sein wird. Wie das mit den Belebungsplänen für das Jakominiviertel zusammenpasst ist aber eine andere Geschichte.
Nach einem IMAX-würdigen Video-Intro umriss GR Georg Topf, der Stadträtin Sonja Grabner vertrat, die Ausgangssituation: Eine wachsende Stadt, die angesichts des inflationären Baus von Einfamilienhäusern am Stadtrand vor der Herausforderung steht, städtische Verdichtung und vielleicht eine Entwicklung in die Vertikale zu forcieren. Im Stadtentwicklungskonzept STEK 4.0, das gerade in Arbeit ist, soll auf jeden Fall das mit Graz eng verflochtene Umland stärker eingebunden werden.
Architektur ist die Produktion von Lebensgefühl
Wir leben in einer fragmentierten Gesellschaft, die immer weniger Standards kennt, die für alle gelten. Es gibt Entwicklungen hin zu Singlewohnungen als auch zu einem gesellschaftlichen Zusammenrücken, ähnlich einer Großfamilie, das größere Einheiten erfordert. Parallel steigt die individuelle Mobilität: Paare, die als Jungfamilie an den Stadtrand gezogen sind, ziehen vermehrt wieder in die Stadt zurück, sobald die Kinder aus dem Haus sind. Die Architektur muss auf all diese unterschiedlichen Lebensentwürfe reagieren.
Im Gegensatz zu den Standardgrundrissen im heutigen geförderten Wohnbau bieten die Grundrisse von Gründerzeithäusern eine enorme Flexibilität, die soziale Strukturen von großbürgerlichem Familienleben bis zu Studenten-WGs beherbergen kann. Laut Hans Gangoly ist das auch auf die Größe der Wohnungen zurückzuführen, die viel Volumen für wenige Menschen benötigen. Dieses mehr an Raum kann als eine Qualität verstanden werden, die man sich für Umbauten von Nachkriegsbauten zum Vorbild nehmen könnte, wie es etwa die französischen Architekten Druot, Lacaton & Vassal in ihrer Studie "plus" vorschlagen. Überhaupt wurde und wird an historischen Gebäuden kontinuierlich weitergebaut, eine Tatsache, die auch bei der Konzeption heutiger Strukturen bedacht werden sollte. Karin Wilhelm betonte, dass Flexibilität weiter gefasst werden muss, nicht nur bei Grundrissen, sondern ebenso im städtischen Kontext sowie in Sozial- und Arbeitszusammenhängen von Bedeutung ist.
Einen Punkt, in dem sich alle einig waren, sprach Bernhard Schönherr aus: Wohnbauentwickler und besonders die Wohnbauförderung erzwingen oft uninspirierte, unflexible Standardlösungen, die der Markt - vermeintlich - fordere. Argumentiert wird oft mit den Kosten, wobei meist nur Planungs- und Baukosten berücksichtigt werden, die allerdings nur rund 20% der Gesamtkosten ausmachen. Mit innovativen Lösungen könnten die laufenden Kosten im Betrieb deutlich gesenkt und die Nutzungsdauer erhöht werden. Und Ideenpotenzial ist in der Grazer Architektenschaft sicher genügend vorhanden.
Fassaden mit Plastiksackerl
In Sachen Energieeffizienz ist das, von der Politik noch viel beschworene, Passivhaus schon längst von Niedrigst- oder Plusenergiehäusern als State of the Art abgelöst worden. Anstatt Plastiksackerln über jede Fassade zu stülpen, wie es Walther Wessiak formulierte, gibt es sowohl individuelle High- als auch Low-Tech Lösungen um Energieeffizienz und architektonische Qualität unter einen Hut zu bringen. Auch hier bremsen die Richtlinien die Entwicklung, betrachten sie doch immer nur die (theoretischen) Werte einzelner Bauteile anstatt deren Zusammenspiel im Ganzen und mit dem Nutzer.
Ökologie, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit dürfen nicht zu einem Marketinginstrument verkommen, sondern sind ein kulturelles Thema, das weit über die Materialwahl hinausgeht. Langfristig müssen, laut Wilhelm, bisher ausgeklammerte Fragen an unsere Lebensweise und unser Konsumverhalten gestellt werden, um anstehende Probleme zu lösen, anstatt mit immer noch neueren Technologien zu reagieren. Für die Architektur beginnt die Lösung bei der Raumplanung, ergänzte Gangoly: So lange im Speckgürtel um die Städte immer neue Einfamilienhäuser entstehen (und gefördert werden) braucht man sich als Gemeinschaft über die Energieeffizienz von historischen Bauten keine Gedanken zu machen.
Angst vor Urbanität
Das Thema Energie darf nicht isoliert, sondern sollte immer im Zusammenspiel mit anderen Fragen betrachtet werden. Zu einem guten Beispiel entwickelte sich in der Diskussion das 1964 erbaute Elisabeth-Hochhaus, das entgegen der (zumindest vom Moderator als solche präsentierten) allgemeinen Meinung nicht einfach "pfui" ist. Die Kritik an den energetischen Schwächen der damals üblichen Baumaterialien, die übrigens von der Kompaktheit teilweise kompensiert werden, greift viel zu kurz, wie auch die erfolgreiche Sanierung des Hotel Daniel am Hauptbahnhof zeigt. Sie fußt, genauso wie die gestalterische Kritik an solchen Bauten, in der Rolle des Hochhauses als Symbol für eine Modernität, vor der viele noch immer Angst haben. Wie auch andere Gebäude dieser Zeit hat das Elisabeth-Hochhaus einen symbolischen Wert als Zeuge des Wiederaufbaus, gehört zur historischen Schichtung der Stadt.
Die Angst vor dem Hochhaus - als solches gilt in Graz schon jedes Gebäude ab acht Stockwerken - ist für Hans Gangoly schlicht eine Angst vor Urbanität: Jeder will in der Stadt leben, von ihren Vorteilen profitieren, ist aber nicht bereit sie als eine Gemeinschaft von vielen - in der baulichen Praxis also auch in ihrer Dichte - zu akzeptieren.
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Bericht

