Dass soziale Fragen in der Architektur zunehmend wichtiger werden, zeigt das Grazer Haus der Architektur. Nun bei den Architekturtagen.
Auf die Auflösung der Kleinfamilie, die Ich-AGs mit ihren oftmals prekären Arbeitsverhältnissen und die Überalterung der Gesellschaft muss Wohnbau reagieren. Und zwar nicht mit Fassadengestaltung", sagt Gabu Heindl. Sie ist Vorstandsmitglied im Grazer Haus der Architektur(HdA). Ihr Kollege Markus Bogensberger ergänzt: "Bis zu vierzig Prozent der Kinder wachsen heute in alleinerziehenden Familien auf. Ein Umstand, auf den im Wohnbau kaum reagiert wird." Beide meinen, dass es höchst an der Zeit sei, verschiedene neue Wohnkonzepte zu thematisieren. Zur Patchworkfamilie beispielsweise gäbe es kaum architektonische Vorschläge. Und der Wohnbau ist nur eines der Themen, an dem sich im Moment essenzielle soziale Tendenzen der Gesellschaft veranschaulichen lassen.
Mit ihren Kolleginnen und Kollegen haben Heindl und Bogensberger deswegen auch das Jahresthema des HdA dem "Alltag" gewidmet. In der österreichweiten Veranstaltungsreihe Architekturtage (siehe auch Falter Wien, Seite 80), die am 9. und 10. Juni auch in der Steiermark über die Bühne geht, spielt dieses Thema nun eine zentrale Rolle. Jedes Bundesland hat dabei für sich ein Thema, das die einzelnen Häuser der Architektur durchführen. In der Steiermark Thema: Ausflug in den Alltag.
Der Falter traf die beiden im HdA, um von ihnen zu erfahren, warum soziale Themen in der Architektur neuerdings wieder so wichtig sind.
Über eine Reihe von Schwerpunktthemen werden soziale Themen heuer im Haus thematisiert. Im Moment ist es Wohnen, das nächste ist Arbeiten. Dann kommt Schützen, Konsumieren, Glauben und zuletzt Bauen. Grundsätzlich wichtig sei, dass man heute Funktionen oder Handlungsfelder nicht mehr strikt trennen könne. Deswegen gibt es zwar eine Trennung in Module im Programm des HdA, aber "wir sprechen jetzt im Wohnenschwerpunkt immer schon darüber, wie das in Relation zur Arbeit steht. Das wieder ist verknüpft mit Städtebau", so Heindl.
Dass die Architektur sich einer sozialen Verantwortung stellt, komme nicht von irgendwoher, sondern es sei logisch, dass es international viele Bewegungen gibt, die über reine Oberflächenbetrachtung hinausgehen wollen. Aber eine Übersetzbarkeit von sozialen Fragen, gesellschaftspolitischen Kontexten, politischen Themen in gewisse ästhetische räumliche Konstellationen, das bräuchte viel Forschung und Arbeit. Und nachdem Lebensqualität sich nicht mit Excel-Tabellen messen lässt, müsse man einmal Ziele formulieren. Diese Aufgabe steht jetzt an. Man kann als Architekt auch keine Standardrezepte aus dem Hut zaubern, weil die Forschungen fehlen. "Und da ist es halt leichter, im sozialen Wohnbau die Fassade neu zu färbeln oder hübscher zu machen", so Heindl. Bogensberger ergänzt: "Die soziale Forschung und die Forschungsprogramme in der Steiermark sind in Bezug auf Wohnbau in den Neunzigerjahren abgebrochen worden. Womit man sich jetzt intensiv beschäftigt, sind ökologische Maßnahmen. Und die soziale Komponente von Wohnbau tritt total in den Hintergrund." So gehe es dem steirischen Wohnbau verstärkt darum, dass es keine Wärmeabstrahlung gibt und dass Solarenergie verwendet wird. Wo die Forschung hingeht und wo Prioritäten gesetzt werden, merke man etwa daran, dass Häuser ab nächstem Jahr einen Energieausweis haben sollen. "Das ist nicht unwichtig, aber gleichzeitig ist es das Problem. Wenn diese Wärmedämmschutzmaßnahmen im Wohnbau zum Hauptparameter von Architekturproduktion werden, hat das massive Auswirkungen, weil das dann der Schlüssel zur Wohnbauförderung ist. Aber wie sieht es eigentlich mit Wohnkonzepten, Wohnmodellen, Raumgefühl, Benutzbarkeit von Architektur aus?", fragt sich Heindl. Da würde fast polemisch Wärme gegen Wärme ausgespielt. Soziale Wärme gegen Wärme im Raum. Deshalb müsse man auch vermitteln, dass es in der Architektur nicht nur um eine technische Forschung gehen kann. Und das versucht das HdA mit seinem Programm.
Als positives Gegenbeispiel führt Bogensberger ein Architektenteam in Frankreich an, das sich mit der Frage beschäftigt, wie man die Sechzigerjahre-Wohnblöcke, die sozial sehr schwierige Umstände generieren, umbauen kann, um die Lebensqualität zu steigern. Da wird von der Öffentlichkeit gefordert, sie abzureißen.
Auf dem Programm des HdA steht beispielsweise auch ein Vortrag von BKK3, den Architekten in Wien, die die sogenannte Sargfabrik gemacht haben. Dieser Wohnbau war wegen seiner partizipativen und extrem aktiven Rolle der Bauherren international ein extrem beachteter Bau. "Das, wovon Architekten träumen, nämlich soziales Leben zu implementieren, das funktioniert dort noch immer", schwärmt Bogensberger. Die Architekten werden ihren Vortrag in der Terrassenhaussiedlung, einer Grazer Siedlung aus den Siebzigerjahren, wo das auch versucht wurde, halten. "Solche Bauten blieben Einzelerscheinungen, nicht, weil sie nicht funktionieren, die funktionieren beide perfekt, sondern weil es zu wenig Anstrengung gibt, sich damit auseinander zu setzen", sagt Bogensberger. Auf die Frage nach den Gründen dafür nennen Heindl und Bogensberger unisono, dass die Politik sich schon seit längerer Zeit von dem Thema verabschiedet hat, weil Bauen eine langfristige Sache ist, die über eine Legislaturperiode hinausgeht. Und dann gibt es die Bauträger, die eher konservativ sind und seit Jahrzehnten ihren Standardschlüssel produzieren. Diese Zusammenhänge führen aber andererseits zu sehr innovativen Konzepten. Bogensberger führt als Beispiel das Architekturbüro Pentaplan mit ihren Projekten der Siedlung "Alphawolf" und "Das tiefe Haus" in Mariatrost an. Pentaplan hat sich selber einen Bauherrn gesucht und auch selber vorfinanziert, gemeinsam das Projekt entwickelt. Auch für Abwicklung und Finanzierung zeichnen die Architekten verantwortlich und keine Wohnbaugenossenschaft. "Da fangen die Architekten an, selber Projektentwickler zu werden, weil sie das niemand bauen lässt. Und das ist ökonomisch erfolgreich."
Auch das sei ein wesentlicher Punkt bei den Architekturtagen: zu vermitteln, dass geplante Architektur den Bauherren Geld spart. Es geht um breite Vermittlung von positiven Aspekten und Effekten. Dafür gibt es Atelierbesuche und eine Reihe von geführten Touren zu neuen und qualitativ hochwertigen Bauten. Die Planer stehen dabei für Fragen zur Verfügung. Am Schluss gibt es ein großes Fest im HdA.
Architekturtage, 9. und 10. Juni 2006
www.architekturtage.at,
www.hda-graz.at und http://gat.nextroomDer Falter Steiermark erscheint wöchentlich, jeweils am Mittwoch.
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