Vortrag von Kjetil Thorsen, Snøhetta

Am Donnerstag, den 12. Mai 2005 luden die Sektion Architektur des Vereins alumniTUGraz 1887 und die Fakultät für Architektur der TU Graz zum Absolventenvortrag von Kjetil

16/05/2005

Am Donnerstag, den 12. Mai 2005 luden die Sektion Architektur des Vereins alumniTUGraz 1887 und die Fakultät für Architektur der TU Graz zum Absolventenvortrag von Kjetil Thorsen, Gründungsmitglied und Partner des Architekturbüros Snøhetta aus Oslo. Bekannt wurde das Büro vor allem durch das Projekt der Bibliothek von Alexandria und erhielt dafür unlängst den Aga-Khan-Preis für Architektur 2004.

Gemeinsam mit seinen Partnern wurde damit auch der in Graz geborene und derzeit in Los Angeles lebende Architekt und Zeichensaalkollege Christoph Kapeller für das um 224 Millionen Euro errichtete neue Wahrzeichen Alexandrias geehrt.

Umso mehr eine Freude für die Architekturfakultät, wie Dekan Urs Hirschberg vermerkte, Anlass und auch Möglichkeit, die Leistungen seiner Absolventen zu ehren, aber auch ihre Reputation und ihren Erfolg für Graz zu nutzen.

Kjetil Thorsen, der 1985 in Graz diplomierte und intensives Mitglied des AZ3 war (der radikalste unter den Zeichensälen, da er ohne Pflanzen auskam), beschreibt die Grazer Jahre vor allem als eine Zeit leidenschaftlicher Intensität, die, sowohl physisch als auch psychisch durchaus fordernd, Architektur als ein Wahrnehmen von Grenzen und Übergängen, von Spannungen und Gegensätzen, von Diversitäten, schätzen lernen ließ.

„Jeder muss sich Richtung vorne bewegen“, lautet eine Spielregel von Snøhetta. Neue Zugänge fordernd bis zum selbststrukturierenden Chaos, entwerferische Standpunkte zu verändern, in einem offenen Raum mit „offenen Tischen“, dies lässt auch an die Atmosphäre der Zeichensäle in Graz denken, wenn man die Büroräumlichkeiten von Snøhetta sieht, deren Blick auf das Meer von den Stadterneuerungsplänen Oslos bislang unbehelligt blieb.

So schaffen Ole Gustavsen, Craig Dykers und Kjetil Thorsen in ihrem Büro eine Struktur und eine Atmosphäre für mittlerweile über 60 Mitarbeiter unterschiedlichster Nationalitäten, 50% Männer und 50% Frauen. „Wo sich zwar keiner außerhalb des vom Büro festgesetzten Freiraums bewegen darf“, aber, so vermerkt Thorsen, „wo starke Persönlichkeiten nicht wahnsinnig werden, entsteht individuelle Freiheit.“

Wenn auch das Büro in seiner Anfangszeit keine Wettbewerbe für sich verbuchen konnte, so wurden in dieser Zeit entscheidende Zugänge entwickelt, wie die Untersuchung der Verschneidung von Baukörper und Wasseroberfläche oder die Integration von Architekturen in die Landschaft, wie dann 1990 im Museum für Winterspiele in Lillehammer ausgeführt.

Weitere, nicht gewonnene, Wettbewerbe folgten, so die Bibliothek in Abu Dhabi, das Neue Konzerthaus für das Dänische Radio in Kopenhagen oder das BMW Event and Delivery Center in München.

Direktaufträge für kleinere Projekte wie das Fischereimuseum in Karmøy (einem Kubus aus geflochtenem Wacholder und Glas), den Zumtobel Staff Showroom in Oslo (die Präsentation von Lampen, ohne Lampen zu zeigen) oder öffentliche Bedürfnisanstalten („Es leuchtet schön, wenn man reingeht“) ermöglichten das Überleben.

Mit der norwegischen Botschaft in Berlin kam 1999 dann nicht nur ein Stück norwegische Architektur nach Berlin, sondern auch ein von Eis geschliffener Steinblock mit 120 Tonnen, 14 mal 5 Meter und 70 Zentimeter dick, der dem Gebäude seine Geschichte gibt.

In der Mischung aus regionalem Sandstein und gefärbtem Beton des Instituts für Neurobiologie in Marseille, eingebettet in die Landschaft zwischen Ozean und den Calanques, ist einmal mehr die hohe Materialästhetik und handwerkliche Präzision von Snøhetta zu erleben, so auch im Rathaus von Hamar.

Letztlich ist es die Bibliothek von Alexandria, ein Gebäude eingebettet zwischen der Stadt, die Symbole, Leitmotive und Assoziationen liefert und der Küste, einem Ort aufgespannt zwischen Verlassen und Bleiben, die Snøhetta international positioniert. Das Gebäude, für 2000 Besucher konzipiert, wird heute täglich von 12.000 Menschen in seiner Kontemplativität besucht. 6.500 m² Granitwand mit Inschriften aus 600 Schriftsprachen von 5000 Jahren Menschheit formen einen schrägen, 7-geschossigen Rundbau mit 80 Metern Durchmesser, der, einem Lesesaal gleich, einer städtischen Landschaft unter einem riesigen Dach als Lichtträger Raum gibt.

Dem an sich elitären Bauprogramm des neuen Opernhauses in Oslo begegnet Snøhetta mit der Erweiterung des Stadtraums auf das Dach: „Wenn nicht in die Oper, dann auf die Oper.“

So liegt für Kjetil Thorsen die Monumentalität dieses Gebäudes in der Erinnerung, in der Erinnerung an die Blendung von 23.000 m² weißen Carrara-Marmors, der den Platz bildet.

Der Innenraum wird von massivem Holz dominiert, die Brüstungen gleichen „shakespearean coca-cola-streamline Zigarrenboxen“, die Abstraktion des Lusters dient als akustischer Reflektor.

Die feierliche Eröffnung des Opernhauses wird am 10. September 2008 um 20.00 Uhr sein.

Das für Margate/England errichtete Turner Museum wird 2007 vor Anker gehen. Der aktuell in der Werft Harland and Wolff gefertigte Museumsbau scheint wie Turner die Horizonte verschwinden zu lassen.

Die Faszination der Architektur übertrug sich umso mehr auch als sinnliche Dekonstruktion im finalen Akt einer brennenden Scheune in Kematen (Tirol), Schlusspunkt von Entwerfen 1 mit Kjetil Thorsen, der seit März 2004 als Architekturprofessor an der Universität Innsbruck lehrt.

„Frozen Heaven“, anlässlich der Universiade in Innsbruck oder „Tschernobyl+“ gaben weitere Einblicke in Thorsens Architekturvermittlung.

Architektur auf sprachlicher Ebene zu kommunizieren war auch die Anforderung für das neue Museum auf dem Ground Zero in New York. So traf der Auftraggeber, die Lower Manhattan Development Group, seine Entscheidung auf Grundlage von umfassenden Interviews und Snøhetta konnte auch dort überzeugen.Fotos: Jörg Kindermann

Verfasser/in:
Jörg Kindermann, Bericht

Weiterführende Links

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Museum für Winterspiele, Lillehammer
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Büro von Snøhetta in Oslo
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Büro von Snøhetta in Oslo
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Steinblock für die Norwegische Botschaft in Berlin
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Bibliothek in Alexandria
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Bibliothek in Alexandria
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Grantitblock für die Bibliothek in Alexandria
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Lesesaal der Bibliothek in Alexandria
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Sinnliche Dekonstruktion, Entwerfen 1 an der TU Innsbruck
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Turner Museum in Margate/England

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